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Urban Gardening: Willkommen in Macondo

10. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

Immer öfter nehmen die Bewohnerinnen Wiens die Schaufel in die Hand und machen die Stadt zu einem grüneren Ort. Urban Gardening ist das Stichwort, unter dem städtische Flächen zur gärtnerischen Nutzung verwendet werden. Nachbarschaftsgärten ermöglichen das gemeinsame Pflanzen und Ernten, sowie sie das Miteinander und Gemeinschaftliche im eigenen Siedlungsbereich erhöhen. Macondo ist einer dieser Community Gardens in Wien.

Story: Nina Haden | Fotos: Petra Prochaska

Die Fahrt mit dem 73A bringt einen dorthin, wo es einen als WienerIn nur sehr selten hin verschlägt: an den Rand der Stadt. Sozialbauten, Plakatwände – auf den ersten Blick nicht etwas, wofür sich ein Ausflug lohnt. Kaiserebersdorf heißt die Gegend und wenn man nicht in Simmering wohnt oder das Auto abgeschleppt wurde, ist einem dieses Grätzel auch kein Begriff. Unser Ziel ist aber: Macondo. Eine Siedlung am Rande Wiens, die über 3000 Menschen aus 22 Ländern einen Wohnraum bietet.

Der Name kommt aus dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. „Macondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Bambus am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser. […] Die Welt war noch so jung, dass viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, musste man mit dem Finger auf sie deuten“, steht es geschrieben. In der ehemaligen k.u.k. Kaserne leben seit den 1950er-Jahren Flüchtlinge, die in Österreich Asyl beantragt haben. Kristallklares Wasser und kleine Häuser? Auf den ersten Blick bietet dieser Ort nur wenig Romantisches. Große Straßen und der Metro-Markt umgrenzen das Gebiet und lassen einen nicht an die Beschreibung Garcías denken.

Mikrokosmos Macondo

Doch dann, wenn man den Weg in den Mikrokosmos wagt, gelangt man in eine andere Welt. Direkt neben dem Fußballfeld, auf dem sich Jugendliche gerade zu einem Spiel getroffen haben, wartet Yara. Yara Coca Domínguez ist ehrenamtliche Mitarbeiterin des Vereins „Gartenpolylog – GärtnerInnen der Welt kooperieren“, für den urbane Gärten einen Teil des gesellschaftlichen Wandels darstellen.

Urban Gardening kann vieles bedeuten: so fallen beispielsweise sowohl Zier- als auch Nutzgärten, sowie das Gärtnern auf privaten Grundstücken und im öffentlichen Raum unter den Überbegriff. Gibt es hierfür keine offizielle Genehmigung, spricht man von Guerilla Gardening. Oftmals spielt der Gedanke der Selbstversorgung eine große Rolle.

So ist es auch bei Macondo. Yara erklärt, dass die GärtnerInnen hier alles Mögliche anbauen und das Geerntete sich auch in ihren Speisen wiederfindet, wodurch sie sich Geld sparen. Doch dies ist nicht die einzige Motivation, Teil des Projektes „Nachbarschaftsgarten“ zu sein. Für viele ist das Grün ein Rückzugsort. Einige Frauen haben viele Kinder und nehmen sich von diesen gerne einmal bei einer Tasse Tee eine Auszeit zwischen den Beeten. „Ich glaube, es trägt dazu bei, dass sie sich beheimatet fühlen. Ich habe das Gefühl, es erdet sie“, spricht Yara über das Projekt, „Sie kommen auch wirklich täglich und ernten.“ Auch Gulalai Suhalei, eine der GärtnerInnen, ist sehr froh, hier zu sein. In dem Gemeinschaftsgarten entspannt sie gerne mit ihren Freundinnen. Gulalai, die in Afghanistan Biologie unterrichtete, beschreibt das soziale Umfeld als ein sehr freundliches, das füreinander da ist und sich gegenseitig hilft. Ideen und kulturelles Wissen werden ausgetauscht.

Urbane Gartenbewegung

Ende 2009 wurde im Rahmen von Life on Earth die Idee des Gemeinschaftsgartens in Macondo geboren. Anfang 2010 wurde die Projektleitung von Cabula6, einer internationalen Performance- und Film-Company, die von 2008 bis 2009 im Garten einen Transportcontainer zum Begegnungsort für geladene Künstler, CABULA6 und die BewohnerInnen Macondos gemacht hat, an den Verein Gartenpolylog übergeben. Auf 750 Quadratmetern erstrecken sich 28 unterschiedlich große Beete, an denen ungefähr 80 Menschen arbeiten.

Die Idee von Gärten und landwirtschaftlich genutzten Flächen in Städten ist keine neue, sondern wurde schon in der Antike und im Mittelalter umgesetzt. Die urbane Gartenbewegung, die seit Mitte der 90er Jahre stetig wächst, hat ihre Wurzeln jedoch in den New Yorker Gemeinschaftsgärten. Diese „Community Gardens“ sind Oasen auf innerstädtischen Freiflächen, die zur Selbstversorgung dienen.

Macondo ist eine Siedlung am Rande Wiens, die über 3000 Menschen aus 22 Ländern einen Wohnraum und Gemeinschaftsgärten bietet.

In Macondo werden Kräuter und Gemüsesorten angebaut, die die GärternInnen aus ihrer Heimat kennen. Satt und üppig sprießt das Gewächs aus den kleinen, von einem niedrigen Erdwall begrenzten Flächen. AfghanInnen kultivieren beispielsweise Gandana (afghanischen Lauch), Minze und Koriander. Gulalai greift in das wuchernde Grün und hält einen Busch Gandana zum Verkosten hin. Sie verwertet diese Gemüsesorte in vielen Gerichten. Die Samen sind in Österreich nur schwer zu finden, aus diesem Grund bringt jeder bei einem Besuch in der Heimat ein paar mit. Doch langsam wagen sich die Familien auch aus dem sicheren Nest des Gewohnten und probieren Neues, erklärt Yara: „Es gibt Familien, die haben ihre Kräuter angebaut und begonnen sich anzusehen, was die anderen pflanzen. Jetzt bauen sie auch Paprika am Rand des Beetes an. Dieses Multikulturelle, das Füreinander und das Miteinander Lernen ist das Schöne. Hier passiert das sehr langsam, aber es funktioniert.“ Dennoch fallen persönliche Themen nur selten an, das Gärtnern steht im Vordergrund.

Grüne Zukunftsaussichten

Ein Weiterbestehen des Gartens scheint kein Problem zu sein. Begeisterungsfähige Menschen sind vorhanden und diese dürften den Garten schätzen und auch wollen. So waren alle GärtnerInnen, als sie die Nachricht erhalten haben, 80 Euro pro Jahr zahlen zu müssen, ohne Widerrede bereit, das Geld abzugeben.

Nach einer Einladung zu einem Lagerfeuer wird die Heimreise angetreten. Bei der Busstation angekommen, die brummenden Autos ignorierend, wünscht man sich, man würde wieder auf den Pallettenbänken im Garten sitzen.

Macondo besteht zwar nicht aus zwanzig kleinen Lehmhäusern und auch hundert Jahre Einsamkeit wird man hier keinesfalls erfahren, doch diesen süßen Garten und die freundlichen Menschen zwischen der Autobahn, dem Flughafen und der Kläranlage würde wohl jeder Garcías fiktivem Ort vorziehen.


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