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Wien bei Nacht: Geschlafen wird später

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

Wenn sich der Tag dem Ende zuneigt, die Pflicht für die meisten getan, der Feierabend verdient ist, treten sie auf den Plan, um das Rad weiter am Laufen zu halten: NachtarbeiterInnen in Wien.

Story: Zoran Sergievski, Magdalena Summereder, Konstantin Teske | Fotos: Igor Ripak

Mitternacht: orange Blinklichter, Scheinwerfer, Straßenlaternen erhellen eine Gruppe Arbeiter in Warnwesten. Eine Fräse frisst sich in Metall hinein, es ist laut, Funken sprühen wie Sternenregen. Zehn Männer, – vom schlaksigen Neuling bis zum stattlichen Veteranen – die an einer Kreuzung in Hietzing ein Gleisstück ausbessern. Über das ganze Jahr hinweg halten die ArbeiterInnen der Wiener Linien die Gleise instand. Die fünf U-Bahnstrecken messen zusammen 78,5 Kilometer, die Bims bewegen sich in einem Netz von 172 Kilometern Länge. In einer Nacht sind es drei bis vier Arbeiten dieser Art, welche die einzelnen Trupps der Wiener Linien durchführen.  Einer der Anwesenden spricht von bis zu 80 parallelen Baustellen pro Nacht in der ganzen Stadt. Technische Angestellte der Wiener Stadtwerke verdienen laut Kollektivvertrag mindestens 1504,66 Euro im Monat, wobei der Lohn mit Erfahrung und Dienstalter steigt. „Kann man schon lassen“, meint einer der Arbeiter, Anfang vierzig, dessen dunkle Haare von einem Kopftuch zusammengehalten werden. Nachsatz mit Grinsen: „Sonst würde ich’s ja auch nicht machen“.

Eine Stunde später. Die Arbeit auf der Baustelle geht zügig voran. „Hier war es relativ unkompliziert. Zum Glück, denn es gibt ja noch weitere Baustellen“, sagt einer der Arbeiter. Abwechselnd arbeiten bis zu drei Männer am Gleisstück: sie fräsen, sie hacken, sie bohren, sie schweißen. Eine Schicht dauert in der Regel acht Stunden, wobei diese bei Bedarf auf 16 Stunden ausgeweitet werden kann. Zum Vergleich: LenkerInnen dürfen maximal 12 Stunden im Einsatz sein.

Wenn ihr etwas verdächtig vorkommt, wird der Gast aufgefordert, es herzuzeigen. Auseinandersetzungen regle sie gerne „mit Schmäh: das deeskaliert“.

Die große Leuchttafel wird ausgemacht, gefaltet, eingepackt. Eine der Fräsen wird verstaut, Werkzeug eingesammelt, Kabel werden eingerollt, die letzte Bahn rollt Richtung Remise. Die Hälfte der Männer steigt in zwei kleine Laster, die älteren Semester bleiben noch und warten auf die ausgebesserten Gleisteile. Wenn hier die ersten Nightlines vorbeirumpeln, werden sie das Gleis wieder zusammensetzen, die Straße zumachen und still weiterziehen.

Schmäh schafft Sicherheit

Schweißgeruch liegt in der Luft. Durch eine Türe im zweiten Stock des Fox Gym in Fünfhaus dringen dumpfe Schlaggeräusche und angestrengtes Atmen. Davor steht eine große, durchtrainierte Frau mit dunkler Securityhose und freundlichem Lächeln. Tina Nikolic, die hier üblicherweise Thaiboxen und Selbstverteidigung unterrichtet, demonstriert, wie sie an Wochenenden in Wiener Clubs als Security für die Sicherheit der Gäste sorgt. Geübte Handgriffe an der Tasche, um verbotene Gegenstände zu ertasten. Wenn ihr etwas verdächtig vorkommt, wird der Gast aufgefordert, es herzuzeigen. Auseinandersetzungen regle sie gerne „mit Schmäh: das deeskaliert“. „Aussortieren“ zähle nicht zu ihren Aufgaben. Generell gäbe es laut Nikolic in Wien nur wenige Clubs, die ein ganz bestimmtes Publikum wünschen: „Wenn jemand von mir verlangen würde, dass ich zum Beispiel keine Ausländer reinlassen darf, würde ich nicht mitmachen“.  Sie liebe „die Interaktion und Kommunikation mit den Gästen“. Die Kehrseite: „Sturzbetrunkene, die es nur vielleicht noch nach Hause schaffen“.

Wenn in Clubs auf der Tanzfläche gestoßen wird oder jemand betrunken anderen Partygästen aufdringlich wird, müssen Securities eingreifen. „Höflich bleiben, nachfragen, was los ist und im Notfall der Person erklären, warum sie das Lokal verlassen muss.“  Zu richtig brenzligen Situationen, in denen zu Waffen gegriffen würde, komme es aber selten.

So wie Tina haben laut Statistik Austria rund 751.200 Menschen im 1. Quartal dieses Jahres in Österreich Nachtarbeit – nach den meisten Kollektivverträgen die Arbeit zwischen 22:00 und 06:00 -  geleistet.

Es darf gemenschelt werden

Baklava und Börek hinter Glasvitrinen, türkischer Männergesang zu Lautenklängen aus Lautsprechern, der Duft frischen Fladenbrots in der Luft. Nahe der Hauptbücherei, am Neubaugürtel, liegt der Backshop24. Enes Karahan, 30, hat heute Nacht im Verkauf Dienst. Seit 22:00 sei er schon hier, bis zwei, drei Uhr morgens werde er bleiben.

Vor dreizehn Jahren aus Ankara nach Österreich gekommen, hat er nie etwas anderes als Nachtarbeit kennengelernt. Seinen ersten Job trat er ebenfalls in einer Bäckerei an, am Yppenplatz in Ottakring. Danach war er sechs Jahre in der Produktion einer großen österreichischen Bäckereikette beschäftigt, sechs Tage die Woche, in Höchstzeiten bis zu zwölf Stunden täglich. Seine Mutter wurde schwer krank, er wollte bei ihr sein und kündigte. Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit, ist er nun seit einem Monat hier tätig. Dauerlösung sei das jedoch mittlerweile keine mehr für ihn: „Ich habe zwei kleine Kinder und will mich mehr um sie kümmern können“. Zudem kämen nachts immer wieder Betrunkene, manchmal komme es zu Schlägereien, schon mehrmals habe er die Polizei rufen müssen  - „das zehrt an meinen Nerven“.

Zu zwei Dritteln kämen Stammkunden, Kellner naheliegender Lokale, Bauarbeiter, Taxifahrer – „wir sind Freunde“, sagt Karahan. Oft müsse er gar nicht mehr nach deren Wünschen fragen, da sie ohnehin immer dasselbe kauften. Sollte doch ein Wortwechsel vonnöten sein, beherrsche Karahan zumindest das für den Verkauf notwendige Vokabular von sechs Sprachen.

„Ich habe zwei kleine Kinder und will mich mehr um sie kümmern können“. Zudem kämen nachts immer wieder Betrunkene, manchmal komme es zu Schlägereien, schon mehrmals habe er die Polizei rufen müssen – „das zehrt an meinen Nerven“.

Anders als in den auf Punkt und Strich genau rechnenden Supermärkten, würde hier der Menschlichkeit noch Spielraum gewährt: „Wenn ein Obdachloser kommt und kein Geld hat, geb‘ ich dem schon mal ein Brot gratis. Zur Gewohnheit darf das aber nicht werden“.

Von Anfang bis Ende

Hanusch-Krankenhaus, Pavillon 2, dritter Stock, Abteilung Gynäkologie/Geburtshilfe.  Auf dem langen, weiß-gelb getünchten Gang, sitzt, von Angehörigen umgeben, eine ambulante Patientin mit einer Infusion am Arm. An den Wänden eingerahmte, großformatige Fotografien von Sonnenblumen, Babyfüsschen, Küken. Ivana Kuzmanović, 28, sitzt in der schmucklosen Teeküche. Gemeinsam mit einer Kollegin hat die Krankenschwester heute über 36 Patienten zu wachen, die Betreuung der Notfallsambulanz nicht mitgerechnet. Zwölf Stunden dauert der Dienst, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Durchschnittlich fünf bis sechs mal pro Monat habe sie Nachtdienst, bei personellen Ausfällen könnten es aber auch acht oder neun werden. Ihr heutiger Dienst sei bisher eher ruhig verlaufen, im Lauf einer Stunde erklingt nur einmal der Signalton. „Es gibt aber auch Nächte, in denen viele Patientinnen unruhig sind und sehr oft klingeln. Besonders stressig wird es, wenn zusätzlich viele Frauen in die Notfallsambulanz kommen und man gleichzeitig hier und dort sein müsste.“

Schon in ihrer Jugend habe sie gewusst, wohin ihr Weg sie führen solle, „sozial veranlagt“ sei sie immer schon gewesen. Zusätzlich beeindruckt und bestärkt hätten sie die Erzählungen ihrer Tante, die während des Jugoslawienkrieges in den Neunzigerjahren Verwundete versorgt hat: „Die Leistung dieser Frau erschien mir immer enorm“. 1992 flüchtete Kuzmanović mit ihren Eltern aus Bosnien nach Österreich, acht Jahre lang lebten sie in der Wachau, bevor sie nach Wien kamen. Drei große Fachrichtungen gibt es auf der Station: den operativen Bereich der Gynäkologie, die Geburtenstation und eine Tagesklinik für Chemoterhapiepatientinnen. Insbesondere bei letzteren, die nicht selten über Jahre hinweg betreut würden, bekomme man oft Einblicke in deren Leben, Bindungen entstehen: „Manche begleiten wir von Beginn ihrer Krankheit an bis zum Tod, da fühlt man sehr mit“. Würde sie all das, was sie in der Station erlebt „mit nach Hause nehmen“, würde sie „wahrscheinlich ziemlich schnell selbst zum Patienten werden“. Mit der Zeit lerne man, gewisse Strategien zu entwickeln, das Erlebte nicht bis ins Innerste vordringen, sich nicht davon beherrschen zu lassen. Weshalb es auch wichtig sei, dass man im Team aufeinander bauen könne – „man muss aufeinander aufpassen“, sagt Kuzmanović.

„Manche begleiten wir von Beginn ihrer Krankheit an bis zum Tod, da fühlt man sehr mit“. Würde sie all das, was sie in der Station erlebt „mit nach Hause nehmen“, würde sie „wahrscheinlich ziemlich schnell selbst zum Patienten werden“.

Die in Österreich offizielle Bezeichnung ihres Berufs lautet Gesundheits- und Krankenschwester. Mit Blick auf die Geburtenstation, betont Kuzmanović den ersten Teil: „Eine Station, die weniger mit Krankheit, sondern mehr mit Gesundheit zu tun hat. Hier beginnt das Leben“.

Wenn es Morgen wird, werden die Schichten einander wieder ablösen, manche Türen werden geschlossen, andere geöffnet. Was Weckruf für die einen ist, entbindet andere vorübergehend ihrer Pflicht. Aber schon bald werden sie sich wieder auf den Weg machen, um das Funktionieren der Maschine Gesellschaft zu gewährleisten. Rund um die Uhr.


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