DSC_7651

Viel Lärm um nichts

12. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Während immer mehr Flüchtlinge die Grenzen Europas erreichen, scheint es bei beim Thema Hetze keine zu geben. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit wird im Social Web alles verbreitet, egal ob wahr oder falsch.

Story: Anne Schinko | Foto: Igor Ripak

Wer von Tretminen spricht, der spricht von Krieg und weiß von ihrer Wirkung: Sie verletzen, sie zerstören und sie töten. Dass Begriffe wie Tretminen noch eine andere Dimension des Grauens in sich tragen, das erfährt man auch hier in Europa – fernab des Krieges. Etwa, wenn diese als Empfehlung für den Umgang mit der aktuellen Flüchtlingskrise vorgeschlagen werden. Auf Facebook. Von Menschen, die gegen andere Menschen hetzen. Auf der unabhängigen, österreichischen
Website „Eau de Strache“ sind sie dokumentiert: 1.048 Beispiele verhetzender Kommentare und Beiträge. Wie auch jener Vorschlag von Klaus K., im Einsatz
gegen Flüchtlinge von Tretminen Gebrauch zu machen. Kommentiert hat K. dies zum Facebook-Posting des FPÖ-Politikers Johann Gudenus, das ein Bild
von über Nato-Zaun flüchtenden Menschen zeigt. K. selbst kann nicht mehr auf seinen Vorschlag reagieren, sein Posting wurde bereits entfernt. Scrollt man in
der Liste weiter nach unten, finden sich auch Kommentare, die Gaskammern und SS-Truppen im Hinblick auf die Flüchtlingskrise empfehlen.

Online-Enthemmungseffekte

Migration, die österreichische Regierung und Gender-Angelegenheiten: das sind die drei großen Themen der Hetze, die „Eau de Strache“ in seiner Dokumentation auflistet. Dabei steht die Asyl-Thematik zahlenbezogen konkurrenzlos auf dem ersten Platz. Das deutsche Kompetenzzentrum für Jugendschutz im Internet, „jugendschutz.net“, zählt außerdem noch Muslime, Juden sowie Roma und Sinti zu den besonders betroffenen Gruppierungen. Ähnlich sieht das Der Standard: Bereits mehr als 200 Usern wurde allein im Mai und Juni 2015 das Recht, in der Standard-Community zu posten, entzogen. Dabei kann aber das
Medium Internet selbst nicht als Auslöser betrachtet werden. Grund ist der sogenannte Online-Enthemmungseffekt, wie etwa die scheinbare Anonymität oder
das Fehlen einer offensichtlichen Autorität, welcher die User zu vermehrter Hetze verleitet. So verwendet Der Standard in seiner Online-Community eine sogenannte Prämoderation, mithilfe welcher hetzerische Kommentare schon im Voraus ausgeschlossen werden sollen. Diese werden im Anschluss von Redakteuren manuell gesichtet, welche letztendlich entscheiden, ob die Postings online gehen. Karma spielt hier eine entscheidende Rolle: Wessen Posting in der Vergangenheit problemlos freigegeben wurde, hat gute Chancen, in Zukunft auch veröffentlicht zu werden. Dass die Asyl-Thematik aktuell mehr Hetze als Fürsprache für Flüchtlinge im Social Web beschwört, bemerkt man auch beim deutschen Pendant, der Süddeutschen Zeitung: als Grund dafür sieht Daniel Wüllner, Redakteur des Leserdialogs der SZ, die Emotionalität, mit welcher die Flüchtlingsthematik besetzt ist.

Eine weitere Erklärung, warum Hetze die sozialen Medien zu dominieren scheint, lässt sich frei nach dem Motto „Wer am lautesten schreit, wird am besten gehört“ erklären. Denn sobald die Hemmungen fallen, beginnen jene User, die in einem derartigen Klima nicht debattieren wollen, die Unterhaltung zu verlassen. Von einer repräsentativen öffentlichen Meinung kann danach nicht mehr gesprochen werden. Im Gegenteil: Die Meinungsfreiheit wird dadurch sogar
extrem eingeschränkt. Oft wird diese aber gerade von Personen, die verhetzende Kommentare verfassen, als Argument herangezogen.

Rechtsextreme Propaganda im Social Web

Seit soziale Medien die Öffentlichkeit beherrschen und damit für jeden die Möglichkeit besteht, Meinungen und Ansichten zu verbreiten, erfahren auch rechtsextreme Gruppierungen einen Aufschwung. Derartige Beiträge greifen dabei häufig auf beliebte Socialmedia-Elemente zurück, wie Hashtags oder Memes, die mit diskriminierenden Klischees verknüpft und von vielen Usern weiterverbreitet werden. So finden sich auf Facebook-Seiten regelmäßig – ohne Berührungsängste – Äußerungen von szenefernen Personen neben Beiträgen von Neonazis. Wie etwa Karoline F., die zum Beitrag der Facebook-Seite „Unsere Blaue Seite“ über Flüchtlinge in Traiskirchen am 16. Juli ein Meme postete, das ein Baby mit einem Telefonhörer in der Hand zeigt. Der Text auf dem
Bild ist eindeutig:„so…mir reichts! Ich ruf Hitler an“. Auf unsere Anfrage, zu ihrem Posting ein Statement abzugeben, hat Karoline F. bisher nicht reagiert.

„Jugendschutz.net“ sichtete im Jahr 2014 mehr als 6.000 rechtsextreme Websites und Social-Web-Inhalte. Dabei wurden in sozialen Netzwerken über 1.500
unzulässige Angebote dokumentiert. In knapp 90% aller Fälle handelt es sich bei den Verstößen um Straftatbestände. Im Zuge der Flüchtlingsdebatte beobachtet
„jugendschutz.net“ eine Verdreifachung der Hinweise auf rassistische Hetze.

Aktiv gegen Hetze vorgehen

Und obwohl im Social Web die Hemmungen einstweilen noch schneller fallen, lässt sich dennoch bereits eine Tendenz erkennen, die erschreckende Folgen
in der Realität birgt: Brennende Flüchtlingsunterkünfte und Demonstrationen gegen Muslime. Davon spricht auch die Tagesschau-Moderatorin Anja Reschke.
Hetzerische Kommentare unter Klarnamen veröffentlicht zeigen, wie salonfähig derartige Beiträge bereits geworden sind. Anja Reschke empfiehlt allen
Usern daher, die das Forum demokratiefreundlicher gestalten wollen, den Hetzern entgegenzuhalten: „Wenn man nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge
Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kund tun. Dagegen halten. Den Mund aufmachen.“
Ähnliches empfiehlt auch Der Standard: Um Menschenfeinden nicht das Feld zu überlassen, sollten User versuchen, eine oppositionelle Haltung einzunehmen
und Aussagen von Hetzern mit Fakten und sachlichen Argumenten zu widerlegen. Dabei werden weitere User angeregt, im Forum zu bleiben und gleichzeitig
wird einer verhängnisvollen Dynamik entgegengewirkt. Auch Facebook reagiert. Der Konzern stand zuletzt in der Kritik, dass von Nutzern gemeldete, fremdenfeindliche Kommentare teilweise online blieben, anstatt gelöscht zu werden. Nun wurde angekündigt, Maßnahmen einzusetzen, die gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorgehen sollen. Doch auch Privatpersonen werden bereits aktiv. Etwa David, der in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung seinen Nachnamen lieber nicht verraten will. Zerstochene Autoreifen und eine beschmierte Hauswand haben ihn vorsichtig gemacht. Denn: David sammelt Screenshots von hetzenden Beiträgen auf Facebook sowie die Profile ihrer Verfasser. Handelt es sich dabei nicht nur um einmalige Verirrungen, zeigt er den User an und informiert, wenn bekannt, auch den Arbeitgeber. Seine Aktionen führten bereits zu einigen Ermittlungen und fristlosen Kündigungen. Er mache Menschen arbeitslos und zerstöre Existenzen, sagen seine Gegner. Er sagt: „Ich kämpfe dafür, Facebook zu einem menschlicheren Ort zu machen.“


Kommentieren


7 − = 5