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Ninić: „Wir heißen ja nicht umsonst Wiener Tschuschenkapelle“

01. Dezember 2013 / von / 0 Kommentare

WIENER VIELFALT traf Slavko Ninić, den Frontmann der Wiener Tschuschenkapelle. Er sprach über Volksmusik, die Anfänge der Band vor 25 Jahren, die Pläne für 2014 und „brave Ausländer“.

Interview: Zoran Sergievski | Fotos: Igor Ripak

Wenn ich mich nicht irre, waren Sie gerade in...

SLAVKO NINIĆ: Kroatien, in Kroatien. In Kroatien haben wir im HNK Osijek (Kroatisches Nationaltheater, Anm.) und im Lisinski-Palast in Zagreb gespielt. Das war eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem Orchester dort, es heißt Hrvatska glazbena mladež – Kroatische Musikjugend, ein Jazzorchester, junge Leute. Und die haben unsere Stücke arrangiert, unsere Lieder. Und dann haben wir mit ihnen zusammen gespielt. Das ist wirklich was Neues, etwas für uns Neues …

Neu, weil...

NINIĆ: Na ja, neu, weil eine unerwartete Fusion entstanden ist, zumindest für uns unerwartet und vielleicht auch für sie. Weil, wir sind eben Volksmusiker, also, so von Kopf bis Fuß, und wir schauen halt, dass wir unsere Originale eben erhalten, verstehst? Dass wir eben nicht irgendwas machen, damit das nicht allzu sehr, na, nach Jazz klingt, verstehst? Na und dann war das hier eben eine besondere Kombination, weil die haben Jazz gespielt und wir eben, na ja, was wir eben spielen. Das war für uns eine sehr erfolgreiche Tournee, und mich hat das besonders gefreut. Das ist dort unten echt gut angekommen, wir waren live im Radio und im Fernsehen, also es hat voll eingeschlagen.

Wurde denn anerkannt, dass es in der Band nicht nur Kroaten gibt?

NINIĆ: Ja, natürlich! Es spielen ja auch im HGM nicht nur Kroaten. Die sind auch gemischt, da gibt es Ungarn, es gibt sogar einen Burschen aus Brasilien…

Das ist mein Stichwort. Die Tschuschenkapelle feiert 2014 ihren 25. Geburtstag. Sie sind von Anfang an um die Welt gereist, um überall die Musik des Balkans bekannt zu machen. Wie kam es zu diesen Reisen?

NINIĆ: Da gab es mal eine Art Austausch zwischen Brasilien und Österreich, ein musikalisches Austauschprogramm. Hier haben deren Bands gespielt, dort österreichische. Aber es war nicht nur ein musikalischer Austausch, da gab es auch Filme und Theater und ich weiß nicht, Fotoausstellungen und so weiter. Und wir waren eben eine der Bands, die für Österreich angetreten sind. Schon ungewöhnlich, also, wenn man bedenkt, wir spielen in der ganzen Welt, wir kommen aus Wien und spielen dann Slavuj ptica mala.

Wir sind hier in der „Kulisse“ in Wien-Hernals. Warum spielen Sie gerade hier regelmäßig? Was verbinden Sie mit diesem Ort?

NINIĆ: Hier haben wir von Anfang an gern gespielt, das war schon immer ein sehr beliebtes Lokal. Aber damals besonders – wer hier war, der hatte was zu sagen in dieser Stadt. Also ich verbinde sehr schöne Erinnerungen mit der „Kulisse“. Ich kenne die Besitzer, und, na ja, hier haben immer viele Jazz-Bands gespielt, da haben wir uns dann gedacht, hey, es wäre doch schön, so einen Ort zu haben, wo wir mindestens einmal im Monat spielen können, also, weißt eh, für die Seele, nicht für die Marie, sondern für uns selbst und für die Gäste. Also, der Eintritt ist frei und [packt seinen Hut] der Hut geht um … Dann haben wir eben verabredet dass wir so einmal monatlich einen jour fixe machen. Es taugt ihnen, es taugt uns, und irgendwie hat sich das in der Stadt rumgesprochen und so kommen Musiker und Leute, um sich das anzuhören. Eigentlich haben wir damit vor 25 Jahren im BFI angefangen, dort haben wir gespielt und das ist eine Plattform, die mir sehr gefällt, auch wenn wir schon in der Oper gespielt haben und auf so mancher tollen Bühne wie neulich in Zagreb, das ist mir hier immer eine besondere Freude.

Da Sie gerade Volksmusik ansprechen: Sie singen ja auch auf Wienerisch und anderen österreichischen Dialekten. Was für eine Rolle spielt das Wienerische für die Identität der Band, abgesehen davon, dass sie hier gegründet wurde?

NINIĆ: Na, wir leben in dieser Stadt und arbeiten hier seit Jahren. Und wenn wir türkische Musik spielen, serbische, kroatische, dann macht es keinen Sinn, dass wir nicht auch österreichische spielen. Das ist ein Geschenk an diese Stadt, wir heißen ja nicht um sonst Wiener Tschuschenkapelle, dann wäre es schon komisch, wenn wir nicht auch österreichische Sachen spielen würden. Die haben auch schöne Sachen, die es zu pflegen und weiterzugeben gilt.

Sie haben vorhin von der Arbeit und der Marie gesprochen. Was haben Sie gemacht, bevor die Musik zu ihrer Hauptbeschäftigung wurde?

NINIĆ: Ich habe Soziologie und Germanistik diplomiert und hier in Wien Übersetzung studiert, das habe ich abgeschlossen. Ich bin Gerichtsdolmetscher für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, ansonsten habe ich mal bei einer Beratungsstelle für unsere Hackler gearbeitet, weißt eh, da ging es um Rechtsfragen, Pension, Sozialversicherung, Krankenversicherung. Unsere Leute hatten sehr viele Probleme, und auch heute haben sie welche, gerade, wenn sie kein Deutsch sprechen. Ich habe dort vor 30 Jahren angefangen, heuer feiern die ihren Dreißiger, dieses, es heißt jetzt Migrantenzentrum. Die beschäftigen jetzt 40 Leute. Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bieten sie auch andere Sprachen an, Arabisch, Indisch. Da kann man sehen, wie sich Wien entwickelt. Jetzt gibt es viel mehr Ethnien, Nationalitäten, eben, etwa Inder, Araber, und das ist ganz normal.

Selbst, wenn die FPÖ schimpft.

NINIĆ: Das ist doch Demagogie. Schau, ohne fremde Arbeitskraft könnte Österreich nicht überleben, und nicht nur Österreich, die ganze Welt ist so global geworden, dass man sich das nimmer anders vorstellen kann. Das ist nur Populismus, und … die Leute werden benebelt.

Was denken Sie, wenn Sie gerade in serbischen Kaffeehäusern Plakate sehen, auf denen von der FPÖ Wien gesponserte Feste beworben werden?

NINIĆ: Ich finde das schrecklich, wenn ich sehe, dass unsere Leute die FPÖ wählen, ohne ihr Programm, ihre Absichten, ihre Demagogie zu kennen. Oder die Plakate, wie du sagst … Ich weiß auch nicht, wie man das verhindern könnte. Ich glaube, das sind oft Leute, die keine Ahnung haben, die ihre eigenen Interessen nicht erkennen, und das ist traurig, verstehst? Wenn die sich nur ein bisschen besser unter den österreichischen Kollegen umhören würden, könnten die das verstehen. Das ist furchtbar, tragisch. Die brüllen dann laut, es gibt zu viele Ausländer in Wien und hütet euch vor den kriminellen ausländischen Elementen und so weiter und so fort. Und dann wählen sie diese Partei. Das will mir nicht in den Kopf, warum das so ist. Vielleicht versuchen die auch, sich auf diese Weise von anderen abzugrenzen und zu unterscheiden, von anderen Ausländern, von wegen wir sind besser als die. Mir hat mal eine Frau – sie ist Kroatin, also das sind nicht nur Serben, die FPÖ wählen – also die Frau hat gesagt, dass sie Strache wählt. „Der ist aber gegen Ausländer.“ „No na, aber nur gegen die schlechten. Die Braven“ – Brave, verstehst? – „für die setzt er sich ein.“

Wenden wir uns wieder schöneren Themen zu. Wie wir anfangs gesagt haben, feiern Sie 2014 25 Jahre Tschuschenkapelle. Wird es sie noch 25 Jahre geben?

NINIĆ (schmunzelt): Na schau, wir sind junge Burschen und daher glaube ich, dass das kein Problem ist (lacht). Ich weiß nicht, so lange die Gesundheit mitspielt, also ich liebe das Lied und so lange ich lebe, glaube ich wird sich nichts daran ändern. Wir werden sehen, wie viel geht. Wir haben eben darüber geredet, wir waren drei Tage unterwegs auf Tournee und sind jetzt hundemüde (lacht). Jetzt, wie wäre das, wenn wir einen Monat unterwegs wären?

Was ist nächstes Jahr geplant?

NINIĆ: Nächstes Jahr werden wir das ganze Jahr feiern. Wir erklären jedes Konzert zur Geburtstagsparty für den 25er. Bei größeren Auftritten werden wir auch Gäste einladen, mit uns zu spielen und dann werden wir ihnen Spezialitäten vom Balkan anbieten: Lammbraten, Spanferkel und ich hab gute rakija gemacht, weißt eh, ich brenne selber, zuhause, und wir werden auch guten dalmatinischen Wein da haben …

Hoffen wir mal, dass das Gesundheitsamt nicht wegen der rakija vorbeischaut …

NINIĆ: Nein, nein. Und wenn die doch kommen, kriegen die auch ein Stamperl.

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