STORY TRAIN OF HOPE DSC_5220

Stadt der Helfer

17. November 2015 / von / 0 Kommentare

Woche für Woche erreichen tausende Flüchtlinge den Wiener Hauptbahnhof. Sie werden Vorort von Freiwilligen versorgt. Wir haben einen Nachmittag an der Seite der Helfer von „Train of Hope“ verbracht.

Fotos: Igor Ripak

Es ist ein kühler, verregneter Herbsttag. Hunderte Flüchtlinge sitzen am Boden des Wiener Hauptbahnhofs und warten. Manche stellen sich für warmes Essen an. Andere stehen im Regen vor der Kleiderausgabe und rauchen. „Es ist einer der stärkeren Tage, wahrscheinlich sind heute um die 2000 Flüchtlinge hier“, sagt Julia. Sie sitzt in einem improvisierten Büro, das sich in einem Container am Gelände des Hauptbahnhofs befindet. Julia ist 21 Jahre alt und leitet die Einsatzzentrale von „Train of Hope“, so der Name der selbstorganisierten Flüchtlingshilfe. In den letzten Wochen hat sie zusammen mit rund 3000 Helfern ein Versorgungsnetzwerk aufgebaut und mehr als 10.000 Flüchtlinge versorgt. Folgt man den Gleisen, findet man im hinteren Winkel des Bahnhofs das Areal der Helfer, das Woche für Woche erreichen tausende Flüchtlinge den Wiener Hauptbahnhof. Sie werden Vorort von Freiwilligen versorgt. Wir haben einen Nachmittag an der Seite der Helfer von „Train of Hope“ verbracht. an eine kleine Stadt erinnert. Hier gibt es nicht nur ein improvisiertes Essens- und Kleidungslager, eine Apotheke und Kinderecke, sondern auch Presse-Büros, Sanitärwägen und angezapfte Hydranten mit Trinkwasser.

„Train of Hope“ wird von Freiwilligen organisiert. Jeder, der mithelfen möchte, kann hier herkommen und anpacken. „Das einzige, was man dazu tun muss, ist sich Vorort anmelden“, sagt die Veterinärmedizinstudentin Tina. Sie steht seit über zwei Wochen am Front Desk, organisiert Dolmetscher, meldet Helfer an oder gibt Infos über die Abfahrtspläne der Züge. „Alles was eben so anfällt“, so Tina. Sie ist aufgedreht, denn sie hat heute Nacht durchgemacht. Seit 20 Uhr ist sie im Einsatz. „Ich muss dann bald weiter in die Arbeit“, meint sie. Es ist fast 13 Uhr. Ein anderes Mädchen, Valentina, sitzt neben ihr und grinst breit. „Du weißt schon wie wahnsinnig das klingt, oder?“ Die beiden 23-jährigen Frauen lachen und umarmen sich. Sie wirken wie alte Freundinnen, kennen sich aber erst seit ein paar Tagen. „Man wächst hier schnell zusammen. Mein ganzes Sozialleben hat sich hierher verlagert“, sagt Tina. Der Schlafmangel macht ihr nicht viel aus. Die beiden Studentinnen erzählen, dass sie nicht länger tatenlos dabei zusehen wollten, wie täglich tausende Flüchtlinge in Wien strandeten ohne versorgt zu werden. „Ich wohne hier in der Nähe und kann nicht am Abend einfach mal entspannt Serien schauen, wenn ich weiß, dass hier meine Hilfe gebraucht wird“, so Tina weiter.

 

 

Viele Helfer haben sich frei genommen, andere nützen ihre Urlaubstage – wie Kinderarzt Wolf, der heute keine Ordination hat. „Ich war auch schon in Traiskirchen, es sind einfach so viele Menschen die hier ankommen, man muss eben helfen wo man kann.“ Viele von seinen Patienten am Hauptbahnhof sind erkältet. Im Lazarett werden sie mit gespendeten Medikamenten versorgt. Die Helfer haben einzelne Räume mit Gittern und Plastikplanen errichtet, damit den Flüchtlingen zumindest hier ein wenig Privatsphäre bleibt.

Die Ärzte teilen sich über WhatsApp und Doodle-Listen die Dienste auf, erzählt Wolf. Allgemein erinnert die Organisation von „Train Of Hope“ stark an die Unibrennt-Bewegung. Nicht nur, weil täglich Meetings stattfinden, sondern auch, weil Social Media eine große Rolle spielt. Vor allem am Anfang wurden die Helfer weitgehend über Facebook und Twitter mobilisiert. Die sozialen Medien werden jetzt hauptsächlich dazu genützt, um über die aktuelle Lage zu berichten: Am Hauptbahnhof laufen die sogenannten „Runner“ von Station zu Station und posten regelmäßig auf Facebook. Sie informieren darüber, wenn Essen- oder Kleiderspenden benötigt werden oder Medikamente sich dem Ende zuneigen. Tatsächlich findet man am Hauptbahnhof auch Menschen, die schon im Audimax aktiv waren. Zum Beispiel die 28-jährige Graphikerin Ashley. Sie war von Anfang an bei „Train of Hope“ dabei und ist für Presseanfragen zuständig. Auf den ersten Blick scheint es, als ob hauptsächlich Studenten mithelfen würden. Es engagieren sich aber Menschen aller Alters- und Berufsgruppen. „Einmal stand ein Mann in einem feinen Anzug vor mir, ich dachte mir schon ‚was will der denn hier?‘ Dann hat er gesagt, er sei Richter und wolle vor seiner Arbeit noch ein wenig aushelfen, auch wenn es nur Müllsackerl raustragen ist“, erzählt sie.

Manche der Helfer kommen aber längst nicht mehr nur nach der Arbeit zum Hauptbahnhof. Ashley selbst hat ihren Job als Graphikerin gekündigt, weil sie „Vollzeit helfen“ wollte – so auch Gerhard. Er steht in der Kinderspielecke von „Train of Hope“ und übersetzt. Der Libanese, der fließend Deutsch und Arabisch spricht, engagiert sich seit Wochen und packt überall an, wo er gebraucht wird. Er hat in den letzten Wochen viel erlebt: „Am Bahnhof habe ich zum ersten Mal in meinem Leben geweint.“ Er wollte einem kleinen syrischen Jungen seinen einzigen Wunsch erfüllen, nämlich ein Stück Seife, um sich zu waschen. Da alle Geschäfte schon geschlossen hatten, konnte er aber keine auftreiben. „Das war schrecklich“, sagt Gerhard. Während er diese Geschichte erzählt, kommt ein 14-jähriger Junge auf ihn zu und schaut ihn mit großen blauen Augen an. Er spricht Gerhard auf Arabisch an. Der Junge kommt aus Raqqa und ist mit seiner Familie geflohen. Er erzählt von den Gräueltaten des Islamischen Staat, die er in seiner Heimatstadt mitansehen musste: Menschen denen Körperteile abgehackt wurden und die von hohen Gebäude gestoßen wurden. „Viele der Kinder die hier spielen sind schwer traumatisiert“, erzählt Gerhard. „Immer wieder sieht man sie beim Anblick von Polizisten zusammenzucken. Das lässt einen nicht kalt“.

Nach mehreren Wochen Einsatz hinterlässt das Helfen sichtlich Spuren bei den Freiwilligen. „Es ist sehr belastend, wenn man weiß, dass sich niemand um die Flüchtlinge kümmert, wenn wir es nicht tun. Wir haben alle viel Verantwortung zu tragen“, sagt eine Helferin. Ohne die freiwilligen Helfer haben die Flüchtlinge keine Ahnung, was mit ihnen passiert, erklärt sie. Sie werden so etwa einfach in Schlafquartiere gebracht, ohne zu wissen wohin es geht. Auch eine ärztliche Versorgung oder Rechtsberatung würde es ohne „Train of Hope“ nicht geben, geschweige denn Essen und Trinken. „Die Regierung tut nichts, deswegen müssen eben wir anpacken“, sagt sie. Immer wieder werden Helfer nach Hause geschickt, weil sie seit Wochen im Einsatz und oftmals stark belastet sind. Die freiwilligen Psychologen am Bahnhof kümmern sich nicht nur um das Wohlbefinden der Flüchtlinge – sie machen auch Helfer darauf aufmerksam, wenn diese über ihre Grenzen gehen. Schließ- lich ist Tina nicht die einzige, die seit 24 Stunden wach ist – viele halten sich mit Energydrinks und Kaffe wach, denn sie wollen gerade nur eines: helfen.


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