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„Wien war wie ein Befreiungsschlag“

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Über Berufswege, Bordelle und Babys: WIENER VIELFALT traf „Tatort“-Schauspielerin Tanja Raunig und Bestsellerautorin Marie-Theres Stremnitzer zum Lunch. Im kleinen, feinen Restaurant hidden kitchen im Ersten redeten die beiden ganz offen über das Älterwerden, ihre größten Erfolge und die Schattenseiten ihres Berufs.

Interview: Jelena Gučanin | Fotos: Igor Ripak

WV: Marie-Theres, dein erster Roman „Angezogen wäre das nicht passiert“ handelt von Luisa, die sich in Wien auf verzweifelte Männersuche begibt. Wie viel von dir steckt in dieser Geschichte?

MARIE-THERES STREMNITZER: Ich glaube, dass von fast jeder Frau sehr viel in Luisa steckt – besonders wenn es so auf die 30 zugeht. Dann fangen plötzlich alle an zu heiraten und Kinder zu kriegen und die alte Welt bricht auf einmal weg. Dann hat man das Gefühl, man bleibt alleine übrig, das ist beängstigend. Der Witz bei der Männersuche ist aber der: wenn man diesen Krampf hinter sich lässt, dann passiert es meist eh von selber. Es steckt natürlich etwas von mir in der Geschichte, ich habe mich auch auf Online-Portalen herumgetrieben. Die Männer im Buch gibt’s so zwar nicht, aber ich gebe durchaus zu, dass mich mit 30 ähnliche Gedanken gequält haben.

WV: Liegt das daran, dass Frauen insgesamt stärker unter Druck gesetzt werden?

MARIE-THERES: Ja. Irgendwie kommt dann alles zusammen und man fragt sich, wie man innerhalb so kurzer Zeit alles unter einen Hut bringen soll.
 

WV: Tanja, wie siehst du das?

TANJA RAUNIG:  Eine Frau mit Kindern, die gleichzeitig beruflichen Erfolg hat, muss sich ständig dafür rechtfertigen. MARIE-THERES: Du musst dich rechtfertigen, wenn du keine Kinder hast, wenn du welche hast, wie viele du hast, wenn du zuhause bleibst, du musst dich rechtfertigen, wenn du arbeiten gehst, wenn du ganz jung ein Kind bekommst, wenn du zu alt bist. Ich mein: was wollen die eigentlich von uns? TANJA: Und bei Männern läuft das so alles nebenbei. MARIE-THERES: Denen klopft man immer auf die Schulter, egal was sie machen.
 

WV: Tanja, du kommst aus einem beschaulichen Ort in Kärnten und lebst seit einigen Jahren in Wien. Wie war die erste Zeit hier für dich?

TANJA: Wien war für mich der totale Befreiungsschlag. Ich liebe diese Stadt. Ich bin in einem kleinen 350-Seelendorf aufgewachsen. Als Kind ist es schön, aber ab einem gewissen Alter habe ich mir die Freizeitmöglichkeiten, die man in einer Stadt hat, sehr gewünscht. Man stellt sich das Landleben immer so idyllisch vor – ich hab’s leider zu gut kennengelernt.

WV: Marie-Theres, du bist in Wien geboren und aufgewachsen, hast aber auch in Italien gelebt. Wo lebt es sich denn besser?

MARIE-THERES: (lacht) Das hängt immer mit der Lebensphase zusammen. Tendenziell würde ich immer noch Italien den Vorzug geben. Es war immer ein Traum von mir, in Rom zu leben. Aber es gibt Träume, die muss man gar nicht in die Tat umsetzen. Das sind Sehnsuchtsorte, die man im Herzen mit sich herumträgt. Was die viel zitierte Lebensqualität betrifft, ist Wien schon eine großartige Stadt. Das habe ich lange Zeit nicht so gesehen. Damals dachte ich mir immer, Wien ist eine Pensionistenstadt, grau und hässlich (lacht). Inzwischen finde ich, dass man hier ganz gut wohnen kann.

WV: In welchem Bezirk bist du aufgewachsen?

MARIE-THERES: Im 8. Bezirk. TANJA: Ah, schön. MARIE-THERES: Ja schön und gleichzeitig sehr bürgerlich. Wien hatte etwas Dörfliches. Mein Vater war samstags immer für die Einkäufe zuständig. Wir sind von einem Laden zum anderen, überall habe ich etwas abgegrast: beim Fleischer ein Wurstradl, beim Greißler eine Schokobanane, beim Gemüsehändler eine Erdbeere, beim Bäcker eine Brause.

WV: Tanja, gibt es etwas, das du am Landleben vermisst?

TANJA: Wenig (lacht). Ich bin ein totales Stadtmädl geworden. Vielleicht im Sommer die Terrassentür aufmachen zu können, mir ein Handtuch zu schnappen und mich auf meine Wiese zu legen.

WV: Du hast in Wien die Schauspielschule abgeschlossen. Wann war dir klar, dass du Schauspielerin werden willst?

TANJA: Irrsinnig spät. Eigentlich habe ich klassischen Gesang studiert. Ein weiterer Wunsch war immer, Psychologie zu studieren. Dann habe ich das erste Mal bei einem Laientheater in Kärnten vor 600 Leuten gespielt. Dort habe ich Blut geleckt, aber gleich gewusst: das ist es. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung in Wien bestanden und war schon mittendrin.
 

WV: Abgesehen von deiner Rolle beim „Aufschneider“, bist du vor allem aus dem „Tatort“ bekannt, wo du die Filmtochter von Harald Krassnitzer spielst. Gleichzeitig stehst du auf der Theaterbühne. Was gefällt dir besser?

TANJA: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich wollte immer auf die Bühne – bis heute finde ich nichts schöner als die sechswöchige Probenzeit. Du hast am Anfang nur  ein Textbuch – und einige Wochen später steht dann ein Stück auf der Bühne. Das mit dem Film ist, ehrlich gesagt, passiert. Da bin ich aber sehr froh drüber.

WV: Marie-Theres, du hast unter anderem als Regisseurin am Burgtheater gearbeitet. Wann wusstest du denn, dass eigentlich das Schreiben deine Leidenschaft ist?

MARIE-THERES: Nach meinem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft bin ich relativ bald im Burgtheater gelandet. Das war eine schöne und intensive Zeit. Ich habe dann aber bemerkt, dass die Regie nicht meine Art des Erzählens ist. Dafür bin ich nicht visuell genug. Beim Schreiben kann ich die Fantasie des Lesers benutzen. Später habe ich an der Filmakademie in Ludwigsburg Drehbuch studiert. Darüber bin ich wirklich zum Schreiben gekommen. Ich hatte immer viele Romanideen in der Schublade, bin aber nie wirklich weitergekommen.

WV: Hast du damit gerechnet, dass dein erster Roman so ein Erfolg wird?

MARIE-THERES: Nein, aber gehofft habe ich es schon.

Das hidden kitchen in der Färbergasse im 1. Bezirk ist der ideale Ort, um die Mittagspause gemütlich und bei gutem Essen zu verbringen.

An der Theke können allerlei Köstlichkeiten ergattert werden: von Zucchini-Mohn-Suppe und Detox Salat bis hin zum süßen Banoffee Pie Trifle.

 

Ein Highlight der Küche sind die frischen Quiches, heute mit Kürbis, Ziegenkäse, Salbei und lila Zwiebeln. Dazu passt Rucola mit Sesam-Brittle und Granatapfel oder auch der vietnamesische Rindereintopf mit Süßkartoffeln. Von 11 bis 16 Uhr (Mo-Fr) kann man sich selbst vom Geschmack überzeugen lassen.

 

WV: Tanja, bei welcher Szene musstest du dich ganz besonders überwinden?

TANJA: Bei meinem allerersten Drehtag beim „Aufschneider“ musste ich küssen, stöhnen und halbnackt im Bett liegen. Ich war 19, das erste Mal am Set und total naiv. Nach diesem Tag habe ich mir dann gedacht: Jetzt erschreckt mich nichts mehr.

WV: Marie-Theres, was ist das skurrilste Erlebnis der Luisa, das auf wahren Begebenheiten beruht?

MARIE-THERES: Um über ein Bordell schreiben zu können, muss man schon dort gewesen sein. Das war schräg, es sah aus wie eine heruntergekommene Clublounge. Wenn man nicht gewusst hätte, was da drinnen angeboten wird, wäre man gar nicht draufgekommen. TANJA: Ich war einmal in einem Puff, ohne es zu wissen. Drinnen war ich dann etwas irritiert, weil die Frauen so freizügig angezogen waren. Aber ich dachte mir, das wäre ihr Stil (lacht).

WV: Welche Schattenseiten hat euer Beruf?

TANJA: Es kann zehn Jahre gut laufen und dann vier Jahre nicht. Auf der anderen Seite ist es schön, weil ich meine Fantasie und Kreativität ausleben kann. Fantasie hat in dieser Gesellschaft leider so wenig Raum. Außerdem habe ich nie das Gefühl, dass ich arbeiten gehe. MARIE-THERES: Ich muss oft zu meiner Tochter sagen: ,Die Mama muss jetzt arbeiten.‘ Mir kommt dieser Satz immer total komisch vor. Abschalten zu können, ist dafür sehr schwierig. Es ist ein Leben an der langen Leine. Mein Buch läuft zwar gut, ich bekomme auch Geld dafür – aber alleine davon leben könnte ich nicht. TANJA: Wenn jemand viel Geld verdienen will, ist er falsch in dieser Branche. MARIE-THERES: Das ist genau das Gleiche beim Drehbuchschreiben. 85 Prozent von dem, was geschrieben wird, kommt nie auf eine Leinwand. Die meiste Arbeit wird also nicht bezahlt. Das ist unmoralisch. Ich gehe auch nicht zum Frisör und entscheide später, ob ich bezahle.

WV: Was sind eure Pläne für die nahe Zukunft?

TANJA: Gerade spiele ich am Theater der Jugend, wo ich viel und gerne spiele. In Zukunft würde ich wahnsinnig gerne berufsbegleitend Psychologie studieren, weil mich das nie losgelassen hat. MARIE-THERES: Ich schreibe gerade am Nachfolgeroman. Die Frage, die mich darin beschäftigt ist, wann frau am „besten“ ein Kind bekommt und wie die Umgebung darauf reagiert, wenn man deren Vorstellungen nicht entspricht.

Tanja Raunig (25) absolvierte die Schauspielschule Krauss in Wien und war schon in zahlreichen Theater- und Filmproduktionen zu sehen. Ihren Durchbruch hatte sie mit ihrer Rolle als Claudia Eisner in der TV-Serie “Tatort”. Derzeit ist sie am Theater der Jugend in “Emil und die Detektive” zu sehen.

Marie-Theres Stremnitzer (38) studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und begann 1999 nach einem Auslandssemester in Italien als Regieassistentin und Regisseurin am Wiener Burgtheater. 2010 schloss sie zudem ein Drehbuchstudium ab und arbeitet seither als freie Autorin und Redakteurin. Ihr Roman “Angezogen wäre das nicht passiert” wurde gleich zum Bestseller.


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