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Wien ist ein fruchtbarer Boden

25. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Mariusz Jan Demner ist seit Jahrzehnten als Werber tätig, Laura Karasinski gilt als Shootingstar der heimischen Kreativszene. Wir haben beide zum Gespräch ins Café Museum gebeten und uns über die Wiener Werbebranche, Bescheidenheit und Mad Men unterhalten.

Fotos: Igor Ripak

WV: Herr Demner, ich habe gehört Sie ernähren sich vegan.

MARIUSZ JAN DEMNER: Ja zusehends. Aber nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil ich das Fleischessen seit langem aufgegeben habe. Ab und zu Fisch ist aber drinnen.

WV: Hat man es als Veganer schwer in Wien?

MARIUSZ JAN DEMNER: Ich finde hier hat man ganz gute Möglichkeiten vegan und vegetarisch zu essen.

WV: Wie sieht es bei Ihnen aus?

LAURA KARASINSKI: Ich bin keine Veganerin, esse aber auch kaum Fleisch.

WV: Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

MARIUSZ JAN DEMNER: Laura hat bei uns als Freelancerin in der Graphik gearbeitet. LAURA KARASINSKI: Für meine Generation war Mariusz Jan Demner immer schon ein Werbe-Rockstar (lacht). 
Ich habe mich bereits mit 15 Jahren zum ersten Mal bei „Demner, Merlicek & Bergmann“ beworben, wurde aber nicht genommen.

WV: Sie wurden kürzlich mit dem „Women of the Year Award“ in der Kategorie „Newcomer“ ausgezeichnet. Wann war Ihnen klar, dass Sie in die Kreativbranche möchten?

LAURA KARASINSKI: Ich habe schon als kleines Kind Flyer gesammelt und Bilder in Magazinen selbst bearbeitet. Das kam von ganz alleine. Ich hatte immer ein Skizzenbuch in das ich hinein gemalt habe. Meine Freunde meinten, ich soll das unbedingt herzeigen was ich mache. Vor fünf Jahren gründete ich meine erste Facebook-Seite namens „Housemaedchen“. In kürzester Zeit bekam diese sehr viel Aufmerksamkeit, wodurch auch größere Unternehmen auf mich zugekommen sind. MARIUSZ JAN DEMNER: Schade, dass es die Seite nicht mehr gibt. Ich fand den Namen „Housemaedchen“ super und auch charmant. Nur wenige Leute in unserem Metier haben die Bescheidenheit, einer Firma so einen unprätentiösen Namen zu geben.

WV: Kann man in Zeiten von Selbstinszenierung und Personalisierung überhaupt noch mit Bescheidenheit überzeugen?

MARIUSZ JAN DEMNER: Das eine schließt das andere ja nicht aus, wie das Beispiel von Laura zeigt. Auf der einen Seite ist „Housemaedchen“ ein unprätentiöser Name, auf der anderen Seite fällt er auf, weil er sich von den anderen unterscheidet. Es liegt im Kern der Kommunikations- und Werbebranche, dass das, was nicht in irgendeiner Form wahrgenommen wird, quasi nicht existiert. Die Werbung, der wir heute ausgesetzt sind, ist zu 90 Prozent unattraktiv und austauschbar, Werbemüll sozusagen. Genau das Gegenteil von dem was unser Metier eigentlich bewirken soll. Wir sollten ja Marken und Produkte in den Herzen und Köpfen der Menschen verankern. Das kann man mit großer Unauffälligkeit natürlich nicht. Aber es gibt zwei Arten von Auffälligkeit: die Aufdringliche und die Unaufdringliche oder Originelle. Letztere gibt den Leuten zumindest ein Lächeln.

 

 

WV: Wie wichtig ist Selbstmarketing in der Kommunikationsbranche?

LAURA KARASINSKI: Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Selbstmarketing ist auf jeden Fall hilfreich. Facebook spielte bei mir etwa eine große Rolle. Man muss aber aufpassen wie stark man es betreibt und mit wem man medial zusammenarbeitet. Vor allem als junge Frau wird man schnell nicht mehr ernst genommen.

WV: Ist Ihnen das oft passiert?

LAURA KARASINSKI: Mittlerweile ist das Alter nicht mehr ein Thema. Früher war es aber schon einige Male so, dass mir Leute etwas nicht zu getraut haben und meinten ich wär zu jung oder unerfahren für einen Job. Sie haben mir nicht die  Möglichkeit gegeben mein Talent zu beweisen.

WV: Herr Demner, Sie haben ja auch mit Anfang zwanzig ihr Unternehmen gegründet. Kennen Sie dieses Problem?

MARIUSZ JAN DEMNER: Das war bei mir etwas anders. Ich war ungefähr gleich alt. Aber mein Problem war nicht, dass die Leute gedacht hätten ich wäre zu jung, sondern, dass sie mir alles zugetraut haben. Nur war ich völlig Autodidakt. Ich habe Jus, Publizistik und Kunstgeschichte studiert und war nur wenige Wochen in einer Werbeagentur. Ich habe kaum etwas gewusst oder gekonnt. Ich wusste nur ich wollte Werbung machen. LAURA KARASINSKI: Wie kam es eigentlich dazu? MARIUSZ JAN DEMNER: Das ist eine längere Geschichte. Ich habe vier Wochen als Assistent bei einer Agentur gearbeitet. Dann haben die bemerkt, dass sie mich eigentlich gar nicht brauchen und mich loswerden wollten. Sie mussten aber die Kündigungsfrist einhalten. Das heißt, dass sie mich noch drei Monate behalten mussten. Ich wollte etwas tun. Sie hatten aber nichts zu tun für mich und auch keinen Platz, also bin ich drei Monate bezahlt spazieren gegangen und habe meine Dissertation begonnen. Ich bin in dieser Zeit dann einmal zufällig einem Bekannten meines Vaters über den Weg gelaufen, ein Textilfabrikant. Er meinte, es sei gut mich zu sehen und fragte mich, ob ich denn nicht in der Werbung sei. Ich sagte zögerlich „ja“, denn eigentlich war ich ja schon wieder draußen. Er sagte er müsse Werbung machen für ein Markenhemd und fragte mich ob ich ihm jemand empfehlen könne. Ich sagte dann einfach: „Das trifft sich gut, ich habe gerade eine Agentur gegründet.“ Er fragte dann, ob ich gleich morgen beginnen könne. Das war quasi eine Agenturgründung auf der Straße. LAURA KARASINSKI: Bei mir ging das auch blitzschnell. Eigentlich wollte ich mich nur nach Steuern bei der Wirtschaftskammer erkundigen. Nach einer halben Stunde kam ich mit zwei Gewerbescheinen wieder raus und war frischgebackene Kleinunternehmerin. Ich war auch noch nicht einmal mit dem Studium fertig und erst 21 (lacht).

WV: Glauben Sie, dass es heute schwieriger ist in der Werbebranche Fuß zu fassen?

MARIUSZ JAN DEMNER: Ich glaube, dass es in einer Branche, in der es viele Untalentierte aber nur wenige Talentierte gibt, nicht so schwer sein kann Fuß zu fassen. Wie ich angefangen habe waren die Voraussetzungen sich selbstständig zu machen extrem ungünstig. Es hat damals ein paar internationale Agenturen in Wien gegeben und zwei große Parteiagenturen. Viel Platz war da nicht.

WV: Wie würden Sie die Wiener Kreativszene heute und damals beschreiben?

LAURA KARASINSKI: Wenn man seine Sache gut macht, hat man in Wien kaum Konkurrenz. Das hat positive und negative Seiten. Alles ist relativ überschaubar. Aber ich entdecke trotzdem immer wieder etwas Neues und auch viele junge Künstler, die oft aber leider sehr zurückhaltend sind was ihre Arbeit betrifft. MARIUSZ JAN DEMNER: Wien hat sich sehr verändert. Allerdings ist das schon lange her. Wien war nach dem zweiten Krieg eine völlig kaputte Stadt. Der Nationalsozialismus hat alles ausgerottet was in der Zwischenkriegszeit entstanden ist. Wien war einmal 
ein Weltzentrum der Moderne. Nach dem Krieg war es verbrannte Erde und das in vielerlei Hinsicht. Aber wie das so ist bei verbrannter Erde, hat sie die Eigenart, dass sie besonders fruchtbar ist. So ist hier eine Avantgarde von internationaler Bedeutung entstanden. Ich habe das Glück gehabt, mit diesen Leuten in den 70ern befreundet gewesen zu sein. Man hat sich damals im Hawelka oder im Koranda in der Wollzeile getroffen, ohne sich aber zu verabreden. Da waren immer viele Künstler, Thomas Bernhard war ums Eck im Café Bräunerhof. LAURA KARASINSKI: Zum Glück haben diese teilweise auch noch heute ihre Nachfahren in Wien, die das moderne Erbe weitertragen zum Beispiel „Left Boy“ (Anm. der Red.: André Hellers Sohn).

WV: Könnten Sie sich vorstellen in einer anderen Stadt zu leben?

LAURA KARASINSKI: Vorerst bleibe ich Wienerin. Vielleicht nicht mein ganzes Leben, denn ich genieße auch die Zeit im Ausland etwa wenn ich beruflich verreise. Wien ist gemütlich und ruhig, daher ein idealer Arbeitsort. Um einen Fahrgast aus der Straßenbahn zu zitieren: „Wien ist wie Paris, nur ohne Franzosen“ – da musste ich schmunzeln. MARIUSZ JAN DEMNER: Ich habe überwiegend in Wien gelebt. Bin einige Jahre in der Schweiz zur Schule gegangen.  Ich war kurz in New York, als dort die „Creative Revolution“ stattfand. Das ist auch der Grund wieso ich mir „Mad Men“ nicht anschauen kann – ich kenne zum Teil noch diese Leute. Ich arbeite 12 bis 16 Stunden am Tag. Eigentlich ist das ja egal wo ich mich dabei genau befinde. Ich bin aber gerne in Wien, es ist eine wunderbare Stadt. Du hast das Angebot einer Metropole und lebst wie in einem Dorf. Ich denke, dass Wien ein sehr fruchtbarer Boden ist. Es heißt immer New York, if you can make it there, you can make it anywhere. Aber es ist genau umgekehrt: Vienna, if you can make it there, you can make it anywhere (lacht). LAURA KARASINSKI: Da stimme ich vollkommen zu.

 


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