A-Wien-Stadtpark

Wiener Problemzonen: Neue Luxusprobleme und alte Freiheiten

08. April 2015 / von / 0 Kommentare

Die Lebensqualität einer Stadt misst sich nicht an Befragungen unter ManagerInnen – sondern daran, wie sie mit ihren sozial Schwächsten umgeht. Warum Wohnen zum Luxus wird und etwas Neues für Wien schön klingt, aber anders aussieht.

Das erste Mal wurde P. Mitte 20 wohnungslos. Seitdem verfolgt ihn ein nie endender Kreislauf: er verliert seinen Job, kann seine Rechnungen nicht bezahlen, zum Schluss wird er „delogiert“. Das gleiche Ende, aber eine andere Vorgeschichte erlebte Frau M. Sie war die letzte Mieterin in einem Haus, aus dem bereits alle anderen regelrecht hinausgeekelt wurden. Ihre Wohnung, in der sie seit ihrer Kindheit lebte, sollte schließlich zu einer profitablen Eigentumswohnung umgebaut werden. Nach jahrelangen Schikanen wurde ihr ein Wasserschaden als Kündigungsgrund angehängt. Wir erinnern uns auch an Herrn I., der als letzter Mieter nicht ausziehen wollte und im Sommer 2014 tot in seinem Wohnhaus aufgefunden wurde. Er wurde zuvor vom Hauseigentümer massiv unter Druck gesetzt. Auch dieser wollte sanieren und teuer weitervermieten. Mission Geldgier: accomplished.

Gewalt statt Hilfe. Szenenwechsel: Im Oktober 2013 machte die Vertreibung von etwa 25 Obdachlosen im Wiener Stadtpark Schlagzeilen. Ende März sollten wieder fünf bis acht Personen, die im Park übernachten, laut Polizei und ÖVP vertrieben werden. Der Grund: „Anrainerbeschwerden“ und Verstöße gegen die „Kampierverordnung“. Die Räumung fand nicht statt – es wurden Quartiere für alle Betroffenen gefunden. Endet aber die Wiener Winterhilfe Ende April, sind jene, die aus anderen Bundesländern oder dem EU-Ausland kommen, nicht mehr anspruchsberechtigt. Zwei Klassen – auch bei der Wohnungslosenhilfe. Das Motiv hinter der geplanten Räumung war klar: Obdachlosigkeit – und damit Armut – sollen unsichtbar bleiben.

Das bleiben sie meist auch. Denn die Probleme fangen im Stillen an – wenn Menschen ihre Wohnung verlieren. Im Schnitt sieben Mal am Tag findet in Wien eine gerichtliche „Delogierung“ statt. Wohnungslosigkeit ist längst kein „Randphänomen“ mehr. Denn Wohnen ist für viele, vor allem junge, Menschen in Wien nicht mehr leistbar. Jene, die sich gerade auf Wohnungssuche befinden, keine „Eigenmittel“ oder wohlhabende Eltern hinter sich haben, die prekär arbeiten und gerade mal so über die Runden kommen – für sie ist es unmöglich, sich eine nach heutigen Standards „normale“ Miete leisten zu können. Allein: „normal“ ist hier längst nichts mehr.

Nackte Freiheit. Wohnen ist nicht umsonst Wahlkampfthema Nummer Eins. Nirgendwo sonst kommen die wahren Ideologien der Parteien besser zum Vorschein. Während die SPÖ und die Grünen in Wien unisono für feste Mietobergrenzen sind, sprechen sich etwa die NEOS dagegen aus. Gerne propagieren sie ihre (vermeintliche) „Freiheit“. Gemeint ist damit eigentlich das „enthemmte“ Geld ausgeben oder besser noch: Kapital anhäufen. Wer keines von beiden hat, hat Pech gehabt. „Permanentes ökonomisches Tribunal“ würde der französische Philosoph Foucault dazu sagen. Permanent, weil es in allen Lebensbereichen wirksam ist: von der Ökonomisierung der Bildung bis hin zum ständigen Wettbewerb – am Arbeitsplatz, beim Wohnen, und in sozialen Medien.

Denn auch dort werden derzeit mehr als anderswo Konsumsucht und Neid gefördert. Die Straßen bleiben irgendwann leer, wenn alle zwischen Ikea-Stühlen und Cupcakes zuhause sitzen. Und das ist nicht verwunderlich: Es ist die Flucht ins Gemütliche, Gewohnte und oberflächlich Schöne, die vergessen lässt, wie schrecklich die Welt da draußen ist. Am besten nichts damit zu tun haben, weg damit – so lautet die Devise. Verdrängung, auf Kosten anderer. Was Neues für Wien sieht jedenfalls anders aus.

Im Bild: Der idyllische Wiener Stadtpark. (© Wikimedia Commons)


Kommentieren


7 × 9 =