Dino Rucak (16)

Lunch: „Wien ist eine Weltstadt mit Dorfcharakter“

21. Dezember 2013 / von / 0 Kommentare

WIENER VIELFALT traf die Köchin Parvin Razavi und den Jungpolitiker Mustafa Yenici zum Lunch.

Die Stimmung ist gelassen. Parvin Razavi bestellt eine Waldlimo, Mustafa Yenici entscheidet sich für eine herbstlichere Variante. Das Restaurant ist hell und großzügig gestaltet, die Kellner bemüht und mit einem ständigen Lächeln auf den Lippen. Auf dem Tisch ist eine Karte mit dem Wochenmenü platziert. Parvin entscheidet sich für das vegetarische Menü, Mustafa versucht es mit dem Hirschragout.

Parvin Razavi gewann im Oktober den erstmals vergebenen Preis der Wiener Vielfalt. Die Kochbuchautorin und Foodbloggerin mit persischen Wurzeln holte sich den Award in der Kategorie „Küche und Kulinarik in Wien“. Sie bringt mit regional-biologischen Produkten und Offenheit für alle Weltkulturen Würze in die Wiener Kochlandschaft. Ihr heutiger Gesprächspartner, Mustafa Yenici, arbeitet im Integrationsbüro der SPÖ. Seine Karriere begann er als Schulsprecher, danach arbeitete er bei der Sozialistischen Jugend. Eins führte zum anderen und so wurde aus einem ehrenamtlichen Hobby ein Beruf.

Parvin, du kochst österreichisch-orientalisch. Woher kommt dieser Mix?

PARVIN: Das ist ganz von alleine gekommen. Ich esse gerne Österreichisch, bin gleichzeitig orientalisch geprägt und so ist das ganz natürlich passiert. Ich koche ab Österreich südlich nach unten gehend.

Und was isst du am liebsten, Mustafa?

MUSTAFA: Naja, meine Frau ist Halb-Mexikanerin, Halb-Österreicherin und ich habe türkische Wurzeln. Daher treffe ich es ziemlich genau, wenn ich sage, dass ich bunt gemischt esse. (lacht) Ich will mich da gar nicht festlegen, ich picke mir das heraus, was mir am besten schmeckt. Klar ist aber: Türkisch kocht Mama einfach am besten!

Was haltet ihr beiden von dem neuen Lifestyle Veganismus?

PARVIN: Mein Kochbuch ist vegan. Ich habe es damals in Istrien, Kroatien gemacht und die Landsleute dort essen ja auch relativ fleischlastig. Also habe ich jeden zweiten Tag ein veganes, orientalisches Buffet für unsere Nachbarn gemacht und die waren restlos begeistert. Ich merke in meinem Umfeld leider, dass es Menschen gibt, die ihre Essstörung mit Veganismus verstecken. Sie gestehen sich selbst nicht ein, dass sie den Bezug zu ihrem eigenen Körper verlieren, um es hart auszudrücken.
MUSTAFA: Bis vor zehn Jahren hat jedes Verständnis zu Vegetariern gefehlt, von Veganern ganz zu schweigen. Ich glaube, Veganismus wird bald ganz normal sein und genauso akzeptiert werden wie Vegetarismus. Wenn man sich die Auswahl in den Geschäften und Restaurants ansieht, macht es auf jeden Fall den Eindruck.

Habt ihr Lieblingsrestaurants in Wien?

PARVIN: Es gibt einen kleinen Japaner am Naschmarkt, den mag ich total gerne. Ansonsten kommt es darauf an, auf welche Küche ich Lust habe.
MUSTAFA: Das ist bei mir ähnlich. Ich gehe am liebsten in Restaurants, in denen Menschen aus dem Kulturkreis essen. Ich mag den Einheitsbrei in den meisten chinesischen Restaurants beispielsweise nicht, ich will was Authentisches. Ich glaube außerdem, dass man bei einem Italiener, in dem Italiener essen, nicht viel falsch machen kann. (lacht)

Labstelle, 1010 Wien: Angenehmes Ambiente mit urbanem Flair, saisonale Gerichte, regional verwurzelt.

Parvin entschied sich für die vegetarische Variante: Bröselkarfiol mit Nussbutter und Bio-Dotter.

Alexandra wählte als Vorspeise eine Schaumsuppe vom Marchfelder Kürbis.

Mustafa entpuppte sich als Fleischliebhaber und probierte das Hirschragout mit Knödel und Pilzen.

Würdet ihr beiden euch als Wiener bezeichnen?

MUSTAFA: Ich bestehe sogar darauf, ich bin auf jeden Fall waschechter Wiener! Wenn nach der Identität gefragt wird, nenne ich mich auf jeden Fall Wiener. Als Österreicher fühle ich mich natürlich auch, aber in erster Linie habe ich den Bezug zu Wien.
PARVIN: Ich bin in Teheran geboren, aber ich bin in Wien aufgewachsen und hier zur Schule gegangen. Mein Leben findet in Wien statt. Also ja, auf jeden Fall! Wobei ich mich am liebste als Europäerin bezeichne. (lacht)

Ihr habt beide Kinder. Würdet ihr sagen, Wien ist kinderfreundlich?

PARVIN: Ja, schon. Jeder, der denkt, Wien ist nicht kinderfreundlich, sollte für eine Zeitlang in eine andere Großstadt ziehen – das würde ihre Meinung schnell ändern.
MUSTAFA: Im Großen und Ganzen schon, ich glaube, die Kinderfreundlichkeit hat stark zugenommen. Wer einmal mit einem Kinderwagen in einer alten Straßenbahn war, weiß die neuen zu schätzen und die kommen ja alle paar Minuten.

Das Wort „Integration“ kann bald keiner mehr hören, aber es ist dennoch ein großes Thema. Was kann eurer Meinung nach jeder Einzelne tun, um positiv zur „Integration“ beizutragen?

PARVIN: Da gibt es verschiedene Ansätze. Wichtig ist sicher, Stellung zu beziehen. Weil Menschen, die andere diskriminieren, oft gar nicht zu hören bekommen, dass das nicht okay ist. Außerdem versuche ich, meinen Kindern, Dinge vorurteilsfrei zu erklären. Ich bin nicht gläubig, aber wenn mich meine Tochter fragt, warum die Frau bis auf die Augen verschleiert ist, antworte ich ohne abwertend zu werden.
MUSTAFA: Bei Kindern gibt es ja gar keine ethnischen Differenzen, selbst wenn sie noch nicht reden, agieren sie miteinander. Erst die Eltern sind dann die, die Grenzen setzen. Ich halte es einfach für wichtig, auch im Alltag Zivilcourage zu zeigen und Situationen, in denen andere diskriminiert werden, nicht einfach so hinzunehmen.

Wo wir schon von Integration reden. Parvin, du hast heuer den „Wiener Vielfalt“ Preis im Kulinarikbereich gewonnen. Wie fühlt sich das an?

PARVIN: Wie sich das anfühlt? Toll! Ich war anfangs total überrascht. Die erste Nachricht, dass ich es unter die letzten 46 geschafft habe, hat mich ein wenig aus meiner Schockstarre wegen des Wahlergebnisses geholt. Ich war in meiner kleinen Depression und dann kam diese positive Nachricht. Ein tolles Gefühl.

Mustafa, glaubst du sind solche Preise wichtig?

MUSTAFA: Überaus wichtig. Mit solchen Preisen zeigt man, dass Integration funktioniert. Man braucht Probleme nicht weg reden, die gibt es. Sei es im Bildungsbereich, in der Arbeitswelt oder zwischenmenschlich, das alles sei dahingestellt. Aber genau solche Awards holen die Menschen vor den Vorhang, die sonst nicht auffallen.

Das Gespräch geht langsam zu Ende. Der letzte besprochene Punkt ist der Wiener Gemeindebezirk Döbling. Wie sich herausstellt, sind Parvin und Mustafa beide im Herzen des 19. Bezirkes aufgewachsen. Außerdem haben sie die gleiche Volksschule und das gleiche Gymnasium besucht. Vielleicht war die Konversation deswegen so entspannt, fast so, als wären die beiden alte Freunde. Über mehrere Ecken kennt in Wien eben jeder jeden. Parvin und Mustafa haben es mit dem Satz „Wien ist eine Weltstadt mit Dorfcharakter“ auf den Punkt gebracht.

Fotos: Igor Ripak


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