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Welche Bildung, welche Zukunft?

12. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Bessere Berufschancen und Gehälter sowie eine hohe Lebensqualität – all das ermöglicht Bildung. Welche Perspektiven haben aber Schul- und StudienabbrecherInnen? Und wie kann Jugendlichen ohne abgeschlossene Ausbildung geholfen werden?

Fotos: Igor Ripak

Die 20-jährige Marlene und der 18-jährige Amer haben ihre Ausbildung erfolgreich beendet – Marlene hat eine Höhere Schule für Freizeit- und Tourismusmanagement absolviert und Amer ist gelernter Einzelhandelskaufmann. Dass die beiden derzeit beim AMS für Jugendliche gemeldet sind, lässt sich primär nicht auf ihre Ausbildung zurückführen. „Ich habe mit der Arbeit aufgehört, weil ich an der Schule für psychiatrische Krankenpflege aufgenommen wurde. Nach meinem Schulabschluss habe ich gleich im Tourismusbereich zu arbeiten begonnen, aber es ist eine sehr anstrengende und teilweise frustrierende Tätigkeit. Daher habe ich über einen Berufswechsel nachgedacht“, erzählt Marlene. So wie sie war auch Amer zunächst an einem Gymnasium, hat die Schule aber in der 5. Klasse verlassen – ohne positiven Abschluss. „Für mich war die Entscheidung, das Gymnasium abzubrechen, richtig. Ich wollte eine Ausbildung machen und Geld verdienen. Ein Studium wäre nichts für mich gewesen“, ist er sich sicher. Beim AMS ist er erst seit kurzer Zeit. „Nach der Lehre habe ich die Firma gewechselt, dort hat es mir aber nicht gefallen und jetzt bin ich gerade auf Jobsuche. Eigentlich möchte ich etwas anderes machen, ich weiß nur noch nicht genau was. Vielleicht in Richtung Büro gehen“, so der 18-jährige. Mit seinem Lehrabschluss hat Amer gute Chancen, in seinem erlernten Beruf eine neue Stelle zu finden. Wie es in einer anderen Berufssparte aussieht, ist allerdings ungewiss.

Auswirkungen von frühzeitigem Bildungsabbruch

Nicht alle Jugendlichen, die beim AMS gemeldet sind, haben einen Bildungshintergrund wie Marlene oder Amer. Viele haben nur einen Pflichtschulabschluss – laut der Arbeitsmarktdatenbank des AMS waren es im November des letzten Jahres insgesamt 6.742 junge Menschen. Weitere 1.427 hatten gar keinen Schulabschluss. Zum Vergleich: Zu diesem Zeitpunkt waren in Wien 14.700 Jugendliche arbeitslos gemeldet. Wie ihre Zukunftsperspektiven aussehen? Doris Landauer, Leiterin des Projekts „Unentdeckte Talente – Prävention und Interventionen bei frühzeitigem Bildungsabbruch“, zieht keine positive Bilanz. Die negativen Auswirkungen, die ein frühzeitiger Bildungsabbruch mit sich bringe, reichen von der Lebenserwartung bis zu Gesundheit und Kriminalität. „Pflichtschulabsolventen verdienen im Durchschnitt 19.000 Euro. Das Schlimmste ist natürlich die Arbeitslosigkeit. Seit 1990 hat sich im Wesentlichen auf keinem Bildungsniveau die Arbeitslosigkeit gravierend erhöht – außer bei den PflichtschulabsolventInnen“, so Landauer. Obwohl das Einkommen dieser Personengruppe sehr niedrig ist, ist für viele Jugendliche gerade der finanzielle Anreiz ein Grund, die Schule oder Lehre frühzeitig abzubrechen. „Es gibt sehr viele Möglichkeiten, kurzfristig Hilfsarbeiten zu machen und vermeintlich Geld zu verdienen. Aber in Wirklichkeit verbaut man sich das Leben“, hält Landauer fest. Einen weiteren Grund sieht sie im österreichischen Schulsystem: „Ein zentraler Punkt ist ganz sicher der viel diskutierte Bruch mit 10 Jahren. Da entscheidet sich die weitere Bildungslaufbahn nicht nach Talenten, Begabungen oder Noten, sondern nach den sozialökonomischen Hintergründen und dem Bildungsniveau der Eltern. Mit der Gesamtschule würde sich die Situation eindeutig verbessern.“

AMS-Projekt „Unentdeckte Talente“

Das Projekt „Unentdeckte Talente – Prävention und Interventionen bei frühzeitigem Bildungsabbruch“, das im Rahmen des Arbeitsmarktservice Wien durchgeführt wird, bietet den Heranwachsenden Aufklärung, zeigt Perspektiven auf und vermittelt Anlaufstellen, die ihnen weiterhelfen können. Was viele Jugendliche nicht wissen: Für einen Abschluss ist es nicht notwendig, in die Schule zurückzukehren. „Die Prüfungen müssen zwar Schulen abnehmen, aber die Kurse sind nicht wie die Schule. Es gibt sehr viele Angebote, die adäquat und individuell auf die Situation der Jugendlichen eingehen“, weiß Landauer.

Der 29-jährige Eduard hat sein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen. Da er trotzdem über eine fundierte Ausbilung verfügt, hat er einen adäquaten Job finden können.

Studium versus Arbeit

Nicht nur bei vielen Jugendlichen, sondern auch bei StudienabrecherInnen spielt der finanzielle Aspekt eine zentrale Rolle – so auch bei Eduard. „Ich fand es eine gute Idee, nach der Matura ein Studium zu beginnen. Schließlich hört man immer wieder, man brauche sich keine Gedanken um spätere Jobchancen machen“, sagt der 29-jährige. Die Realität sah aber anders aus. Eduard hat etwas mehr als drei Semester Geschichte studiert, als die Bezugsdauer der Familienbeihilfe gekürzt wurde. „Als damals die Familienbeihilfe nur noch bis zum 24. Lebensjahr gewährt wurde, konnte ich mir das Studieren – trotz eines Nebenjobs als Portier – nicht mehr leisten. Nebenher kamen natürlich auch Gedanken auf, ob man mit diesem Studium nachher beruflich etwas anfangen könnte“, erinnert er sich. Also hat er sich nach einem Vollzeitjob umgesehen. Er hatte Glück: Nach etlichen Monaten und Absagen hat er schließlich eine Anstellung in einer Bank gefunden. Ob er es bereut, das Studium abgebrochen zu haben? „Rückblickend muss ich sagen, dass, obwohl das Studium wirklich sehr interessant ist, ich mir die Zeit hätte sparen können und gleich eine Arbeit hätte suchen sollen.“

Die 28-jährige Nicole hat nach der Matura insgesamt drei Studien begonnen und alle spätestens nach dem ersten Semester wieder verworfen. „Nach dem ersten Studienabbruch habe ich eine Berufsausbildung gemacht, die ungefähr ein Jahr gedauert hat. Danach habe ich zu arbeiten begonnen. Zu Beginn meines zweiten Studiums habe ich bereits gearbeitet“, so Nicole. Auch für sie war der Studienabbruch die richtige Entscheidung, denn sie ist überzeugt: „Es gibt zwar viele interessante Studienrichtungen, aber für mein Berufsleben ist ein Studium nicht notwendig.“ Eduard und Nicole haben auch ohne Studienabschluss angemessene Jobs gefunden. Entscheidend hierbei ist aber, dass sie dennoch über eine abgeschlossene Ausbildung verfügen – und diese erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt enorm.

 


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