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Wien: „Wir erleben gerade einen Generationenwechsel“

08. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

WIENER VIELFALT traf VICE Alps-Herausgeber Stefan Häckel und Wolfgang Schlögl, Musiker der Band „Sofa Surfers“, zum Lunch. Die beiden unterhielten sich über Wiener Hotspots, wo die österreichische Musikszene Nachholbedarf hat und was sich in der Medienlandschaft tut.

Das Wetter ist auf unserer Seite. Wir nutzen die Sonnenstrahlen und sitzen im Schanigarten des italienischen Restaurants „Sole“ im ersten Bezirk. Wir bestellen gegrillte Calamari, Spaghetti Frutti di Mare und Spaghetti alla caprese. Die Kellner sind bemüht, sehen zumindest italienisch aus und auch der Chef entnimmt es sich nicht, unsere Getränke-Bestellung aufzunehmen. Dieses Mal habe ich mich mit dem Vice Alps-Herausgeber Stefan Häckel und Wolfgang Schlögl, Musiker der Band „Sofa Surfers“, getroffen. Im Gespräch geht es um Wien, die österreichische Musikszene und um die Zukunft junger, kreativer Menschen.

Seid ihr beiden typische Wiener?

STEFAN: Ich bin ursprünglich aus Oberösterreich, lebe aber schon lange in Wien. WOLFGANG: Ich bin richtiger Wiener, aufgewachsen in den niederösterreichischen Vororten.

Wien wurde heuer zum fünften Mal zur lebenswertesten Stadt gekürt. Wie empfindet ihr das Leben hier?

STEFAN: Wie man es auf Österreichisch sagen würde: Jo eeeh. Ich weiß nicht, wie die ganzen Bewertungskriterien bei solchen Zeitungsrankings zustande kommen. Aber Wien ist auf jeden Fall lebenswert. Ich würde sagen: Wien ist praktisch, die Stadt als System funktioniert einfach. Die Infrastruktur, der Strom, das Internet, das Wasser – alles klappt. Außerdem war Wien bei solchen Rankings in den Vorjahren immer weiter vorne, zusammen mit Städten wie Vancouver oder Zürich. WOLFGANG: Ich musste einmal weg aus Wien, um total gerne wieder zurückzukehren. Nach meinem fünfjährigen Aufenthalt in Los Angeles von 1998-2003 schätze ich Wien sehr.

Ihr seid beide Väter. Findet ihr, ist Wien kinderfreundlich?


WOLFGANG: Auf jeden Fall! Ich besuche mit meinen zwei Töchtern oft Museen oder Theaterstücke und das klappt alles ganz reibungslos. STEFAN: Schon! Ich finde sogar, dass es immer kinderfreundlicher wird.

Welche Tipps würdet ihr TouristInnen geben, die Wien besuchen?


WOLFGANG: Mir fallen da eher familienmäßige Sachen ein. Wie zum Beispiel der Lainzer Tiergarten. Auf jeden Fall ein heißer Tipp. Dort kann man entweder entspannen oder mit letzter Kraft zum Schlössl Hermesvilla marschieren. Außerdem ist der Wasserspielpark „Wasserturm“ im zehnten Bezirk super. Übrigens auch architektonisch schön zum Anschauen. STEFAN: Für Sportbegeisterte kann ich nur den Tennisplatz „p48“ im neunten Bezirk empfehlen. Man erahnt zuerst gar nicht, dass sich hinter den typischen Altbau-Wänden ein begrünter Tennishof befindet. Es sieht ein bisschen aus wie Schönbrunn in Miniatur, dahinter ist ein jüdischer Friedhof und man ist eingezäunt von Wohnhäusern. Ab 20 Uhr muss man zwar ein wenig leiser sein, aber trotzdem ist es dort einfach nur super. Auch toll: Das neue Café „Heuer“ am Karlsplatz. Super Konzept. Achja, und nicht zu vergessen: die allseits bekannte Maßschneiderei „Knize“ im ersten Bezirk. Der Besitzer ist ein ganz entzückender Herr, der es sich nicht nehmen lässt, auch den langweiligsten Auftrag zu übernehmen. Außerdem bekommt man so Einblick in seinen Alltag – inklusive Geschichten über präpotente, alte Kunden.

Was sagt ihr zur kreativen Szene Wiens?


STEFAN: Im Vergleich zu anderen europäischen Städten wie Berlin, Paris, London oder Stockholm hat sich in Wien sehr viel getan. In den letzten zwei, drei Jahren haben sich viele junge Menschen entschlossen, etwas Anderes zu machen. Sei das eine Veranstaltung am Karlsplatz zu organisieren oder eine Fashionboutique zu eröffnen. WOLFGANG: Das sehe ich auch so. Toll ist auch, dass Privatinitiativen städteplanerisch agieren bzw. konzeptionell für die Stadt arbeiten.

Würdet ihr sagen, es gäbe einen Generationenwechsel?


WOLFGANG: Ich finde vor allem jetzt ist der Generationenwechsel spürbar. Noch vor drei Jahren hatte ich das Gefühl, dass viele alteingesessene Menschen den Ton angeben, das scheint sich jetzt zu ändern. STEFAN: Auf jeden Fall. Wir erleben das gerade und es macht total Spaß, dabei zu sein. Viele interessante junge Menschen kommen und bringen frischen Wind – da können so manche gar nicht mehr mithalten.

Merkt man das auch auf politischer Ebene?


STEFAN: Ja. Die junge SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas ist zwar zurückgetreten, aber da gibt es ja auch unseren 27-jährigen Außenminister. Vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. WOLFGANG: Stimmt. Aber über Sebastian Kurz kann man diskutieren. Er ist die ÖVP-Hoffnung, bewegt sich somit aber noch in einer geschützten Werkstätte, wie sie eben so eine große Partei wie die ÖVP hat.

Und in der Musikszene?


WOLFGANG: Meine Band und ich sind so eine Zwischengeneration. Aber die Exponenten und Musiker werden immer jünger. Ich bin Kurator beim Popfest, das heuer vom 24.-27. Juli am und rundum den Karlsplatz stattfindet und da sind teilweise junge Producer dabei, die noch keine 20 sind. Die Jungen dürfen auf gar keinen Fall zu kurz kommen und deswegen erziele ich für das Popfest auch einen Querschnitt des Alters – das ist mir ganz wichtig. STEFAN: Wir bei Vice sehen so viele Musiktreibende wie noch nie und fragen uns eigentlich nur: Wieso sind die noch nicht groß raus?

Wie findet ihr die Berichterstattung über die Musikszene in Österreich?


WOLFGANG: Die Frage ist eher, was empfindet Österreich als würdig und nötig, um es als österreichisches Kulturgut zu promoten. Ich glaube manchmal einfach, dass es an Weitblick und an nachhaltigem Denken fehlt. STEFAN: Wir Österreicher sind teilweise einfach gewöhnt, dass es Sachen schon gibt oder wir sie einfach übernehmen. Mich persönlich nervt ja dieser Österreich-Komplex total. Eine österreichische Band gibt es jahrelang, nichts passiert, keinen interessiert es. Die Band geht nach Deutschland, gewinnt zwei Preise und hierzulande heißt es dann, das Interesse wäre schon immer da gewesen. Es wird immer ein Österreich-Bezug hergestellt, egal wie klein er auch ist – komplexbehafteter Käse!

Was läuft eurer Meinung nach falsch?


WOLFGANG: Ein banales Beispiel: Die Bands auf dem Popfest spielen wirklich um einen Freundschaftspreis. Das Gehalt ist kein ökonomisches Abbild des tatsächlichen Wertes der Musik. Man würde sich noch nicht einmal trauen, so eine Bezahlung einem Opernsänger anzubieten. STEFAN: Genau und bei Pop-Künstlern denkt man sich: Soll er froh sein, eine Bühne zu haben! Unlängst haben wir bei Vice einen Artikel veröffentlicht, der einen Aspekt genau zu dieser Thematik behandelt: Wieso werden die klassische Musik und die Oper eigentlich so gefördert? Für Pop gibt man keinen Cent aus, gleichzeitig wird gerade diese Szene ständig kritisiert.

Ein wichtiges Stichwort hierzu ist der „Amadeus Austrian Music Award“.


STEFAN: Ja, stimmt, den muss man einfach erwähnen. Der Amadeus-Award ist so ein eigenartiges Zwitter-Wesen. Weder eine klassische Award-Show, noch eine Förderung der österreichischer Musikszene noch ein Musikszene Society-Event. Von allem ein bisschen. WOLFGANG: Ich habe 2003 meinen ersten Amadeus gewonnen und schon damals lief es nicht gerade gut – geändert hat sich seitdem wenig. STEFAN: Das Problem an der Sache ist, dass der Amadeus wenig Budget hat und deswegen gewisse Kompromisse eingehen muss. Aber ich will den Award auf gar keine Fall bashen, das Format muss aber komplett neu gestaltet werden.

Wie findet ihr es, dass Musikkünstler wie „Naked Lunch“ oder „Monobrother“ ihre Nominierung zurückgezogen haben?


STEFAN: Ich finde es super, dass sich die Künstler unter diesen Umständen gegen eine Nominierung entschieden haben. Das Statement von Monobrother ist auf den Punkt gebracht: Er meint, man wolle ihn nur zum Kasperl machen und darauf hat er keine Lust. WOLFGANG: Mich hat es sehr geärgert, dass sich Fans in der Elektronik-Rubrik auf der Homepage eines Radiosenders registrieren müssen und erst über Umwege zum Voting kommen. Da ging es nur um die Beschaffung neuer User und das ist viel zu platt und einfach ärgerlich.

Ristorante Sole, 1010 Wien: Italienisches Ambiente, mediterrane Speisen und ein zuvorkommendes Personal.

Ristorante Sole, 1010 Wien: Hier kommen nur frische Zutaten auf den Tisch.

Stefan entschied sich für gegrillte Calamari.

Alexandra genoss Spaghetti Pomodoro.

Wolfgang wählte Pasta frutti di mare.

 

Ganz aktuell: Die Zeitschrift Vice startete Anfang März die Online-Musikplattform Noisey in Österreich.


STEFAN: Ja, wir haben uns Anfang März dafür entschieden. Wir sind zu 100 Prozent Tochter von Vice. Wir erhalten weiterhin internationalen Content, für den nationalen sind wir selbst verantwortlich. WOLFGANG: Ich als Musiker kann sagen, dass man sich in der Musikszene auf noisey gefreut hat. Es ist natürlich spannend, dass sich eine Online-Musikplattform heranbildet, die es international schon gibt. Jeder Versuch, ein neues Format zu etablieren, wird gespannt beobachtet.

Wie findet ihr die österreichische Medienlandschaft generell?


WOLFGANG: Ein Wahnsinn! Als hätte sich ein Knopf gelöst, auf einmal tut sich etwas. Ich finde, es geht sehr dynamisch zu. Plötzlich fangen alteingesessene Herausgeber einen eigenen Blog an, gleichzeitig werden junge Leute zu Chefredakteuren.

Fotos: Igor Ripak


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