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Wir sind in Österreich Bürger zweiter Klasse

19. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Der Musiker Nenad Vasilić ist aus der österreichischen Jazz-Szene nicht mehr wegzudenken. Wir sprachen mit ihm über Gasthausmusik, Integration und warum man, um erfolgreich zu sein, kein Klugscheißer sein soll.

Fotos: Igor Ripak

WV: Du hast ja in deinerJugend in Gasthäusern in Niš gespielt. Wie hebt man diese Gasthausmusik auf eine künstlerische Ebene?

VASILIĆ: Wir haben damit angefangen, diese Gasthausmusik aus den verrauchten Räumlichkeiten auf größere Bühnen zu verlegen. Und dann stellten wir uns die Frage, wie man die akademisch ausgebildeten Musiker Iehren soll, die reale Volksmusik zu spielen. Wie kann es gelingen, die Musik aus dem Gasthaus von Niš mit jener aus New York auf der Bühne vom Konzerthaus, zu vereinen– und zwar so, dass sie alle Menschen spielen können.

WV: Reagieren die Österreicher anders auf deine Musik als die Menschen vom Balkan?

VASILIĆ: Für mich stellt Musik den Höhepunkt des Geistes dar, der uns in materieller Form auf die Erde geschenkt wurde. Das heißt, dass sie kein Haufen von Tönen, Geschwindigkeiten und Techniken ist. Das alles ist natürlich für uns als professionelle Musiker notwendig. Es ist aber auch wichtig, welche Emotionen von mir zu dir und umgekehrt transportiert werden. Wir haben einen inneren Code, den jeder versteht. Und gerade durch die Musik wird es unwichtig, ob du weiß, schwarz, orange oder grün bist. Ich kann in der emotionalen Reaktion auf Musik überhaupt keinen Unterschied bemerken, wie du auf Balkanmusik, auf Sevdah oder auf Roma-Musik reagierst, und wie das ein Österreicher macht. Der einzige Unterschied ist der äußerliche: wie du aussiehst, während du darauf reagierst, und wie er das macht. Die innere Reaktion ist sehr ähnlich, wenn auch nicht vollkommen gleich.

WV: In einer Kritik zu deinem letzen Album “The Art of the Balkan Bass”, steht: „Wenn er in der vorherigen Ausgabe „Seven” glänzend war, dann hat er mit dieser CD schon den Höhepunkt des Jazz-Musizierens erreicht”. Kannst du noch weiter gehen?

VASILIĆ: Journalisten müssen solche Formulierungen verwenden, um ihre Zeitung und die CDs verkaufen zu können. Wie in jedem anderen Beruf, befindet sich auch in der Musik der gesamte Lebensprozess. Es geht also um diesen Prozess und nicht um die Errungenschaften. Wie weit wir gekommen sind, darüber urteilen andere Menschen, aber das, womit wir uns in unserem Beruf beschäftigen, ist ein konstanter Prozess, das ewige Lernen. Wir lernen jeden Tag dazu. Je älter man wird, desto langsamer verläuft dieses Lernen. Je mehr ich weiß, desto mehr bin ich mir dessen bewusst, wieviel ich noch nicht weiß.

WV: Ich beschäftige mich oft mit dem leeren Gerede über Integration und dachte bis vor kurzem, dass die Musikszene von solchen Diskussionen verschont ist. Vor einigen Tagen haben wir aber eine Sendung für OKTO gemacht, und du hast gesagt, dass es nicht leicht ist, in Österreich ein „Tschusch“ zu sein. Heißt das, dass auch im Musikbereich über Integration diskutiert wird?

VASILIĆ: Es überrascht mich jedes Mal, wie die Menschen schockiert sind, wenn ich dieses Thema anspreche. Für mich ist es vollkommen klar, dass wir nicht alle die gleichen Rechte in diesem Land haben.

WV: Was meinst du damit?

VASILIĆ: Man ist immer im Stand by-Modus, unabhängig davon, was man alles weiß und kann. Dein Wissen ist die Voraussetzung dafür, dass du arbeiten darfst, du wirst aber irgendwie immer als potenzieller Ersatz betrachtet, falls kein anderer – in meinem Fall ein Kontrabassist oder ein Bandleader – erscheint, der etwas Gutes und Feines macht. Wenn sie also wirklich niemanden mehr finden können, dann kommst du an die Reihe.

WV: Haben auch auf Jazz-Festivals in Österreich die Musiker Vorrecht, die keine Migranten sind?

VASILIĆ: Das Vorrecht haben die Amerikaner, dann kommen die Österreicher. Wir, die wir die österreichische Staatsbürgerschaft haben und hier über 20 Jahre leben, sind auf der 280. Warteposition.

WV: Kannst du dir erklären, warum das so ist?

VASILIĆ: Ich probiere selbst schon seit 20 Jahren das zu verstehen. Du weißt, dass man in Österreich über solche Themen nicht offen spricht. Wenn ich also versuchen würde, das in einer Diskussion einzubringen, so würden wahrscheinlich alle anderen versuchen, mir die konträren Beispiele entgegenzusetzen. Oft bemerke ich aber auf Gesichtern meiner „Tschuschen”-Freunde, wie sie sich damit stillschweigend einverstanden erklären und darüber glücklich sind, dass das jemand erwähnt hat.

WV: Ein „Tschusch” hat mir unlängst gesagt, dass man als Migrant fünfmal besser als der Einheimische sein muss, damit man im gleichen Bereich anerkannt werden kann...

VASILIĆ: Auch dann bist du nur selektiv anerkannt. Das geht so weit, dass sie für einen Musiker nur zähneknirrschend bereit zu sagen sind, dass er etwas erreicht und einen Platz in der Jazz oder Klassikszene eingenommen hat. Sie erfinden ständig neue Genres, die für uns übrigbleiben sollten. In unserem Fall hat sich das Wort „Balkan” als hervorragend geignet gezeigt, denn jetzt können sie sagen „sie sind fantastische Musiker, aber das können sie einfach deshalb, weil es ihr Balkan-Genre ist”. Hier aber, in dem Bereich, den die ganze Welt kennt, da sind wir nicht gut genug, um in diese Szene hineinzukommen.

WV: Wenn ich jemandem erklären möchte, wie momentan die Integrationspolitik in diesem Land aussieht, sage ich Folgendes: Man steht vor der geschlossenen Tür. Auf der anderen Seite ist jemand, der ihn nicht hinein lassen will, ihm aber gleichzeitig vorwirft, dass er nicht hineinkommt...

VASILIĆ: Das hast du sehr gut formuliert. Das ist das Gefühl, das wir teilen.

WV: Es ähnelt dem Spiel mit dem bösen und guten Polizisten. Der eine kritisiert dich, der andere lobt dich.

VASILIĆ: Hier ist Ignoranz im Spiel. Das ist ein großes Problem, von dem niemand spricht, für das es in Medien und in unserem Alltagsleben keinen Platz gibt. Ich sehe im Moment keine Anzeichen, dass jemand daran etwas ändern will. Wir sind in Österreich einfach Bürger zweiter Klasse.

WV: Das klingt ziemlich heftig.Immerhin sind wir Bürger, umauch etwas Optimistisches hinzuzufügen...

VASILIĆ: Natürlich sind wir Bürger, und deshalb „Nur vorwärts!“

WV: Damit wir unser Gespräch nicht mit negativen Themen beenden, habe ich noch ein paar Lifestyle-Fragen für dich. Hast du einen Plan B, falls es mit der Musik nicht mehr funktionieren sollte?

VASILIĆ: Die Oma eines meiner englischen Freunde sagte „If you don’t have a back up plan, you won’t need any“.Ich beschäftige mich mit der Musik in einem breiteren Sinn, habe mein Tonstudio im siebten Bezirk, und mache auch andere Sachen.

WV: Hier noch eine Frage aus dem Volk: Sag mal Nenad, kann man von World Music überhaupt leben?

VASILIĆ: Ich lebe in erster Linie Jazz. Ich lebe von meinen Instrumenten. Es gibt aber verschiedene Perioden. Es gab welche, als ich mit anderen Bands gearbeitet und alles gespielt habe, von Rock’n’Roll bis Klassik, als ich also verschiedene Sachen machte, um zu überleben. Es kam dann aber, dass ich von meiner Band und einigen anderen Projekten leben kann. Auch das ändert sich, so dass ich nicht weiß, was als Nächstes kommen wird. Wenn du mir vor drei Jahren gesagt hättest „Du wirst Solo Bass spielen”, hätte ich dir geantwortet: „Ja, wahrscheinlich im nächsten Leben“.

WV: Wovon hängt der Erfolg eines Musikers ab? Oder was muss man richtig tun, um ein erfolgreicher Musiker in Österreich zu sein?

VASILIĆ: Das versuche ich selbst zu begreifen, denn mein Sohn spielt Bass-Gitarre und ich versuche, ihm Ratschläge zu erteilen. Was soll ich ihm sagen, ohne dabei etwas Falsches zu sagen? Man soll immer Ruhe bewahren und sowohl Probleme als auch schöne Situationen mit Ruhe annehmen. Das ist für jeden Job wichtig. Denn nur mit Ruhe kann man gute Entscheidungen treffen. Man soll also ruhig, gut zu den Menschen sein, man soll Verständnis und Toleranz für sie empfinden. Das ist die Voraussetzung für Erfolg in jedem Beruf. Dann musst du natürlich deinen Job gut kennen, fleißig sein, insbesondere wenn du jung bist, und das soll auch später so bleiben. Du sollst viel arbeiten und das mögen, was du machst, dich nicht als Klugscheißer erweisen, sondern würdevoll deine Sache tun.

 

4 Antworten ohne Worte

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Wie begrüßt du dich, wenn du in den Spiegel siehst?

 

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Der Morgen nach dem Gasthaus?

 

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