Rat_Auswärtige_Angelegenheiten_(12050539634)

#stolzdrauf – Diversität, Integration und Nationalstolz

17. November 2014 / von / 0 Kommentare

Über die fehlgeschlagene Social Media Kampagne von Integrations- und Außenminister Sebastian Kurz.

Samstagabend, ein ausverkauftes Ernst-Happel Stadion, Österreich gegen Russland und ein Sieg, der die österreichische Fußballnationalmannschaft weiterhin den ersten Platz ihrer Gruppe der EM Qualifikation besetzen lässt. Im Stadion war der Zusammenhalt der Fußballfangemeinde zu ihrer Mannschaft sichtbar. Rubin Okotie schießt das entscheidende Tor. Und die Nation ist stolz auf ihn, auf die Mannschaft und Österreich. Wir haben gewonnen. Doch das Verbindende der Einen ist das Trennende für die Anderen. Und plötzlich geht es nicht mehr um Fußball, sondern um die Abwertung anderer Nationen – nicht nur auf das Spiel bezogen. Es geht um Nationalstolz, der schnell zum Nationalismus werden kann, und nicht mehr um Sport und die Leistungen der Mannschaften.

Exklusion statt Inklusion

Bei der Social Media Kampagne #stolzdrauf empfinde ich einen ähnlich bitteren Beigeschmack. Das Ziel des Außen- und Integrationsministers Sebastian Kurz war ein durchaus löbliches. MigrantInnen und PostmigrantInnen sollen sich als Teil der österreichischen Gesellschaft fühlen und von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt werden, wie es in der Fußballnationalmannschaft bereits gelungen ist. Doch was hat Stolz damit zu tun? Der Begriff Stolz bezieht sich auf eigene Leistungen und nicht darauf, wie etwa der umstrittene prominente Kampagnenunterstützer und „Volks-Rock `n` Roller“ Andreas Gabalier sagt: „Ich bin stolz darauf, dass es noch sooo viele Dirndln und Buam im Land gibt, die unsere Kultur und Tradition zeitgemäß leben und weitergeben, und hoffentlich noch lange im Trachtengewand außer Haus gehen.“ Er betont das Trennende. Nicht die Diversität in der Gesellschaft. Es ist kein Wunsch nach Inklusion. Stolz verbindet nicht, er trennt, da das Eigene und nicht das Gemeinsame in den Mittelpunkt gestellt wird.

Stolz verbindet nicht, er trennt, da das Eigene und nicht das Gemeinsame in den Mittelpunkt gestellt wird.

Sebastian Kurz’ Kampagne sollte verbinden. Doch das ist nicht nur aufgrund des Stolz-Begriffs schwierig. In Österreich herrscht weiterhin die Vorstellung einer lokal situierten und unveränderbaren Kultur und Identität, die durch das Abstammungsprinzip verstärkt wird. Anders als in anderen Ländern erhalten Menschen in Österreich die Staatsbürgerschaft und dadurch die volle Teilnahme am gesellschaftlichen Leben durch das richtige Blut und nicht durch die Geburt im jeweiligen Land. Andere Möglichkeiten die Staatsbürgerschaft zu erhalten, werden durch Gesetze erschwert. Eine offene Gesellschaft sieht anders aus. Kann ich „stolz“ (und hier meine ich eigentlich froh) darüber sein, in einem Land zu leben, indem es ZuwanderInnen und ihren nachfolgenden Generationen erschwert wird, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden?

Diskussionsstart zum Thema Diversität

Doch einen Erfolg hat die Kampagne von Kurz trotzdem, denn durch sie wurde eine öffentliche Diskussion gestartet, in der die Offenheit der Gesellschaft thematisiert wird. Denn auch wenn das Gefühl von Heimat vorhanden ist, heißt es nicht, dass es keine Diskriminierungen auf Seiten des Gesetzes oder der Mehrheitsbevölkerung gibt. Eine Kampagne, die Verbundenheit mit der Lokalität ausdrückt, ohne den schwierigen Stolz-Begriff, wäre vielleicht nicht nach hinten losgegangen. Das Verbindende würde über das Trennende gestellt werden und es gäbe keine ethnische Gruppe, die zum Prototyp Österreichs erklärt wird.

Foto: © Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres


Kommentieren


× 7 = 42