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Single in Wien: „Ich bin überhaupt nicht verzweifelt“

04. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Wir haben sie gefunden: Die Singles der Weltstadt. Sie erzählen uns, was sie mögen, wen sie lieben und wo sie suchen. Plus: Expertinnentipps zum (nicht mehr) Alleinsein.

Story: Zoran Sergievski | Mitarbeit: Tatjana Pantelić, Jelena Gučanin
Fotos: Igor Ripak, Michael Mazohl, Cliff Kapatais (pixelcom.at)

Die gute Nachricht: die „wahre Liebe“, sofern es sie gibt, kann überall warten. Im Buchladen. Oder im Freundeskreis. Sie kann einen auch „betrunken nach dem Weg fragen“, sagt Selina. Die 20-Jährige kennt viele Arten, jemanden kennenzulernen. Mittlerweile sucht sie aber nicht mehr gezielt. „Wenn es passiert, passiert es einfach.“ Die junge Studentin hat schon vieles ausprobiert: „Einfach nach einem Treffen fragen, so in echt, von Mensch zu Mensch. Betrunken abschmusen. Alleine Fortgehen. An eine Bar setzen und warten, bis man angesprochen wird.“ Das funktioniere zwar, „aber die waren alle irgendwie nicht so spannend.“ Und doch: „Da kommt man eher zu netten Gesprächen und den seltsamsten Leuten.“

Nicht jeder ist so spontan und offen wie Selina, weiß die Single-Expertin Eva Fischer. Die Diplom-Bewusstseinstrainerin berät seit über zehn Jahren Singles in der Hauptstadt und veröffentlichte schon mehrere Bücher zum Thema. Warum so viele Menschen in Wien ohne PartnerIn sind? „Ihr Alltag bietet keine Gelegenheiten zum Kennenlernen. Ganz ehrlich: wenn mir jemand im Supermarkt gefällt – wer hat dann schon den Mut, ein Gespräch anzufangen? Mut ist eine wichtige Zutat im Erfolgsrezept. Nur warten, bis der Prinz auf dem Pferd angeritten kommt – das passiert leider meist nur im Märchen und im Film.“ Daher rät sie: „Raus aus der Komfortzone und mal was Neues ausprobieren, Körbe kassieren inklusive, aber davon stirbt man nicht. Die gelungene Überwindung macht innerlich stark.“

„Es ist wunderbar, Single zu sein“

Es ist ja grundsätzlich nicht gesundheitsgefährdend – Herdentrieb hin oder her. Selina muss lachen: „Als wäre es eine Strafe oder Krankheit, Single zu sein. Als würde etwas mit mir nicht stimmen. Immer diese schockierten Gesichter und die Frage: ‚Aber warum denn?‘ Es ist wunderbar Single zu sein! Gerade Anfang 20.“ Schließlich gebe es viel zu tun und zu entdecken.

Single Babsi (36) sucht nicht gerne in lauten Clubs nach der Liebe: „Wenn das ein Trottel ist, dann kannst du‘s auch vergessen.

Moritz weiß, was er will: „Ich bin sehr ehrlich und manche verkraften das nicht.“

Die virtuelle Single-Welt

So etwa im World Wide Web: zahlreiche Dating-Plattformen mit Wien-Bezug sind in den letzten Jahren entstanden. So knüpfen Menschen aus den unterschiedlichsten Altersgruppen und sozialen Schichten Netze. Man muss ja nicht überall mitmachen, aber die Nachfrage ist da. Die Blogger Catherine und Maximilian etwa – befreundet, jedoch nicht zusammen – betreiben gemeinsam die Seite „fixzsam“, auf der momentan noch ausschließlich WienerInnen porträtiert werden: mit schönen Fotos, ihren Macken und Vorlieben. Damit niemand den Überblick verliert und alle Suchenden echte Chancen haben, entdeckt zu werden oder jemanden zu finden, werden wöchentlich nur zwei Personen vorgestellt. Das funktioniert so: „Sie kontaktieren uns, sprich sie schreiben uns eine Mail, sagen uns kurz, wer sie sind, was sie machen, damit wir sie einordnen können, weil wir müssen das Ganze auch dementsprechend planen, damit das auf der Seite nicht fad wird. Es soll ja ein guter Mix zwischen jung und alt, männlich und weiblich sein“, sagt Catherine. Maximilian pflichtet ihr bei; jedenfalls sei der Ansturm auf ihre Seite enorm. Eine lustige Reportage à la „Liebesg‘schichten“ reicht natürlich nicht aus. Irgendwann müssen sich wechselseitig Interessierte auch offline treffen. „Sprich: man mischt die Grenzen.“

Grenzen erforschen will auch die Anfang 2013 entstandene Online-Börse „wienersingles.at“. Andi Meran, einer der Macher, sagt: „Es ist als Hobbyprojekt gestartet, weil wir uns dachten, dass man gerne Singles aus der gleichen Stadt treffen will.“ Das Konzept rechnet sich: seit Dezember 2013 haben sich die Anmeldungen verdoppelt. „Es haben sich auch schon einige Pärchen gefunden“, erzählt Andi stolz. Täglich schauen über 1000 Wiener Singles auf der Seite vorbei – „und es werden immer mehr“, sagt er.

In eine andere Kerbe schlägt Elke Doppler-Wagner. Die gelernte Kunsthistorikerin gründete vor zwei Jahren die Freizeitplattform „SinglesAktiv“, um Mitgliedern Veranstaltungen zum Kennenlernen in natürlicher Atmosphäre, etwa bei Kunst und Kultur oder in der Natur, anzubieten. „Wir sind keine Partnerbörse“, betont sie. Die Kernaltersgruppe zwischen 30 und 60 Jahren wolle vor allem aktiv etwas unternehmen – am liebsten in der Gruppe. Damit deckt sie eine Nische ab. „Gerade in der heutigen Zeit schätzen Alleinstehende wieder verstärkt die ‚realen‘ Begegnungen, wissen aber oft nicht, wo sie abseits von Disco und Clubbings Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen auf hohem kulturellen und sportlichen Niveau treffen können“, fügt sie hinzu. Sie fordert auch mehr gesellschaftliche Akzeptanz und mehr Infrastruktur für Singles: „Obwohl ‚Singles‘ einen immer größeren Teil der Gesellschaft bilden, wird diese Gesellschaftsgruppe noch immer nicht selbstverständlich angenommen.“

Von Angesicht zu Angesicht

Es hat eben geregnet, die Sonne bricht nun durch und die Prater Hauptallee glänzt. Um Welten natürlicher als die Dating-Plattformen, die auch Moritz benutzt. Oder die NEON-Kontaktanzeigen, bei denen er schon dabei war. Moritz schmunzelt: „Es wirkt jetzt so, als wäre ich total verzweifelt, aber ich bin überhaupt nicht verzweifelt.“ Man spreche anders, als man schreibt. Deshalb bevorzugt der junge, schlanke Mann auch das Vieraugengespräch. Zum Beispiel im Kaffeehaus. Obwohl er glaubt, manchmal zu fordernd zu sein. „Ich habe jetzt kein konkretes Beispiel, aber ich weiß oft, was ich will. Und ich bin sehr ehrlich, und manche verkraften diese Ehrlichkeit nicht.“ Obwohl: auch Dates seien in gewisser Weise künstlich. Man treffe sich, um in kürzester Zeit etwas voneinander zu erfahren. „Also ich habe mir neulich gedacht, dass ich Dates generell eigentlich total pervers find‘ und dieses System Dating total absurd.“ Moritz erzählt viel Geistreiches. Ihm ist wichtig, festzuhalten, dass er nicht todtraurig ist. Aber das glaubt man ohnehin nicht, wenn man dem stets keck lächelnden Mann lauscht.

„Obwohl man sucht, heißt das ja nicht, dass man unglücklich ist. Man will natürlich Sex haben und umarmen und so, aber das ist ja auch etwas absolut Menschliches, und das am Liebsten mit einem Menschen, dem man vertraut“, meint er. Ähnlich sieht es Babsi. Die 36-jährige Buchhalterin meint, man lerne „eher wen kennen, wenn du wo sitzt, oder, was weiß ich, Bimhaltestelle, beim Einkaufen oder was weiß ich wo. Oder beim Radfahren. Es gibt ja diese Citybikes, nicht, und da kann man auch nette Leute kennenlernen.“ Beide, sowohl Babsi als auch Moritz, hätten gerne jemanden, mit dem man gut reden kann, der eine besondere Ausstrahlung hat. Der sich für sein Gegenüber interessiert. Und Respekt muss da sein. Beide schauen geradeaus, als sie das sagen. Wen sie wohl vor Augen haben? „Das muss jetzt kein Model sein. Weil, auch wenn das ein Model ist, wenn das ein Trottel ist und er von der Persönlichkeit her total arrogant rüberkommt, dann kannst du‘s auch vergessen, so sehe ich das halt“, sagt Babsi. Moritz freut sich, wenn das Gegenüber auch noch hübsch ist, aber das allein reicht nicht. Dann erzählt er von einem Schönling, letzte Woche war das. „Der war ein bisschen dumm.“

Die Blogger Catherine und Maximilian gründeten die Single-Plattform fixzsam.at.

Auf dieser Seite werden Menschen porträtiert: mit schönen Fotos, ihren Wünschen, ihren Vorlieben und auch ihren Macken.

Sie kontaktieren uns und sagen uns kurz, wer sie sind, was sie machen, damit wir sie einordnen können", so Catherine.

„Gelegenheit macht Liebe“

Die zwei folgen damit implizit den Ratschlägen von Eva Fischer: zuallererst solle man bei sich selbst ansetzen. Sie hat drei Tipps parat: „Den eigenen Herzenswunsch ganz klar erkennen und formulieren, die innere Haltung managen und dann entspannt und strahlend präsent sein und für Gelegenheiten sorgen: online und im echten Leben.“ Doch es gibt auch Menschen, die trotz alledem niemanden finden. „Manchmal sind es alte Glaubenssätze rund um ‚ich bin es nicht wert‘, manche wollen sich mit einer deutlich attraktiveren Partnerschaft selbst wertvoller fühlen und suchen vergeblich außerhalb ihrer Liga“, sucht die Single-Expertin nach Erklärungen. Mit ihrer Seite (dieliebesfischer.com) versucht sie gegen ein Entgelt von 49 Euro solche Gelegenheiten durch gezielte Vermittlung zu erhöhen. Catherine wendet ein: „Ich glaube, es gibt keinen allerbesten Weg. Man kann ja nicht bestimmen, dass man sich in wen verliebt, das passiert ja alles zufällig. Unsere Seite ist vielleicht eine Möglichkeit, die für einige Leute den perfekten Weg darstellt. Aber die optimale Lösung für jeden gibt es bestimmt nicht.“

Entsprechend ihrem Idealbild vom Kennenlernen sagt Babsi etwa, in einem „Scheißclub“ könne man nicht miteinander reden, zu laute Musik. Außerdem ist sie kein Typ für One-Night-Stands. Damit habe sie nur schlechte Erfahrungen gemacht. Insgesamt seien die Leute am Land auch weniger oberflächlich und dreister als in Wien. Viel höflicher auch. In der Schweiz hat sie mal barfüßig in einem Club getanzt; an der Theke wachten die dortigen Einheimischen mit Argusaugen über ihre Schuhe. „Die kümmern sich dann um dich“, sagt Babsi lachend. In Wien wolle man einfach nur abschleppen. Moritz wiederum meint, dass die Stadt für ihn ein Synonym für Freiheit war und ist. Am Land gebe es einfach keine Szene. Was Babsi am belanglosen Sex kritisiert, ist für Selina wieder toll, so lange es für beide klar ist. „Sagen wir so: Gelegenheit macht Liebe. Und Gelegenheiten gibt es überall“, ergänzt die Optimistin.


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