Skero

Skero: „Das ist das bewusste Nichtstun“

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

Müßig-Gangster Skero sprach mit WIENER VIELFALT über das Wienerlied, Laster und warum Puber zu wenig Aufmerksamkeit von seiner Mutti bekommen hat.

Interview: Zoran Sergievski | Fotos: Michael Mazohl

Verstehe ich richtig, dass der Bandname „Müßig Gang“ Programm ist? Bis auf den „Gang Song“ und zwei andere Nummern ist alles auf dem Album eher ruhig und gelassen.

Na sicher. Entschleunigung ist auf jeden Fall das Thema.

Ihr entlehnt den Spruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ für den Bandnamen und den Albumtitel. Was waren weitere Ideen hinter der Platte?

SKERO: Ich hab‘ mim Rudi Gratzl schon für mein Soloalbum ein bissl zusammengearbeitet. Der hat so eine Wienerliedband, die haßn „Wienerglühn“. Wir kennen uns schon länger und von daher hot si das irgendwie ergeben. Dann hab‘ ich auch ein bissl was für „Wienerglühn“ geschrieb‘n. Eigentlich wollte ich mein Soloalbum vorantreiben, aber irgendwie hat mir das dann doch mehr Spaß gemacht, mit Musikern Sochn zu erarbeiten. Und überhaupt: Gesang ist doch was anderes als Rap irgendwie, oder? Da musst halt selber die Melodien erfinden. Immer, wenn mir was einfällt, red‘ ich‘s auf‘s Handy drauf. Und da waren eben auch viel Skizzen.

Da hab‘ i g‘wusst: das geht si‘ für ein Rapalbum ned aus. Und die haben wir dann verwendet und irgendwie geschaut, wie wir daraus Nummern machen. So ist das Album entstanden. Wir ham die Nummern zu dritt geschrieb‘n und bei den Aufnahmen haben wir uns noch einen Schlagzeuger und einen Gitarristen dazugeholt. Das war in Ringendorf in einem oiden Wirtshaus, das dem Rudi gehört. Da hamma dann das ganze Equipment hinzaht und aufgenommen. Und die Mutter hat uns dann immer bekocht und so, also des hat si ganz gut getroffen (grinst). Es gibt ja das Album auf CD und Vinyl, und beim zweiten ist ein Poster dabei mit Fotos von den Aufnahmen.

Bei der CD ist mir aufgefallen, dass ihr ganz viel mit Laster spielt, mit Sünde. Die CD selbst ist mit einem Apfelmotiv bedruckt...

SKERO: Genau, ja! Beim Cover hamma gedacht ‚Ein Laster warad leiwand irgendwie‘. Die Grafik habe ich mi‘m Michael Hacker gemeinsam gemacht. Beim CD-Motiv habe ich mir noch gedacht, wir müssen den Apfel aus dem Garten Eden, der schon an‘bissen is‘, nehmen. Wir haben die Präsentation ja auch in der Eden Bar gemacht, im Garten Eden praktisch. Es ist auch unsere erste CD, daher Aller Laster Anfang. Stilmäßig ist es quer durch‘s Gemüse. Ich mag gern Alben, die vielfältig san, die so einen Vibe ham. Thematisch zum Beispiel ist es bei uns durchgehend, aber stilistisch ist es alles Mögliche.

Wir wollten eigentlich Wienerlied machen, aber dann hat es uns doch gereizt, zu schauen, womit man Wienerlied noch verbinden kann, welche Musikarten si‘ da no‘ eignen würden. Seit der Entstehung des Wienerliedes hat sich ja einiges getan. Wir san a mit einer ganz ondan Musik aufg‘wachsen, insofern war‘s unlogisch zu sagen: ich mach jetzt das reine Wienerlied. Da gibt’s einfach schon sehr gute Interpreten und so lang‘ die no‘ am Leben san, lass i da die Finger davon (lacht).

Die „Ho Rugg“ von Willi Resetarits und Ernst Molden liegt auf deinem Schreibtisch...

SKERO: Ja genau, der Molden, mit dem hab‘ i das letzte Mal in Ulm g‘spielt. Das is‘ auch a sehr, sehr nette Szene. Mittlerweile kennen wir alle Leut‘, das san echt voll nette Leut‘. Und es macht jeder so seine eigene Variation von dem ganzen Ding. I glaub‘ a‘, des is‘ a interessanter Weg, wie sich das Ganze weiterentwickeln kann. So a Zeit lang war das Wienerlied sehr dogmatisch, da hat‘s Leut‘ geben, die g‘sagt ham: Solange da keine Heurigengitar‘ is‘ und keine Ziehharmonika, is‘ des ka Wienerlied.

Wir sagen ja eigentlich auch gar nicht, wir machen Wienerlied. Wir machen einfach Musik und hätten uns schon gefreut zu sehen, was sich die Journalisten da aus den Fingern saugen. Aber so ist man gezwungen, sich immer wieder zu erklären. I les‘ selber selten Musikkritiken, ich horch mir lieber selber das Album an. Is‘ g‘scheiter.

Zurück zum Titel: was habt ihr an Lastern aneinander entdeckt?

SKERO: Ich denk‘, jeder Mensch hat gute und schlechte Eigenschaften. Uns ist es eher um Folgendes gegangen: In Österreich gibt es ja oft diese Owezah-Mentalität. Es ist wichtig, auseinanderzuhalten, was destruktiv ist, was konstantes Nichtstun ist, gerade in Österreich, wo einfach ständig auf der Bremse gestanden und einfach absichtlich alles blockiert wird, weil ma‘ Angst vor was Neuem hat. Müßiggang ist für mich eine ganz andere G‘schicht. Das ist das bewusste Nichtstun. Die Geschwindigkeit herausnehmen, einfach sogn: Heute mach i mal eher weniger oder heute denk‘ i über mein Leben nach oder nimm mir einfach Zeit für mi‘.

Das ist was, das in unserer Zeit durchaus wichtig war, nicht nur für die Menschen an sich, sondern überhaupt, global gesehen. Kapitalismus ist auf Dauer kein brauchbares System. I kann einfach ned ständig erwarten, dass die Kurv‘n immer nach oben geht. Irgendwann ist das Limit erreicht. Es is‘ a Wunder, wie lang des ois funktioniert, aber das Ende ist absehbar. Aber des würd‘ anders nur gehen, wenn des kollektiv passiert.

Was du ansprichst, hört man auch in „Aufschwung“ – ein Aufruf, etwas dagegen zu tun, was einen aufregt.

SKERO: Ja, na eben, sonst wär‘ es ja wieder nur dasselbe, wenn ich mich hinstell‘ und sag‘: ,Schaut‘s euch an, wie die alle motschgern.‘ Wir wollten absichtlich eine Motivationshymne für Österreich schreiben. Und des is‘ zum Beispiel „Aufschwung“.

 

4 Antworten ohne Worte

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Ist der Müßiggang jetzt völlig durchexerziert oder wird es mit der Gang weitere Projekte geben?

SKERO: Wir treten auf und schauen, dass wir ein paar neue Nummern machen, um live noch ein größeres Spektrum zu haben. Wir spielen live auch ein paar Coverversionen, zum Beispiel haben wir „The Girl from Ipanema“ übersetzt in „Die schönste Frau aus Favoriten“. Da haben wir die Rechte nicht bekommen, insofern ist das nicht am Album.

Im Moment ist jetzt mein Solo-Rapalbum interessant, das würde ich gern Ende des Jahres rausbringen. Daher mach‘ ich bei der Müßig Gang gerade weniger. Der Rudi macht gerade wieder ein „Wienerglühn“-Album, der Herb spielt Konzerte Ende nie, etwa bei House of Riddim, und der Jovan spielt noch bei vielen Partien gleichzeitig. Is‘ in Österreich eh eigentlich normal, dass ein Musiker in zwei Bands spielt.

...damit er überleben kann...

SKERO: Ja, dass da überhaupt irgendwas übrig bleibt.

Du sprayst ja auch. Womit lassen sich deiner Meinung nach Leute eher bewegen: mit einem Graffiti oder einem guten Lied?

SKERO: Das kann man so nicht pauschalisieren, wie gut das Lied ist oder das Graffiti. Es kommt immer drauf an, wie gut eine Botschaft verpackt ist. Bei Graffiti merk‘ i scho‘, die Leute sagen: Okay, das ist jetzt in einem legalen Rahmen, dann finden die das eigentlich immer super. In Wien funktioniert das eigentlich eh extrem leiwand. Es gibt kaum eine Stadt, wo es so viele legale Flächen gibt und wo das eigentlich immer gut gestaltet ist.

Ist das nicht ein wenig scheinheilig: das legale Graffiti, das ist okay, aber das Kunstwerk, das illegal an einer hässlichen Hauswand pickt, nicht?

SKERO: Na sicher ist es konservativ von die Leit‘. Aber so denken halt alle: Die malen da jetzt überall, als nächstes ist vielleicht mein Auto dran. Das ist irgendwie die Horrorvorstellung von jedem normalen Bürger. Aber ich glaub‘ schon, dass Graffiti und Streetart antreten, um solche Klischees zu entkräften. Man sieht einfach extrem viele gute Sachen. Es gibt aber genau so Leit‘, die einfach nur Bombing (rasch ausgeführte, großflächige Schriftzüge, Anm.) machen – was die Leute nicht verstehen, dass Grafitti eben nicht eine Behübschung sein muss, sondern eine leidenschaftliche Kunst ist, teilweise einfach nur reiner Narzissmus, der halt irgendwie auf der Straße ausgelebt wird.

Kannst du die Hetze, die gegen den Sprayer „Puber“ gefahren wird, nachvollziehen?

SKERO: Er hat eh Glück gehabt. Ich mein‘, er ist schon länger eingesessen, aber das Strafmaß ist eh im Rahmen. I wü mi‘ dazu eigentlich gar nicht äußern, niemandem vorschreiben, was er zu tun hat. Abgesehen davon, dass ich ihn nicht für besonders kreativ halt‘. Und er hat einfach sehr viel Unruhe in die Szene gebracht, völlig unnötig. Das ist meiner Meinung nach ein Typ, der von der Mutti zu wenig Aufmerksamkeit gekriegt hat.

Zur Person

Skero wurde 1972 in Mödling geboren. Bekannt wurde er als Mitglied der Linzer Band „Texta“. Im Jahr 2009 brachte Skero sein erstes Soloalbum „Memoiren“ heraus.


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