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Tauschrausch statt Kaufrausch

16. März 2016 / von / 0 Kommentare

Die Sharing Economy als alternative Konsumform liegt im Trend. Darunter ist das Reparieren, Tauschen und Teilen von Gütern zu verstehen. Auch in Wien haben sich dazu einige Initiativen etabliert.

Story: Sandra Schieder | Foto: Igor Ripak

Annika ist Mitte Zwanzig, Akademikerin und lebt im urbanen Raum. Das Internet ist fester Bestandteil ihres beruflichen und privaten Lebens. Soziales Engagement und Nachhaltigkeit sind ihr ein Anliegen. Gegenüber Materialismus und Konsumwahn ist sie kritisch eingestellt. Annika gibt es nicht wirklich. Aber sie ist – wenn es nach KonsumforscherInnen geht – die Idealkonsumentin der Sharing Economy. Kurt Matzler, Professor an der Universität Innsbruck, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema und bestätigt: „Der typische Konsument der Sharing Economy ist nicht der sparsame, langweilige und wirtschaftlich unattraktive Kunde. Er ist jung, gebildet und liebt einen abwechslungsreichen Lebensstil.“ Ein Lokalaugenschein in Wien aber zeigt, dass das Bild der klassischen Idealkonsumentin mittlerweile überholt ist.

Reparieren statt Wegwerfen
Ein Paradebeispiel dafür ist das „Repair Cafe“ im dritten Bezirk: Hier können jeden Donnerstagnachmittag kaputte Gegenstände repariert werden. Peter Erlebach, Initiator des „Repair Cafe“, eröffnete dieses vor rund einem halben Jahr, weil er von dem Wunsch getrieben wurde, das Grätzel zu beleben und etwas für andere zu tun. Damit war er nicht alleine – eine Handvoll Ehrenamtliche – die zum Teil aus Wien, aber auch aus den Bundesländern kommen, Know-how im Reparieren haben oder sich einfach nur für Reparaturarbeiten begeistern können – war schnell gefunden. Da wäre zum Beispiel Othmar Kerschbaumer. Die Liebe zur Elektronik hat den ehemaligen Hardwareentwickler auch in seiner Pension nie ganz losgelassen. „Als ich vom ‚Repair Cafe‘ gehört habe, habe ich mich natürlich sofort gerührt und seither mache ich das mit Begeisterung“, erzählt er.

Neben Stammkunden, die jede Woche vorbeikommen, ist die Klientel „wirklich bunt gemischt. Es geht hier ja nicht nur um das Reparieren, sondern auch um den sozialen Kontakt“, so Erlebach. Als Reparaturwerkstatt will er sich nicht verstanden wissen. Die Menschen sollen wissen, dass man im „Repair Cafe“ nicht einfach die Gegenstände abliefern und wieder gehen kann, sondern dass gemeinsam repariert wird. Neben freiwilligen Spenden in Form von Geld- und Sachleistungen würde man sich auch über zusätzliche Ehrenamtliche freuen – diese werden nämlich dringend benötigt. „Willkommen sind alle zwischen 9 und 99 Jahren“, sagt Erlebach augenzwinkernd.

Repariert wird von Netzteilen über den Handmixer bis hin zu Lampen alles – in erster Linie aber Gegenstände, bei denen es sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht lohnen würde, die Schäden zu beheben. Wie zum Beispiel bei Kopfhörern um 20 Euro. „Hier wäre es eine wirtschaftliche Lösung, sie wegzuwerfen und neue zu kaufen. Alleine eine Inspektion in einem Reparaturbetrieb würde hier schon mehr kosten, als die Kopfhörer selbst. Wir schauen uns diese aber an und freuen uns, wenn wir sie reparieren können“, erzählt Erlebach. Jede Reparatur sei für ihn ein „unheimliches Erfolgserlebnis“ – besonders dann, wenn eine Reparatur am Anfang schier unmöglich schien.

Tauschen statt Kaufen
Im Nachbarschaftszentrum „Hilfswerk“ im sechsten Bezirk werden jeden letzten Donnerstag im Monat Dienstleistungen und Produkte im Rahmen eines Tauschkreistreffens, das vom „Talente Tauschkreis Wien“ veranstaltet wird, getauscht. Der Verein wurde 1997 ins Leben gerufen und hat derzeit rund 180 Mitglieder.

Tauschkreise verstehen sich als alternative Wirtschaftssysteme und Handelsplätze für Dienstleistungen und Produkte. Warum es für Menschen attraktiv ist zu tauschen anstatt zu kaufen, erklärt sich Horst Rosenbüchler, Obmann des „Talente Tauschkreis Wien“, so: „Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, wollen viele einfach nicht mehr. Und deswegen suchen sie nach Alternativen und kommen zu uns.“ So geht es zum Beispiel auch Monika M. Blüml, die selbstgefertigte Produkte, wie etwa Naturkosmetik, anbietet. „Wenn man nach anderen Prinzipien leben möchte, dann ist der Tauschkreis einfach ein guter Impuls“, ist sie überzeugt.

Das Tauschgeschäft funktioniert so: Jeder kann Dienstleistungen oder Produkte anbieten oder in Anspruch nehmen. Abgerechnet wird auf Zeitbasis – die Währungseinheit ist somit „die Stunde“. Wer jemandem fünf Stunden beim Umzug hilft, bekommt diese auf seinem virtuellen Zeitkonto gutgeschrieben. Und wer beispielsweise mehrere Gläser Marmelade tauscht, kann festlegen, wie viele Stunden diese wert sind. Die vorhandene Zeit kann wiederum gegen andere Dienstleistungen und Produkte eingetauscht werden. Der Grundgedanke dahinter ist: Jedem Menschen steht täglich gleich viel Zeit zur Verfügung – unabhängig davon, ob dieser Arzt, Gärtner, Hauswart oder Politiker ist. Das aktuelle Wirtschaftssystem wird jedoch von Geld dominiert, wovon den Menschen unterschiedlich viel zur Verfügung steht. Um ein faires Wirtschaftssystem zu ermöglichen, das nicht auf Ausgrenzung und Ungleichheit fußt, sei das Tauschen auf Zeitbasis eine gute Alternative.

Teilen von Lebensmitteln
Unter dem Begriff „Foodsharing“ ist das Teilen von Lebensmitteln zu verstehen. In Österreich werden jedes Jahr rund 157.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen. In Wien sind es rund 40 Kilogramm Lebensmittel, die pro Kopf und Jahr im Müll landen. Die Onlineplattform „foodsharing.at“ hat sich zum Ziel gesetzt, noch essbare Lebensmittel nicht zu verschwenden und die Lebensmittelüberproduktion zu stoppen. Aus diesem Grund haben auf der Plattform alle MitgliederInnen die Möglichkeit, einerseits bekannt zu geben und andererseits sich zu informieren, wo welche überschüssigen Lebensmittel abgeholt werden können. Zusätzlich hat die Plattform auch sogenannte „Fairteiler“ initiiert – das sind an Abholstationen aufgestellte Kühlschränke und Regale. Solche Abholstationen sind meist Geschäfte oder Cafés, die Platz zum Deponieren und Abholen von Lebensmitteln zur Verfügung stellen. Laut Homepage konnten so bisher 99.729 Kilogramm Lebensmittel in Wien vor der Mülltonne gerettet werden.

Darüber hinaus forschen das Ökologie Institut und die Technische Universität Wien aktuell an sogenannten „Urban Food Spots“ – darunter ist ein Pilotprojekt zu verstehen, das einige Parallelen zu den „Fairteilern“ aufweist. Konkret sind „Urban Food Spots“ öffentliche Kühlstationen, in die nicht benötige Lebensmittel hineingestellt und entnommen werden können. Während der Zugang zu „Fairteilern“ an Öffnungszeiten von Geschäften und Cafés gebunden ist, sollen „Urban Food Spots“ hingegen jederzeit zugänglich sein. Aktuell sind in Wien rund ein Dutzend solcher öffentlichen Kühlstationen im Testbetrieb – für die Zukunft wird ein flächendeckender Einsatz nicht ausgeschlossen. Das Jahr 2016 steht jedoch noch ganz im Zeichen der Forschung, um herauszufinden, welchen Anforderungen öffentliche Kühlstationen entsprechen müssen, um angenommen zu werden. Lebensmittel bringen und entnehmen sollen – wie bei „Fairteiler“ – alle dürfen, egal ob jung oder alt, ob arm oder reich.

Ob Initiativen wie diese ein kurzfristiger Trend oder eine langfristige Entwicklung sind, ist ungewiss. Eines steht jedenfalls fest: Sie tragen dazu bei, dass unterschiedliche Generationen und Gesellschaftsschichten ein klein wenig näher zusammenrücken.

 


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