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Wir reden Tacheles

12. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Kolumne: Gebrüder Moped

Drei LinguististInnen der Universität Wien veröffentlichten kürzlich eine ¨Studie zur Rolle des österreichischen Standarddeutsch in seiner Funktion als Bildungs- und Unterrichtssprache an österreichischen Schulen¨. Wenig überraschend ein Nebenergebnis: Die gesprochene Sprache ändert sich. Vor allem Junge bedienen sich immer mehr so genannter ¨Deutschlandismen¨. Immer noch 61% der ebenso befragten LehrerInnen bevorzugten der Studie nach ¨Austriazismen¨, jedoch nur 46% der SchülerInnen.

Nur 21% der österreichischen SchülerInnen drücken sich Wimmerln aus

69% der Befragten etwa reden über ¨Jungen¨ und nicht mehr über ¨Buben¨, 53% trinken dazu ¨eine¨ Cola und schreiben anschließend zu 82% ¨eine¨ E-Mail, dass sich 79 von 100 einen ¨Pickel¨ ausdrücken, da ihnen das Austro-Wimmerl offensichtlich zu ungustiös ist, was aber kein Deutscher verstehen würde. Da sagen dann 79% gleich ¨tschüss¨ zum österreichischen ¨baba¨ oder ¨pfiati¨.

Augenfällig außerdem: Je jünger die Spracherforschten sind, desto ¨leckerer¨ schmeckt ihnen zum Beispiel ein ¨Schweinebraten¨. Anscheinend spielt hier das
Medienverhalten eine mitentscheidende Rolle, denn jene SchülerInnen, die nur deutsche TV-Kanäle in der Glotze gucken, verwenden signifikant öfter Deutschlandismen als jene, die österreichische Sender im Fernschauen aufdrehen.

Da scheißt sich der Verein an

Bei solchen Entwicklungen wird wohl so manchem austriakischen Sprachpuristen der Knödel im Hals zum Kloß. Und natürlich ist es schade um viele Ausdrücke,
Wendungen und Wuchteln des Österreichischen, die noch vor manchen Jahren ein jeder Hutschenschleuderer geschoben hat – da scheißt sich der Verein an, wie da der Schmäh g`rennt ist. Aber scheiß an, Paula! Sprache ist etwas sich dynamisch, stetig Entwickelndes, sich den Anforderungen von Zeit und Situation Anschmiegendes. Immer auch gespickt mit hippen Gimmicks aus den Schätzen anderer Sprachen oder Soziolekte. Das Frankophile am Wiener Hof, die Einsprengsel aus dem Rotwelschen der Gauner und Gammler, das Böhmische in der halben ¨Alt-Wiener¨ Speisekarte, das Jüdische von der Mazzesinsel oder das ¨Gemma Prater, Oida¨ der Ottakringer Balkan-Generation. Alles immer auch eine Frage der Alltagstauglichkeit und alles ändert sich ebenso schnell wie die Speicherkapazitäten unserer elektronischen Medien. Wählscheibentelefon war cool, aber was fingen wir heute damit an?

Oida, bam is daham

Sprache ist ein sicheres Refugium, aber kein Mausoleum. Sprache ist Heimat, eine sich stets verändernde. So wie wir auch nicht mehr im Wien der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts leben, wo es drei UBahnen, null Kilometer Fahrradwege und lediglich eine Religion gab: Rapid Wien. Die eigene Sprache vermittelt emotionale Geborgenheit. Schon alleine deswegen kann Karl Kraus den berühmten Satz ¨Was Deutsche und Österreicher trennt, ist die gemeinsame Sprache.¨ nicht gesagt haben. Kraus als Juden böhmischer Herkunft war die Sprache, das ganze weite Land der deutschen Sprache mit allen regionalen Spompanadeln vor allem eines: Persönliche Heimat, die dem Lauf der Dinge und Zeiten folgt. Irrwege und Sackgassen zu vermeiden, warat trotzdem Gebot.

Wir müssen uns übrigens immer noch keine allzu großen Sorgen darüber machen, dass das typisch Österreichische aus unserer Umgangssprache verschwinden wird. Es gibt sie eh noch, die deutlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen großem und kleinen Bruder.

Der Deutsche sagt: Ich lauf dann mal die Treppen hoch und gucke, ob ich noch’n Kissen finde.
Der Österreicher aber sagt weiterhin: Wo is`n jetzt mei Polster endlich?


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