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Wo liegt dieses Wien eigentlich?

17. November 2015 / von / 0 Kommentare

Das Jahr geht langsam winterschlafen. Und die sowohl medial als auch in zwei Parteizentralen zur Mutter aller Schlachten aufgeblasene Wienwahl liegt auch schon ein Weilchen zurück. Es kann der Stadt nur gut tun, wenn man ihr nicht permanent den Brandstempel gesellschaftlicher Spaltung auf die Stirn sengt und für sämtliche Fragestellungen ausschließlich im Raster “Oasch oder Leiwand” die richtigen Antworten sucht.

Kolumne: Gebrüder Moped

Irgendwie müssen wir 1,7 Millionen Menschleins eben miteinander auskommen. Ist ja nichts Neues. Aber einfach ist das nicht, keine Frage. Denn gerade Wahljahre vermitteln zunehmend das Gefühl, als würden wir allesamt gar nicht in ein und der selben Stadt leben. Wir reden nicht mehr nur von einer Bildungs-, Chancen- oder Einkommensschere, sondern auch die Wahrnehmungen zu unserem Lebensraum namens Wien scheren immer weiter auseinander. Wo liegt dieses jeweils andere Wien eigentlich?

Während die einen als kosmopolitische Dauergrinser in Freilandhaltung durch eine glückliche Stadt cruisen, und die Achse aus Lebensqualität, Wiener Schmäh und multikultureller Melange herzhaft als Teil ihrer eigenen Kultur beradeln, raunzen und fluchen die anderen Parkplatz suchend und unentwegt über bürgerkriegsähnliche Zustände und die permanente Auseinandersetzung mit Menschen, die sie im Grunde nicht hier haben möchten und denen es gefälligst sichtbar schlechter zu gehen hat als ihnen selbst.

Und natürlich könnte man am Donau-Dorado noch Vieles schrauben, um die Infrastruktur und unseren Lebensraum attraktiver zu gestalten. Aber dieses zelebrierte Unglück, die ständige Schuldzuweisung, die dauerhafte Suche nach dem Sündenbock? Ist das nicht anstrengend, tut das nicht weh? Wo leben diese Menschen eigentlich? Kleiner Mann von der Straße hin, allein erziehende Billa-Kassierin her: Was ist da passiert, dass es sich manche Menschen noch ungemütlicher in unserer Stadt machen als notwendig? Wie fühlt sich das eigentlich an?

Wie fühlt es sich an, wenn man neidgrün gegen Flüchtlinge geifert, die gerade alles verloren haben und die eben kurz- oder langfristig Schutz und Leben in Wien suchen? Ist doch eine Auszeichnung für uns und unsere Heimat, wenn ausgerechnet wir dafür in Frage kommen.

Wie fühlt es sich an, wenn man Angst davor hat, dass einem jemand den Arbeitsplatz wegnehmen könnte, der bei uns nicht einmal arbeiten darf?

Wie fühlt es sich an, wenn man permanent alles und jenes auf Flüchtlinge zurückführt, von denen man noch keinen einzigen persönlich gesehen, geschweige denn kennengelernt hat?

Wie fühlt es sich an, wenn hier Geborene genau zu wissen meinen, wie die Integration neu Hinzugewanderter auszusehen hat. Vergesst gefälligst eure Wurzeln und entscheidet euch umgehend zwischen Austria und Rapid, um dazuzugehören! Darf denn Arnold Schwarzenegger jetzt nicht mehr Wiener Schnitzel und Wolfgang Ambros mögen?

Klar, wir spalten weiter. Denn wo ein Spalt, da auch Spalter. Aber Grundvoraussetzung für einen verbindenden Diskurs zwischen den Gut- und SchlechtfinderInnen der Gegenwart in dieser Stadt bleibt eben auch, sich an den kleinen allgemein gültigen Konsens des menschlichen Miteinanders zu halten: Seid’s lieb und macht es euch nicht so schwer. Amen.

Und ja, es soll allen gut gehen hier. Und wenn sie fragen: Kümmert sich eigentlich auch jemand um die Armen, die seit jeher in dieser Stadt leben? Natürlich passiert das. Und zwar vorwiegend durch jene Organisationen, denen die Tüchtigen und Anständigen so gerne die Förderungen streichen möchten.


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