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„Wir WienerInnen arbeiten um zu leben“

11. September 2015 / von / 0 Kommentare

Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl sprach mit Dino Šoše über die hohe Arbeitslosigkeit, die Schule des 21. Jahrhunderts, Angst vor „Fremden“ und humanitäre Traditionen in Wien.

Interview: DINO ŠOŠE | Fotos: MICHAEL MAZOHL

WV: Herr Häupl, watschen Sie mich, wenn ich Sie frage, ob Sie mit der FPÖ koalieren werden?

HÄUPL: Nein, mache ich nicht, weil diese Frage für Sie legitim ist. Aber ich kann keine Regierungszusammenarbeit mit der FPÖ machen, weil die gegen Kinder demonstrieren, Leute gegeneinander aufhetzen, gegen Vielfalt sind und in den letzten Jahren gegen alle Sozialgesetze gestimmt haben. Es geht aus inhaltlichen Gründen nicht und es geht ehrlich gesagt auch aus Haltungsgründen nicht. Ich bin das Gegenteil von dem was Strache meint und macht.

WV: In Umfragen kratzt die FPÖ in Wien an den 30 Prozent. Haben Sie einen Bamm’l vor der Zukunft nach der Wahl?

HÄUPL: Der Vorteil meines Alters ist, dass es auch Gelassenheit bringt und Erfahrung und daher fürchte ich mich vor nichts und vor niemanden.

WV: Was braucht ein Bürgermeister um den Wiener Wahlkampf zu überleben? Mehr Kalorien? Oder zwei Wochen Urlaub ab dem 12.10.?

HÄUPL: Gar nix. Man muss schauen, dass man körperlich einigermaßen fit ist, ich mache drei Mal in der Woche Sport. Dann bringt man natürlich auch all sein Wissen, all seine Erfahrung und eine gewisse Intellektualität mit ein und dann bekommt man den Wahlkampf, auch wenn er manchmal in Zeiten fokussierter Unintelligenz stattfindet, schon hin.

WV: Warum, denken Sie, ist die Wiener SPÖ erfolgreicher als die Bundespartei?

HÄUPL: Die Sozialdemokratie in Wien hat eine große Tradition. Bei aller Gemütlichkeit sind die Wienerinnen und Wiener sehr fleißige Menschen und leben sehr gern. Was uns von anderen unterscheidet ist, dass wir nicht leben um zu arbeiten sondern wir arbeiten um zu leben. Mit all der Janusköpfigkeit, fröhlich, gastfreundlich, auf der anderen Seite wieder grantig, aber mir gefällt das einfach. Das bin ich auch.

 

 

WV: Sie sagen, Wien hat kein Flüchtlingsproblem. Hat aber Wien ein Problem mit der Flüchtlingspolitik der eigenen Partei?

HÄUPL: Mit der eigenen Partei habe ich kein Problem. Ich habe ein Problem mit der Desorganisation und dem Chaos, das im Innenministerium erzeugt wird. Wir übererfüllen den Vertrag über die Unterbringung von Flüchtlingen und wir nehmen nun zusätzlich weitere Flüchtlinge auf. Wir haben einfach eine humanitäre Tradition in der Stadt.

WV: Nehmen wir an, das Erstaufnahmelager wäre in Wien statt in Traiskirchen – was würden Sie anders machen?

HÄUPL: Wir haben auch in Wien ein Erstaufnahmelager, von dem niemand etwas merkt. Wichtig ist, dass die administrativen Feststellungen ganz schnell abgewickelt werden, also die Frage ‚Ist der Ankommende oder die Ankommende asylberechtigt oder nicht?‘, das darf nicht Wochen und Monate dauern. Man braucht eine ordentliche Organisation, die sich mit den Menschen beschäftigt und dann geht es darum, dass man möglichst rasch die Menschen unterbringt oder sie wieder zurückbringt, je nachdem, ob sie bleiben können oder nicht. Aber das trifft ja für Syrien, Afghanistan, Irak und einige afrikanischen Staaten zur Stunde nicht zu, weil diese Kriegsflüchtlinge an Leib und Leben gefährdet sind.

WV: In letzter Zeit hat Hetze im Netz enorm zugenommen. Was kann die Politik tun, um die Angst vor „Fremden“ zu nehmen?

HÄUPL: Was wir in Wien machen können, ist den Menschen die Angst zu nehmen indem wir zwei Dinge signalisieren. Erstens: Wir helfen Menschen, die an Leib und Leben bedroht sind, die zu uns kommen und um Hilfe bitten. Zweitens: Wir sind in der Lage zu helfen, ohne Chaos, ohne Zeltstädte, ohne Container, ganz ruhig, ordentlich und in guter Zusammenarbeit mit allen, die uns helfen wollen, insbesondere auch mit der Caritas, der Volkshilfe, dem Roten Kreuz, dem Samariterbund.

WV: Plaudern wir noch ein bisschen über Probleme. Welche haben wir in Wien?

HÄUPL: Es gibt Herausforderungen. Eine große Herausforderung ist, dass Wien wächst. Wir werden jedes Jahr etwa um 24.000 Menschen mehr, das heißt wir müssen entsprechende Wohnungen bauen, die Bildungsinfrastruktur vom Kindergarten bis Schule erweitern, eine größere Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur schaffen. Wir brauchen selbstverständlich auch die Kultureinrichtungen, die Freizeiteinrichtungen, die Sporteinrichtungen, also alles das, was das Gesamtkunstwerk “Wien“ letztendlich ausmacht. Das ist angesichts einer Wirtschaftskrise, die sich natürlich auch in den öffentlichen Haushalten niederschlägt, eine echte Herausforderung. Und natürlich ist es eine Herausforderung, dass es in Wien keine Zeltstädte, keine Container, kein Chaos, sondern eine ordentliche Unterkunft für jene gibt, die zu uns kommen und um Hilfe bitten.

WV: Wien hat mit 13,2 Prozent die höchste Arbeitslosenquote österreichweit und Wien wächst jährlich um 24.000 Menschen. Wie soll sich das ausgehen?

HÄUPL: Das hohe Niveau der Arbeitslosigkeit macht mir Sorgen. Die Arbeitslosigkeit hängt natürlich auch mit der Wirtschaftskrise zusammen. Was wir jetzt brauchen sind Investitionserleichterungen und internationale Betriebsansiedlungen. Öffentliche Haushalte müssen in Ordnung gehalten werden, aber nachhaltige Investitionen im Bereich Kindergarten, Schule, Krankenhauswesen, Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, muss man auch fremd finanzieren können. Da befinde ich mich durchaus auf einer Linie mit IWF-Christine Lagarde, die ja alles andere als eine Sozialdemokratin ist.

WV: Sie sagten in einem Interview, dass Sie dazu beitragen möchten, die Schule ins 21. Jahrhundert zu führen. Warum ist sie noch immer nicht im Jetzt angekommen? Wie können Sie das als Bürgermeister ändern?

HÄUPL: Rückschrittliche Kräfte wollen eine Schule des 21. Jahrhunderts gar nicht, völlig verkennend dass sich die inhaltlichen Anforderungen an die Schule verändert haben. Daher ist diese Frage an die Bildungskräfte von gestern zu richten, die leider auch in der Regierung sitzen. Die Möglichkeit, die wir haben, ist, dass wir mit Bildungsmaßnahmen in der Stadt, durch permanente Diskussion und durch die Ergebnisse der Bildungskommission, in der ich auch sitze, die Schule ins 21. Jahrhundert führen. Es ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Frage der Organisation, der Ausbildung, des Wollens letztendlich auch. Nämlich dass man das Beste für unsere Kinder will. Das steht im Mittelpunkt, nicht der Gehaltscheck der Lehrer.

WV: Wenn ich Ihre ‚Sager‘ höre, habe ich das Gefühl, dass die WienerInnen auf einen erfahrenen und frechen Bürgermeister stehen.

HÄUPL: Das entspricht wahrscheinlich dem Wiener Stil. Ich gehe zum Beispiel nicht zu einer Wahrsagerin um mir die Grundlagen meiner Politik zu holen, meine Arbeit basiert auf meinem Wissen und meiner Erfahrung.

 

Zur Person

Dr. Michael Häupl, wurde 1949 in Altlengbach, Niederösterreich, geboren. Seit 1994 ist er Wiener Bürgermeister und Landeshauptmann, sowie seit 1995 Präsident des Österreichischen Städtebundes.


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