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Servus, Herr Präsident!

20. September 2016 / von / 0 Kommentare

Sein Reich ist nicht groß, aber ein Mikrokosmos gelebter Willkommenskultur. Roman Gregory ist Präsident des Meidlinger Fußballclubs SC Wiener Viktoria, wo 42 Nationen am Platz vertreten sind. Wir haben Audienz erhalten und mit dem Alkbottle-Frontman über Integration, erfolgreiche Jugendarbeit und die Bundespräsidentenwahl gesprochen.

Story: Alexandra Laubner / Foto: Michael Mazohl

Kurze Hose im Camouflage-Look – dazu ein T-Shirt des SC Wiener Viktoria. Bodyguards? Wozu? Er ist ja selber Boxer. Und wer braucht schon eine Limousine, wenn es auch ein Fahrrad tut.

Der Präse feiert Jubiläum 
Roman Gregory ist nicht nur Sänger und Texter der Wiener Kultband Alkbottle sowie ehemaliger Starmania-Juror, sondern auch Präsident. Sein Staatsgebiet beginnt in der Oswaldgasse 34 – am Platz des Meidlinger Fußballclubs der SC Wiener Viktoria. Gregory wird von allen nur „da Präse“ genannt. „Mit einem E am Schluss, und manchmal auch mit einem I, wenn es lieb gemeint ist“, sagt er.

2006 hat sich Gregory gemeinsam mit einem Vereinskollegen, mit dem er als Kind bei der Wiener Viktoria gekickt hat, zur Wahl gestellt. „Der Verein war kurz vor der Auflösung und in Händen von typischen Österreichern, die den Verein schlampig geführt haben – auch entgegen der Vielfalt, die den Verein ausmacht“, erinnert sich Gregory. Damals waren 34 verschiedene Nationen am Platz der Wiener Viktoria vertreten, mittlerweile sind es 42. „Da darf man sich nicht mit verschränkten Armen hinstellen und sagen, ’Jetzt tut’s was, jetzt integriert euch!’. Sondern man muss aktiv an jeden Einzelnen herantreten und ihm die Hand ausstrecken. Und dann passiert plötzlich etwas ganz Besonderes. Dann ist das wichtig, was einen Menschen abseits der Hautfarbe, der Kultur und der Sprache ausmacht – nämlich das Herz, und nur das zählt“, sagt Gregory.  „Man muss auch jedem die Frage stellen, ob er das Herz und auch die Eier hat, sich für den Verein – also für uns alle – den Arsch aufzureißen. Denn wir gewinnen alle miteinander oder aber verlieren auch alle miteinander. Das erzeugt ein sehr starkes Wir-Gefühl. Auf dieses Wir-Gefühl haben wir gesetzt. Es ist ein guter Ansatz, an Jugendliche heranzukommen und ihnen Werte zu vermitteln.“

Roman Gregory feiert heuer sein zehnjähriges Präsidenten-Jubiläum – seit damals hat sich vieles bei der Wiener Viktoria verändert. „Einer unserer ersten Aktionen war es, Efes-Bier auszuschenken. Dann haben wir dafür gesorgt, dass unsere muslimischen Vereinsmitglieder auch etwas zum Essen bekommen, denn bisher hat es in der Kantine nur Schweineextra-Wurst gegeben. Es müssen keine großen Gesten sein, auch mit Kleinigkeiten kann man den Menschen vermitteln, dass sie willkommen sind. Wir haben schrittweise vieles umgestaltet und uns kulturell geöffnet, und zwar in einem Bezirk, der ein klassicher Arbeiterbezirk mit doch einigen Brennpunkten ist.“

Eines von vielen Projekten, die „da Präse“ gemeinsam mit seinem Team umgesetzt hat, sind Gratis-Deutschkurse. „Die Deutschkurse werden sehr gut angenommen. Es sind ganz gemischte Gruppen –  es machen Mannschaftsmitglieder unserer Kampfmannschaft mit, genauso wie Nachwuchsspieler und Eltern der Spieler.“

Der Präse als Brückenbauer
Und was macht Roman Gregory eigentlich so als Präsident? „Konzepte für die Zukunft zu erarbeiten, es ist eine sehr visionäre Aufgabe. Aber auch Brücken zu bauen und die Leute zusammen zu bringen. Es geht nicht darum, Nadelstreif-Termine im Rathaus wahrzunehmen, sondern auch, wenn sich zwei Spieler am Spielfeld in die Haare kriegen, zu vermitteln. Alles ehrenamtlich natürlich.“

Welche Eigenschaften sollte man als Präsident mitbringen? „Der Mut zu Veränderung ist ganz wichtig. Man braucht Mut und man braucht Eier sowie Sitzfleisch und Geduld. Man braucht nicht glauben, dass sich von heute auf morgen etwas verändert. Man muss beharrlich sein und sich auch immer wieder selber in Frage stellen, das ist sehr wichtig. Oft lernt man auch, wie es nicht geht. Es geht um Sport, um ein Spiel also, und dieses besteht aus Niederlagen und aus Siegen.“

„In tiefer Sorge“ blickt Gregory der Wahlwiederholung der Bundespräsidenten-Stichwahl am 2. Oktober entgegen, „wenn ich es mal präsidial ausdrücken darf.“ Es sehe so aus „als dürften diejenigen, die Angst und Hass schüren, die Mehrheit bekommen. Und das macht mir Angst.“ Dieses kurzsichtige Denken weist in keiner Weise irgendeine Spur von globaler Intelligenz auf.

„Wir leben in einer Zeit, die vor einer Zerreißprobe steht. Es wird einem sehr bewusst, wenn man Kinder hat, eigene oder eben rund 450 Kinder am Fußballfeld. Was ist das für eine Zukunft, die wir den Kindern gerade aufbereiten? Man muss sich entschieden entgegenstellen und sagen, ‘Nein! Ich trete immer noch für die Freiheit an, für eine Freiheit in jeder Form’. Ziehe an, was du willst, mach’ was du willst, aber gehe einem anderen nicht am Oarsch damit. Das ist jetzt nicht sehr präsidentenhaft, aber es ist so“, kommentiert Gregory, der jedoch nichts von Verboten hält. „Verbote bewirken immer nur eines, nämlich, dass jemand unter Druck gerät. Und Druck verursacht immer Angst und Panik. Das sieht man auch bei den Fußballern. Wenn nur mehr fünf Minuten Spielzeit bleiben und noch ein Tor geschossen werden muss, dann versagen die besten Fußballspieler bei einem einfachen Pass, denn unter Druck funktioniert man nicht.“

Der Präse entschuldigt sich
Und so von Präsident zu den Präsidentschaftskandidaten: Was möchte Roman Gregory den Politikern ausrichten? „Es reicht eigentlich nur ein Wort – und zwar Verstehen. Verstehen bedeutet, sich auf die andere Seite zu stellen und die Situation von einer anderen Warte aus zu betrachten. Und, wenn unsere Politiker einen respektvollen Umgang vorleben würden, dann würde es in Online-Foren von gewissen Medien auch nicht so zugehen. Der Fisch fängt vom Kopf zu stinken an. Das parteipolitische Hickhack bringt das Land keinen Millimeter weiter. Oft ersticken die Lösungen bereits im Keim, weil jemand nur an seine eigene Polit-Karriere denkt. Dass Politikverdrossenheit vorherrscht, ist auch kein Wunder. Nur manche Wähler meinen dann am Wahltag, dass sie es den Politikern zeigen müssen. Aber was zeigen sie ihnen? In Wirklichkeit nur, dass man in einen Scheißhaufen nicht nur reinsteigen, sondern gleich einen Köpfler reinmachen kann.“

Es müsse einen offenen Diskurs geben. „So das habe ich den Politikern jetzt ausgerichtet. Ich hoffe, sie halten sich jetzt auch daran!“, lacht „da Präse“ und will eines noch loswerden. „Als Präsident muss man sich immer entschuldigen. Herumgehen, die Hand schütteln und immer schön brav Entschuldigung sagen! Auch, wenn man selber nicht weiß, warum. Derjenige, bei dem man sich entschuldigt, weiß es bestimmt.“


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