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Wie geht es den Wiener Türken?

22. September 2016 / von / 0 Kommentare

Vier Wienerinnen und Wiener mit türkischen Wurzeln geben einen ganz persönlichen Einblick, wie sie die aktuelle Situation in der Türkei sehen.

(Story: Alexandra Laubner / Fotos: Michael Mazohl)

 

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Ali Cem Deniz, FM4: „Meine Mutter arbeitet als Tortenverziererin in einem kleinen Laden in einem Reichenviertel von Wien. In den letzten Jahren fragen immer mehr Kunden nach ihrer Herkunft. „Spanien, Philippinen, Osteuropa?“ Dass sie aus der Türkei stammt, ist eine große Überraschung, weil sie sich nicht denken, dass es dort „so ganz normale Menschen“ gibt, die „freundlich reden und grüßen.“ Manche von ihnen hören von ihr zum ersten Mal, dass es auch in der Türkei Schnee gibt. Andere hingegen können auf Türkisch ein Bier bestellen. Sie alle haben aber eines gemeinsam: sie kennen sich bestens aus. Also fangen sie mit Erdoğan, Scharia und „dem Islam“ an und geben den übelsten islamophoben Quatsch von sich, den sie tief in sich tragen. Meine Mutter versucht sich währenddessen auf ihre Arbeit zu konzentrieren, und muss lächelnd nicken. Das ist ihr Alltag. Als Journalist bin ich in einer völlig anderen Lage. Ich muss mich den Problemen der Türkei stellen und offen darüber schreiben und sprechen. Das ist keine einfache Aufgabe, wenn jeden Tag meine Facebook und Twitter-Timelines mit Horror-Meldungen geflutet werden, aber ich bin froh, dass ich in meiner Arbeit die Möglichkeit habe, das alles zu verarbeiten. Ich versuche zu differenzieren und die Debatten zu versachlichen, denn die Diskussionen wirken sich auf den Alltag tausender Menschen aus, die wie meine Mutter hier leben und arbeiten möchten, ohne ständig mit den Problemen der Türkei in Verbindung gebracht zu werden.“

 

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Ibrahim Beyazit, Unternehmer und Obmann der IG Gumpendorf: „Ich bedauere die Situation zutiefst. Man sollte es unterlassen, Menschen Angst zu machen. Auch die schwarzen Listen, die in der Türkei geführt werden, lösen auch bei den türkisch-stämmigen Österreichern eine Panik aus. Denn man darf nicht vergessen, dass wir in Wien knapp 6.000 Unternehmerinnen und Unternehmer mit türkischen Wurzeln haben – österreichweit sind es um die 30.000. Die Hälfte davon unterhält enge wirtschaftliche Beziehungen zur Türkei. Ich fühle mich auch sehr unwohl, wenn ich die aktuelle Situation in der Türkei aus Wien aus beobachte. Ich bin seit 38 Jahren in Österreich, ich pflege wirtschaftliche Kontakte in die Türkei, und möchte diese auch nicht missen. Die Türkei ist fernab einer Demokratie, denn man kann auch Wahl mit Angst gewinnen. Und so wurde in den letzten Jahren Politik in der Türkei gemacht. Alles was in den letzten Monaten geschehen ist, hat große Auswirkungen – es versetzt das Land wieder 20 Jahre in die Vergangenheit zurück. Die türkische Bevölkerung ist jetzt noch mehr gespalten – das schürt auch eine enorme Angst in der türkischen Community in Wien. Es werden bereits sehr viele Wirtschaftstreibende in der Türkei boykottiert. Das ist eine Angstmacherei und hat rein gar nichts mit Demokratie zu tun. Ich würde mir wünschen, dass es mit dem Land endlich bergauf geht.”

 

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Ilkim Erdost, Bezirksrätin in Ottakring: „Ich mache mir große Sorgen um die politische Situation in der Türkei. Bereits vor dem Putschversuch war die Atmosphäre im Land aufgeheizt, der Friedensprozess mit kurdischen VertreterInnen zerstört und das Vorgehen der Armee und Polizei im Osten des Landes erbarmungslos. Die Eskalationsspirale dreht sich derzeit immer weiter. Durch die Kriminalisierung von Abgeordneten der HDP, Einschüchterung der Opposition, Massenentlassungen und -inhaftierungen nach dem Putschversuch stehen sich die politischen Lager unversöhnlich gegenüber. Erdogan scheint vor nichts zurück zu schrecken. Er betreibt eine Politik, die autoritär separiert, in „eine Elite von stolzen Türken“ auf der einen und „Krebsgeschwüre und Verräter“ auf der anderen Seite. Heute steht die Türkei am Rande eines Bürgerkriegs. Vor einigen Tagen sind türkische Bodentruppen nach Syrien einmarschiert. Was geschieht nun mit all den Menschen, die sich kritisch in der Türkei engagiert haben, in den Gewerkschaften, in den Gezi-Protesten, in den Studierendenorganisationen, in den Universitäten? Bereits heute zählt die Türkei zu einem der gefährlichsten Länder für JournalistInnen, AktivistInnen, Universitätsangehörige, KünstlerInnen, usw. Der Widerstand dieser Menschen, die sich unermüdlich neu formieren und sich verzweifelt, mit den ihnen noch zur Verfügung stehenden demokratischen Mitteln, gegen die Zerstörung der Demokratie stemmen, wird jedes Mal neu auf brutalste Art und Weise niedergeschlagen. In diesem Land der sozialen Extreme führen die meisten ohnehin ein oft prekäres Leben, ohne Sicherheitsnetz. Die Türkei hat im Grunde massive soziale Probleme: Grassierende Kinderarbeit, ein schlecht ausgestattetes elitäres Bildungssystem, Korruption, Ausbeutung von schwarz beschäftigten Arbeitskräften, Gewalt gegen Frauen, gegen soziale Minderheiten, sowie die LGBT Community, ein starkes Stadt-Land-Gefälle, ein marodes Gesundheitssystem, usw. All das wird nun von Gewalt und Angst überschattet und zugedeckt. Solange es keine breite Opposition gegen diese Politik gibt, bleibt die Situation verfahren. Ich würde mir mehr internationale Unterstützung für die gefährdete Demokratiebewegung in der Türkei wünschen. Wir dürfen diese Menschen jetzt nicht allein lassen!“

 

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Kadir Keleşoğlu, Journalist: “Dass es zwischen Österreich und der Türkei zu diplomatischen Krisen kommen kann, haben wir bereits in den letzten Jahren öfters gesehen. Wichtig dabei wäre, dass derartige Krisen keine nachhaltigen Schäden hinterlassen dürfen – und zwar aus zwei bestimmten Gründen nicht: Zum Ersten zählen österreichische Unternehmen zu den größten Investoren in der Türkei und beide Staaten pflegen wichtige wirtschaftliche Beziehungen zueinander. Zum Zweiten, was mich auch persönlich betrifft, leben hunderttausende türkischstämmige Menschen in Österreich. In den letzten Jahren habe ich immer wieder beobachtet, wie die einheimische und türkische Gesellschaft in Österreich durch solche Krisen polarisiert werden. Diese Tatsache sollte von beiden Seiten berücksichtigt werden, damit wir nicht wieder beim Thema „Parallelgesellschaft“ landen. An die Österreicher/innen möchte ich in diesem Punkt sagen, dass es selbstverständlich ist, sich für die Politik im Herkunftsland zu interessieren. Die türkischstämmigen Menschen fühlen sich leider von der einheimischen Politik und Gesellschaft wenig verstanden, daher würde ich den Politikern und Medien raten, etwas Empathie für ihre Sorgen zu zeigen. Von der türkischstämmigen Diaspora hingegen erwarte ich mir, weniger emotional zu reagieren und den Dialog mit der österreichischen Regierung nicht aufzugeben. Jeder noch so schlechte Dialog ist besser als gar kein Dialog. Leider werden in manchen Medien schon über Themen wie Entziehung der Staatsbürgerschaft gesprochen. Solche populistischen Aussagen sind nicht nur unnötig, sondern schaden auch dem Zusammenleben bzw. „uns“.”

 


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