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„Ich wollte ein Monster kreieren“

11. September 2015 / von / 1 Kommentar

Nach seinen erfolgreichen „Bucovina Club“-Platten ist der Musiker Shantel nach Athen gezogen, um neue Songs aufzunehmen. Wir haben mit ihm über seine Einflüsse und die Krise in Griechenland gesprochen.

Interview: Simone Grössing | Fotos: Michael Mazohl

WV: Deine Großeltern sind aus Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, geflohen. Was verbindet dich heute noch mit diesem Ort?

SHANTEL: Eigentlich nichts mehr. Ich bin im Laufe der Jahre ein paar mal hingereist. Heute gehört Czernowitz ja zur Ukraine. Seit den Neunzigern hat man konsequent dafür gesorgt, dass alles, was irgendwie an die kosmopolitische Vergangenheit erinnert, mehr oder weniger unter den Tisch gekehrt wird. Das ist fast symptomatisch für viele Länder im Osten, also die Ablehnung des klassischen Vielvölkerstaats wie es ihn unter den Habsburgern gab.

WV: Es scheint so, als hättest du dich viel mit diesem Ort und seiner Geschichte auseinandergesetzt, nicht nur musikalisch...

SHANTEL: Ich komme aus einer rumänisch-jüdischen Familie. Wenn du heute in der Bukowina nach dem Judentum suchst, findest du wenig, obwohl das einmal die größte Minderheit war. Der ukrainische Patriotismus hat das alles niedergewälzt, die Geschichte wird einfach ausgeblendet. Ich habe mich immer gefragt, wie ich damit umgehen soll. Ich bin sehr neugierig, habe viel dazu gelesen und mit Zeitzeugen gesprochen, weil das für mich immer ein weißer Fleck in meiner Familiengeschichte war. Ich war auch der erste meiner Familie, der nach der Flucht zurückgekehrt ist.

WV: Was hat dich dazu gebracht nach deinen Wurzeln zu suchen?

SHANTEL: Ich wollte immer nach Czernowitz, weil ich den Ort nur aus Erzählungen kannte. Am Anfang dachte ich, es hilft mir bei meiner Identitätsfindung und mit meiner inneren Zerrissenheit. Ich dachte, es würde mir helfen „back to the roots“ zu gehen. Aber so war es nicht. Es hat mir nur andere Impulse gegeben.

WV: Von welcher Zerrissenheit sprichst du?

SHANTEL: Ich bin in Deutschland aufgewachsen und das ist auch meine geistige Heimat. Von außen wurde ich seit meiner Kindheit aber immer darauf hingewiesen, dass ich anders bin. Früher fragten mich viele, wieso es bei uns Zuhause so aussieht wie es eben aussieht, oder sagten, dass meine Mutter nicht wie eine Deutsche aussieht. Als Teenager habe ich versucht, mich unsichtbar zu machen, also hinsichtlich der Herkunft meiner Familie. Es war schwer für mich, kulturell alles unter einen Hut zu bringen. Ich habe mich extrem entwurzelt gefühlt.

WV: Musikalisch scheinst du deine Identität aber gefunden zu haben. Zumindest wird deine Musik meist als „Balkanpop“ bezeichnet. Ist das eine Schublade, in die du hinein passt?

SHANTEL: Das mit dem Balkanpop ist ja fast ein Etikettenschwindel. Das musikalische Erbe oder die Musik aus der Bukowina, die ist ja nicht mehr existent. Diesen kulturellen Melting Point, den es vor dem ersten Weltkrieg gab, gibt es ja nicht mehr. Ich fand deswegen die Idee, den Sound der Bukowina nachzuempfinden, sehr spannend.

WV: Welche Einflüsse hat dein Sound?

SHANTEL: Bei der ersten Bukowina-Platte habe ich vom sizilianisches Beerdigungsorchester bis zur rumänischen Romakapelle und auch eigenen Stücken eine große Sphäre abgedeckt. Es ist etwas Komplexes, wo irrsinnig viel drinnen steckt an kontinentaleuropäischer und auch an orientalischer Kultur. Mit dem „Bucovina Club“ wollte ich ein Monster kreieren wie Dr. Frankenstein: Der Fuß ist aus Griechenland, der Kopf aus der Türkei, das Becken aus Ex-Jugoslawien und ein Hinterteil aus Italien oder Kleinasien. Ich habe mich gewissenlos bedient, an allen möglichen Sounds. Mir ist es eigentlich total egal, wie sich der zusammensetzt.

WV: In einem Interview nennst du deine Musik „Diaspora-Pop“.

SHANTEL: Meine Idee war: Die Mauer ist gefallen, es gibt jetzt das vereinte Europa und das ist der Soundtrack dazu. Der sogenannte Balkanpop war ein identitätsstiftendes Phänomen, das in dieser Form nur in Europa entstehen konnte. Und zwar nicht in Belgrad, Bukarest sondern in der Diaspora. In meinem Fall Frankfurt am Main, Berlin und Wien.

WV: Wieso gerade Wien?

SHANTEL: Wien war einer meiner ersten Auslandserfahrungen. Wien war die Stadt, wo ich einen der ersten „Bucovina Clubs“ veranstaltet habe. Das war im Schauspielhaus, wo zu Mitternacht die Polizei kam und die Party auflösen wollte. Ich wurde hier zu Beginn meiner Karriere sehr unterstützt. Zum Beispiel von Werner Geier von FM4. Leider ist er vor einigen Jahren verstorben.

WV: Und wie war das in Deutschland? Kommt deine Musik dort auch so gut an?

SHANTEL: In Deutschland werde ich oft gefragt, ob ich das eigentlich darf, was ich mache. Und dann sagen sie ‚ah okay, die Großmutter ist aus Blabla, dann passt es ja‘. Meine Großmutter macht mich aber nicht zum besseren Musiker, nur weil sie aus Czernowitz stammt. In Frankreich sagt man einfach: ‚Shantel, a German artist.‘ In Deutschland trägt man hingegen stets die Ethnobrille. Die Herkunft ist sehr wichtig.

WV: Woran liegt das?

SHANTEL: In Deutschland gibt es klare Definitionen darüber, was fremd ist und was nicht. Fremdheit ist vielleicht mittlerweile nicht mehr nur negativ, aber sie ist trotzdem noch nicht angekommen. Man wird hier stets darauf hingewiesen, dass man selbst oder etwas nicht in die Gesellschaft passt. Ich bin zum Beispiel kein
fixer Bestandteil der deutschen Popkultur. Ich lief nie im Radio. Obwohl ich massiv viele Platten hier verkauft habe und hier viele Hörer habe. Ich bin eben durch das Internet bekannt geworden, nicht durch die Musikpresse.

WV: Du lebst aber heute nicht nur in Deutschland, sondern auch in Athen und hast auch dort neue Musik aufgenommen. Wie kam‘s eigentlich dazu?

SHANTEL: Mein Großvater ist Grieche und ich war schon als Kind oft dort. Dann war ich länger nicht mehr dort, bis ich ein Konzert in Athen hatte. Da kamen sehr bekannte griechische Musiker auf mich zu und haben gefragt, ob wir einmal zusammenarbeiten wollen. Und ich hatte auch schon die ganze Zeit das Bedürfnis irgendetwas zu tun, schon als ich zum ersten Mal von der Krise in den Medien hörte. Ich fand das Bild, das die Medien von den Griechen zeichnen, fürchterlich.

WV: Deine aktuelle Single heißt „EastWest“, du hast sie mit der griechischen Sängerin Areti Ketime aufgenommen. Geht es darin auch um die Krise?

SHANTEL: Ja. Jeder, der über die Griechen schimpft, hat nur ein verzerrtes Bild, aber kein Gefühl dafür, was da für Gesichter und Schicksale dahinterstecken. Das sind Menschen, die vollkommen perspektivenlos im luftleeren Raum agieren. Die Griechen leben von einen Tag in den nächsten ohne zu wissen, wie es weiter geht. Es ist eine Katastrophe. Mit „EastWest“ wollten wir einfach ganz normale Menschen aus Downtown Athen zeigen, damit man die auch einmal sieht.

WV: Welcher Sound inspiriert dich zur Zeit am meisten?

SHANTEL: Was mich sehr inspiriert, ist das, was derzeit aus dem arabischen Raum kommt. Das vermischt sich momentan stark mit elektronischer Musik. Siehe etwa die Sachen, die Acid Arab oder Omar Souleyman machen. In Tel Aviv gibt es gerade eine ziemlich faszinierende jüdische Undergroundszene. Die ganze junge Generation im Nahen Osten, die progressiv denkt, die steht voll auf diesen Soundclash. Wir haben jetzt zehn Jahre Balkanpop gehabt, das ist das nächste große Ding.

 

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