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Wiens digitale Zukunft

11. September 2015 / von / 0 Kommentare

Wien wird zur digitalen Stadt. Später als in anderen Staaten, beginnt nun auch in Österreich die Digitalisierung urbaner Räume. Die Informations- und Kommunikationstechnologie soll das gesamte Stadtbild prägen – Wird die Bundeshauptstadt zur Science-Fiction Kulisse?

Es ist sieben Uhr morgens. Karin Gruber ist auf dem Weg zur Arbeit und sucht wie jeden Morgen mehrere Minuten lang einen Parkplatz vorm Bürogebäude. Diese zeitaufwendige Suche soll in der digitalen Stadt der Vergangenheit angehören. Dank intelligenter Parkplätze (www.parkbob.com) werden wir schneller fündig und mindern zeitgleich die CO2 Emission. Man könnte jetzt auch einfach einwerfen, dass Wien eines der besten und günstigsten öffentlichen Verkehrsnetze der Welt besitzt und somit die Parkplatzsuche überflüssig ist. Doch da ist wieder dieser Streitpunkt – digital vs. analog.

Die Digitalisierung der unterschiedlichsten Lebensbereiche des Menschen wird als Mehrwert, aber auch als Entmündigung oder Überwachung angesehen. Denn beim intelligenten Parkplatz hört die Digitalisierung nicht auf. Durch eine Müll-App (www.muellapp.com) müssen wir uns nicht mehr fragen, wann und wo wir unseren Müll entsorgen sollen und können gleichzeitig die Weiter- und Wiederverwertung sinnvoll und nachhaltig unterstützen. Außerdem müssen wir nie wieder einen leeren Kühlschrank fürchten, denn dieser bestellt ab sofort unsere fehlenden Lebensmittel. Alles schön und gut, aber benötigen wir das alles wirklich? Die Studentin Maria ist skeptisch: „Eine Parkplatz-App ist sicher praktisch für alle AutofahrerInnen, aber eine digitale Stadt macht mir Angst. Was passiert mit meinen ganzen Daten? Wie wird die Sicherheit gewahrt? Leben wir bald in einem Science-Fiction Film?“ Andere fragen sich, welchen Mehrwert die Digitalisierung für uns WienerInnen bringt. Martin, Student der Informatik an der Technischen Universität, sieht die Digitalisierung urbaner Räume in Österreich viel positiver: „Dank der Informations- und Kommunikationstechnologie wird das Leben für alle einfacher. Ich muss mir weniger Gedanken um Selbstverständliches machen und habe mehr Zeit für die interessanten Dinge.“

Die Verantwortlichen der DigitalCity.Wien sehen das genauso. „Wir leben in einem Zeitalter der Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche“, so Josef Pichlmayr von der Initiative DigitalCity.Wien. Durch den Verbund aus Privatwirtschaft und der Stadt Wien soll die Bundeshauptstadt zu einem führenden digitalen Hotspot Europas ausgebaut werden. Der Smart City-Gedanke der Stadt kann nur durch die Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ausgeführt werden. Die IKT, das Nervensystem der Stadt Wien, greift heute schon in die Stadtreinigung, die Energieversorgung, die Schulen, den Verkehr, die Gesundheitseinrichtungen, die Lebensmittelversorgung und auch in die allgemeine Verwaltung ein. Durch eine einwandfreie Informations- und Kommunikationstechnologie soll das Funktionieren der Stadt sichergestellt und die leistungsorientierten Angebote von den BürgerInnen genutzt werden. Über 54.000 MitarbeiterInnen in mehr als 5.700 Unternehmen zählt die IKT-Branche in Wien. Die Veränderungen, die durch die digitale Stadt entstehen, werden sich, so Pichlmayr, „auf die Stadt in allen Lebensbereichen der Bürgerinnen und Bürger zu deren Nutzen auswirken.“

DigitalCity.Wien

Das zentrale Ziel der DigitalCity.Wien ist die Sicherstellung und Verbesserung der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Leistungsfähigkeit der Stadt. Die Bevölkerung Wiens wächst und wird in den nächsten 25 Jahren über zwei Millionen EinwohnerInnen zählen. In Folge wird der Energiebedarf steigen und Fragen nach leistbaren Wohnraum als auch nach neuen Verkehrskonzepten und Partizipation aufkommen. Zukünftig sollen dafür IKT-Lösungen gefunden werden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Reduzierung des CO2-Austoßes und auf einem Umstieg zu erneuerbaren Energien. Darüber hinaus soll in der digitalen Stadt die Partizipation der BürgerInnen gefördert werden. Ein Serviceangebot, das sich an das eigene Nutzungsverhalten bzw. an der persönlichen Lebenslage der BürgerInnen orientiert, soll die Möglichkeit schaffen, aktiv das Stadtleben mitzugestalten. Das Ziel ist eine digitale Demokratie. Doch bis jetzt steht Wien noch ganz am Anfang.

„Smarte Kids“ auf einem virtuellen Campus

Wiens digitale Zukunft liegt auch in den Händen der zahlreichen IT- Startups, die die Region stärken, die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und den jungen kreativen Köpfen, die ein neues Unternehmen gründen wollen. Damit sich eine hiesige Startup Szene etablieren kann, legt die digitale Stadt Wien ihre Schwerpunkte auf eine Vereinfachung des Gründungsprozesses, Maßnahmen für Finanzierungs-, Fördermöglichkeiten und auf Ausbildungsangebote.
Der virtuelle Campus bzw. vCampus Wien soll laut Josef Pichlmayr „alle Leistungen der Stadt zusammenfassen, seien es Informationen zu Behörden, Förderungen, Office Spaces oder auch Challenges und Awards.“ Das Ziel ist es, als UnternehmerIn alle relevanten Infos zu erhalten. Zusätzlich können Erfolgsgeschichten geteilt werden und auf einer interaktiven Karte alle IKT-Unternehmen Wiens sichtbar gemacht werden. Den Startups soll damit der digitale Hotspot Wien als dauerhafter Standort angepriesen werden.

Ein weiterer Fokus der DigitalCity.Wien liegt im Ausbildungsbereich. Gerade Frauen sollen für die IT-Branche begeistert werden. Projekte wie „Smart Kids“ und Marketing Projekte mit weiblichen Role-Models sollen helfen, den Anteil von Frauen in der IT-Branche zu erhöhen, schon SchülerInnen digitale Kompetenzen näher zu bringen und das Interesse an MINT-Fächern zu wecken.

Datenschutz vs. Digitalisierung

Doch wer vieles digitalisiert, setzt sich auch Cyberattacken aus und muss ein besonderes Augenmerk auf den Datenschutz legen. Estland ist im Sinne der Digitalisierung ein Vorbild für die Stadt Wien. Der baltische Staat ist zwar vollkommen digitalisiert, doch die Digitalisierung birgt auch ihre Tücken. 2007 wurden die IT-Systeme der größten Banken, der Regierungsbehörden und Telekommunikationsfirmen gehackt. „Würden die digitalen Daten zerstört, wären wir total aufgeschmissen“, sagte Siim Sikkut, der Leiter der estnischen Staatskanzlei, zur Neuen Zürcher Zeitung. Doch weltweit verteilte Sicherheitskopien sollen den Fortbestand des digitalisierten Staates gewährleisten.
Wien ist noch nicht so weit wie Talinn, doch die Kontakte zu den VertreterInnen der Digitalisierung in Estland sollen erweitert werden. Auch in der Bundeshauptstadt sind die IKT-Systeme Grundlage für die Handlungs- und Geschäftsfähigkeit der Stadt geworden. Dadurch ist es wichtig geworden, „das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Sicherheit unserer IKT-Systeme, Daten und Dienste zu gewährleisten“, denn „der Schutz von Daten ist für die Schaffung von Vertrauen in die digitale Welt unverzichtbar. Das bedeutet, dass diese Daten keinesfalls unberechtigten Dritten zur Kenntnis gelangen oder durch diese verändert werden dürfen“, so Josef Pichlmayr.

Solange der Mensch im Mittelpunkt steht…

Die Digitalisierung der Stadt soll das Leben der BürgerInnen Wiens erleichtern. WienerInnen können zukünftig über eine Auswertungsmöglichkeit die Verwendung der eigenen Daten in den IKT-Systemen Wiens nachvollziehen. Niemand soll zurück gelassen werden, damit kein „digital divide“ die BürgerInnen trennt. Der Service ist für alle zugänglich, unabhängig von Bildung, Einkommen oder Herkunft. Nachteile sehen die VertreterInnen der DigitalCity.Wien kaum, denn „die Digitalisierung der Stadt Wien soll kein Selbstzweck oder gar eine Bedrohung sein, sondern zum Wohl und Nutzen der Bevölkerung!“ Einen Nachteil sieht Josef Pichlmayer aber doch, aber erst dann, „wenn nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt steht …“

Also doch Science-Fiction?

 

Foto: Werner Leiner


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