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Ekaterina Heider: „Mit Menschen ist es immer ein bisschen schwierig“

16. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

Wiener Vielfalt traf die junge Schriftstellerin Ekaterina Heider, fragte sie, ob die Liebe in Wirklichkeit eine Krankheit ist, sprach mit ihr über Verzweiflung mitten im Überfluss und versuchte sich mit ihr auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Interview: Konstantin Teske | Fotos: Igor Ripak

Die Geschichten in Deinem Buch behandeln die Liebe in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen. Deine Figuren sind vor allem junge Menschen, von denen die meisten verbittert, entfremdet, einsam bis vereinsamt, selbstzerstörerisch, krankhaft neidisch oder eifersüchtig sind. Ist die Liebe eine Krankheit ohne Hoffnung auf Besserung?

EKATERINA HEIDER: Puh, die Frage muss ich mir nochmal durchlesen, darf ich?  (nimmt sich den Zettel mit der Frage, liest ihn leise für sich durch). Also, erstens: Nein, die Liebe ist keine Krankheit. Die Liebe ist die Heilung für mich.

Die Heilung? Entschuldige, aber viele Deiner Figuren kann man nicht wirklich als gesund bezeichnen…

HEIDER: Aber ich bin ja nicht das Buch! Ein Charakter muss nichts mit mir zu tun haben, im Gegenteil: er kann sogar sehr weit von meiner eigenen inneren Verfassung entfernt sein. Wichtig ist, dass ich auf irgendeine Art Zugang zu dieser Figur habe, ein Bild von ihr habe, kurzum: sie muss greifbar für mich sein. Nach Lesungen sind schon Leute aus dem Publikum zu mir gekommen und haben mich gefragt, ob es mir eh gut geht. Das kann ich auch verstehen: die sehen da jemanden aus der Ich-Perspektive erzählen davon, wie sich dieses Ich vielleicht gerade zugrunde richtet.

Aber darf man annehmen, dass Deine Charaktere etwas mit dem zu tun haben, was Du in der Realität wahrnimmst?

HEIDER: Ja, denn Liebe kommt nur in den seltensten Fällen in seiner reinen Form vor, vielleicht auch, weil viele Menschen eine solche in ihrer Kindheit nicht erfahren durften. Das kann sehr schnell in andere, teils extreme Gefühle kippen, die die Liebe sabotieren. In vielen Fällen wird auch etwas als Liebe bezeichnet, was wenig bis gar nichts mehr damit zu tun hat.

Was zum Beispiel?

HEIDER: Abhängigkeiten in den unterschiedlichsten Ausformungen. Menschen machen sich von anderen abhängig und bezeichnen das als Liebe. Abhängigkeiten sind etwas, was einen wo festhält, wo man nicht sein volles Potential ausleben kann. Das hat eigentlich auch nichts mit der Person, von der man sich abhängig macht zu tun, sondern die Person ist nur die Projektionsfläche für etwas anderes. Mit Menschen ist es immer ein bisschen schwierig (lacht).

Wieso sind Deine Texte konsequent in Kleinschrift gehalten?

HEIDER: Das ist kein Grundsatz von mir, aber für dieses Buch passt es sehr gut. Das Schriftbild soll die Atmosphäre der Geschichten widerspiegeln und entspricht dem Zustand, in dem sich die Figuren befinden – alles läuft irgendwie gleichmäßig dahin, verändert sich nicht, ist monoton.

2012 hast Du vom Kulturministerium ein sechsmonatiges Stipendium erhalten. Glaubst Du, dass Deine Literatur dem Zeitgeist oder einer aktuellen Mode entspricht?

HEIDER: Zumindest habe ich nicht versucht, mich irgendeinem Trend anzupassen, aber vielleicht erkennen manche Menschen in den Geschichten etwas von sich selbst wieder. Vor allem junge Menschen in unserer Gesellschaft sind oftmals unzufrieden,  orientierungslos und suchen nach ihrer Identität.

Woran liegt das Deiner Meinung nach?

HEIDER: Wir leben im absoluten Überfluss mit einer Vielzahl an Möglichkeiten. Das kann einen überfordern und abstumpfen lassen. Es gibt keine klar vorgegebenen Wege mehr, man muss alles selbst entscheiden: ich  kann mich einer Herausforderung stellen – oder eben auch nicht, niemand zwingt mich dazu. In ärmeren Ländern, Marokko oder Indien beispielsweise, haben junge Menschen viel weniger Möglichkeiten und Sicherheiten, aber vielleicht genau deshalb einen viel größeren Drang etwas zu machen; Menschen, die noch wirklich kämpfen müssen, um etwas zu erreichen.

Du schreibst in einer sehr einfachen, schnörkellosen Sprache, unser Fotograf versucht mithilfe Deines Buches gerade Deutsch zu lernen. Wieso ist Dir das wichtig?

HEIDER: Das ist ein großes Kompliment für mich. Es ist eine spannende Aufgabe, aus möglichst wenig möglichst viel herauszuholen. Es wird in der alltäglichen Kommunikation so viel gesprochen, aber oft wenig ausgesagt; vieles davon ist einfach überflüssig. Ich versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, nur das zu schreiben, was notwendig ist, und alles andere auszusparen.

So wie Du Sex in Deinem Erzählband beschreibst, wird er meist gleichgültig ausgeführt, dient rein der Triebabfuhr oder ist manchmal schlicht demütigend: von „Liebe machen“ kann da keine Rede sein…

HEIDER: Meiner Meinung nach verhält es sich hier ähnlich wie in der Liebe: Menschen suchen in Wahrheit nach etwas anderem und Sex ist oft nur ein Mittel zum Zweck. Das kann eine Flucht sein, Ablenkung oder der Abbau von etwas. Das spiegelt für mich den Zustand wider, in dem sich viele Menschen die meiste Zeit befinden.

Was ist das für ein Zustand?

HEIDER: Ein Zustand der Angst. Wenn ein Jugendlicher oder ein junger Mensch mit jemandem schläft, den er vielleicht nur flüchtig kennt, ist die Motivation in vielen Fällen von Angst gefärbt. Der will dann vielleicht wo dazugehören, das Gefühl haben „gut im Rennen zu sein“, will sich etwas beweisen oder hat Angst, seinen (potentiellen) Partner zu verlieren.

Gegen Ende Deines Buches heißt es „und vielleicht stimmt ja diese vorstellung, diese theorie, dass man beim sterben das ganze leben noch einmal vor sich sieht, langsam, fließend. vielleicht ist es so und vielleicht sind wir längst tot und sehen gerade genau das.“ Ist das Leben sinnlos?

HEIDER: Wenn man unter Sinn verstehen würde, dass wir alle unser Leben leben und am Schluss bekommen wir dafür ein Riesengeschenk, dann macht es keinen Sinn. Wir haben ja keine Ahnung, was nach dem Tod kommt, da können wir uns noch so sehr den Kopf zerbrechen und Theorien aufstellen – wir wissen es einfach nicht. Aber das in dem Zitat ist ja keine verzweifelte, sondern eine sehr ruhige Betrachtung. Jetzt bin ich hier und später bin ich halt woanders.

Zur Person

Ekaterina Heider wurde 1990 in Russland, genauer: Sibirien, geboren und kam 2001 mit ihren Eltern nach Wien. Ihre Großeltern väterlicherseits sind in den 1930ern aus Österreich nach Russland ausgewandert, irgendwann zog es Heiders Vater zu seinen Wurzeln zurück. Mit vierzehn – „ich hatte und habe nach wie vor ein Problem mit Autoritäten“ – brach sie die Schule ab, absolvierte eine Lehre zur Bürokauffrau und holte 2010 die Matura nach. Seit 2011 studiert sie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. „meine schöne schwester“ ist ihr erstes Buch. Eine Leseprobe daraus ist in der aktuellen Print-Ausgabe von WIENER VIELFALT zu finden.


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