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Über die Wiener Wurschtigkeit und neue Fremdwörter

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Der Frühling naht in großen Schritten, doch Wien steckt weiterhin im tiefen Winterschlaf vergangener Jahrzehnte. Sei es der Pegida-Marsch, fehlende Zivilcourage oder Diskussionen über „Integrationsunwilligkeit“ – derzeit gibt es wenig schönzureden in der schönen Donaumetropole. Die Wurzel des Übels: Die „Is-ma-wurscht“-Mentalität.

„Man intressiert sich nicht“, sagt Margarete L., Nachbarin einer kürzlich ermordeten Frau in Wien Ottakring künstlich besorgt in die Kamera. Es seien zwar öfter Fremde in die Wohnung gegangen, doch das sei „normal“ gewesen. Bei näherem Hinsehen wird klar: Beim Mordopfer handelt es sich um die Transfrau Hande, die in Österreich Schutz suchte, da sie ihre Identität in der Türkei nicht offen leben konnte. In Wien wurde ihre Situation jedoch kaum besser: „Die Wohnungssuche war für sie als transidente Asylsuchende besonders schwer“, berichten FreundInnen des Mordopfers Hande später in einem Zeitungskommentar. Als Asylsuchende durfte Hande außerdem nur in „selbständigen“ Berufen wie der Sexarbeit tätig sein. Nachbarin Margarete wusste das jedoch nicht, es interessierte sie schließlich nicht.

Alles halb so wild. Kein Interesse dürften wohl auch jene gezeigt haben, die stundenlang über einen toten Obdachlosen im Lift einer Wiener U-Bahn-Station stiegen. Oder jene, die Beschimpfungen von Neonazis auf offener Straße ignorieren. Zivilcourage? Ein Fremdwort, so scheint es. Jene, die auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, werden diffamiert – jene, die offen nationalsozialistische Parolen grölen, werden gar nicht erst ins rechte Licht gerückt. Dabei geht es in erster Linie darum, Neonazis auch als solche zu benennen. Während in Deutschland ein Hitlerbart für großes Entsetzen sorgte, werden entsprechende Grüße – auf offener Straße, vor den Augen der Polizei und dutzenden anderen – hierzulande mit einem Schulterzucken kommentiert.

Man kann ja eh nix tun. Desinteresse ist stilles Zulassen. Der rechte Rand ist längst in der Mitte angekommen. So mag es auch nicht verwundern, wenn der eigene Freundeskreis plötzlich die „Pegida“ gut findet, weil deren VertreterInnen ja im Grunde nur das sagen, was alle denken. In Wirklichkeit ist es „bloß“ Rassismus unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Die eigentliche Devise aber: Nur nicht auffallen oder zu laut protestieren – die Gefahr einer Blamage wäre zu groß. Das, was nicht der konstruierten Norm entspricht, wird höchstens schief angesehen und dann ignoriert.

Doppelmoral. Einige PolitikerInnen schieben den Diskurs lieber in eine andere Richtung und haben längst einen Sündenbock ausgemacht: „integrationsunwillige“ MigrantInnen. Was sie nicht wissen: Wenn man über Probleme, in Schulen und anderswo, spricht, muss man über soziale Benachteiligung reden. Über reiche MigrantInnen spricht niemand, genauso wenig aber über arme ÖsterreicherInnen. Schließlich ist die Vorstadtelite interessanter als das Arbeiterkind und die Kopftuchtürkin plakativer als die UNO-Mitarbeiterin. Der soziale Hintergrund spielt die größte Rolle – egal woher jemand kommt. Statt in diese Richtung umzudenken, sollen die „Integrationsunwilligen“ bestraft und die Schutzsuchenden in den Untergrund gedrängt werden. Aber wenn wir ehrlich sind: Was geht uns das alles überhaupt an? Solidarität, noch so ein Fremdwort.

„Integriert ist, wer sich engagiert“, sagen sie ständig. Ach so! Damit sind wohl die wurschtige Nachbarin, die verbotsgesetzignorierende Polizei und die wegschauenden PassantInnen gemeint. Nach dem Motto: Man schaut halt lieber, wo man bleibt, anstatt näher hinzusehen. Menschlichkeit – dabei wohl das größte Fremdwort.

Foto: © Shutterstock


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