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„Scheiß drauf, noch ein Espresso!“

14. April 2016 / von / 0 Kommentare

(Facebook-) Autorin Stefanie Sargnagel und Clemens Ettenauer, Geschäftsführer des Klubs der Komischen Künste und Mitherausgeber des Satiremagazins Bananenblatt, haben mit uns über Cartoons, die Kunstwelt und die Kunst des Humors gesprochen.

Foto: Igor Ripak

WV: Hat sich mit dem Berufsleben euer Essverhalten geändert?

CLEMENS ETTENAUER: Mehr Luxus. STEFANIE SARGNAGEL: Vorher habe ich echt geschaut, dass ich mit 20 Euro so viel wie möglich einkaufe und jetzt scheiß ich schon mehr darauf. Ich gehe auch mehr essen. Eigentlich hat das mehr mit meinem Freund, als mit dem höheren Einkommen zu tun, weil er so extrem dekadent ist und ich war immer hypersparsam. Jetzt habe ich mir ein bisschen angewohnt: Scheiß drauf, noch ein Espresso!

WV: Ist es schon ein anderes Gefühl, nicht mehr so auf Geld achten zu müssen?

SARGNAGEL: Ich achte eigentlich mehr darauf, vorher war es selbstverständlich. Jetzt, wo ich mehr Geld habe, habe ich mehr Verlustängste. ETTENAUER: Bei mir ist es genau umgekehrt, wir haben gerade Nachwuchs bekommen und früher sind wir 3-4 Mal pro Woche Essen gegangen und jetzt schauen wir, dass wir viel selbst kochen und mehr Geld übrig bleibt. Mir macht Kochen aber auch Spaß. SARGNAGEL: Ich wohne ja alleine und für sich selbst kocht man nicht so originell, da mache ich eher Eintopf. Ich mag es, spartanisch zu leben, weil man das Gefühl hat, voll unabhängig zu sein. Es regt auch ein bisschen die Kreativität an. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass Armut die Kreativität anregt, aber ich bin unabhängig, habe keine Kinder und finde zum Beispiel Dumpstern lustig. Ich habe es nie gemacht, aber in der Theorie habe ich es immer leiwand gefunden.

WV: Die Schule war für euch beide nicht wirklich etwas, ihr habt das Studium nicht beendet und in einem Call Center gearbeitet. Ihr habt viel gemeinsam.

ETTENAUER: Die Steffi hat im Callcenter viel mehr geschafft. Bei dir haben ja die Leute angerufen, das war immer mein größter Traum. Ich hab immer aktiv anrufen müssen, so Telefonumfragen. SARGNAGEL: Ich bin auch ur stolz darauf, dass ich es geschafft habe, so konsequent dort hinzugehen. Das ging nur, weil der Job echt chillig war. Ich glaube, wenn ich jeden Tag irgendwo anrufen hätte müssen, dann wäre ich einfach nicht mehr hingegangen.

WV: Sieht so der Weg in die Kunstwelt aus?

ETTENAUER: Übers Callcenter? Wahrscheinlich.  SARGNAGEL: Ich finde es nicht so ungewöhnlich, gerade in der Bildenden Kunst sind ur viele Schulabbrecher dabei. In der Literatur merke ich schon, dass es eher ungewöhnlich ist. Als wäre ich ein Enfant terrible, weil ich die Schule abgebrochen habe. ETTENAUER: Im Wirtschaftsbereich ist es normal, studiert zu haben. Im Kreativbereich braucht man das nicht.

WV: Um das Künstlerleben ranken sich viele Mythen. Ist es wirklich so?

SARGNAGEL: Am künstlerischsten war mein Leben, als ich 20 Stunden gehackelt habe und ein bisschen Lesungen und Zeug gemacht habe. Jetzt, wo ich selbstständig bin, fühlt sich mein Leben mehr wie ein Job an. Ich fühle mich die ganze Zeit wie eine Sekretärin, ständig muss ich ein E-Mail beantworten, eine Rechnung verschicken, etwas ausdrucken. Wo es zum Beruf wird, fühlt es sich nicht mehr wie Freiheit an. ETTENAUER: Du hast auch den Druck, dass du einen gewissen Betrag jedes Monat einnehmen musst. SARGNAGEL: Ich komme recht gut aus, bei mir ist eher der Gedanke: Ich habe keine Ausbildung und jetzt kommt so viel auf mich zu, das muss ich alles annehmen und hamstern und dann kann ich wieder chillen. Ich bin in einer Phase, wo ich mir denke, ich muss zu allem „Ja“ sagen und hoffe halt, dass das wieder aufhört. Die Ideen hab ich ja nicht beim Termine einhalten, sondern wenn ich spazieren gehe und nix mache. So wenig weggegangen bin ich Jahre nicht. Beziehungsweise auch beruflich weggehen, ich habe eine Lesung und trinke mit den Leuten noch etwas, aber treffe halt keine Freunde mehr, weil ein Kater in der Woche reicht mir eh schon.

WV: War es euer Ziel, Teil der österreichischen Kunstwelt zu sein?

ETTENAUER: Es war kein Ziel, es ist einfach passiert. Es ist lustig, wenn ich daran denke, dass früher Journalist oder Lektor meine Traumjobs waren und jetzt hasse ich das am meisten. SARGNAGEL: Bei mir ist es auch eher durch Umwege passiert. Ich wollte als Kind Comiczeichnerin werden und später Graphikerin. Dann ist das alles ins Wasser gefallen, weil ich nicht so funktioniert habe. Das Schreiben ist zufällig passiert, ich texte gerne impulsiv, aber Auftragstexte taugen mir überhaupt nicht. Jetzt habe ich die ersten Cartoon-aufträge und denke mir wieder: das taugt mir voll. ETTENAUER: Arbeitest du jetzt regelmäßig für den Falter? SARGNAGEL: Einmal die Woche. Und ich merke, weil ich so viel zu tun habe, das ist eines der wenigen Dinge, das mir voll Spaß macht. Wo ich nicht prokrastiniere, ich freue mich immer richtig. Sogar wenn es schlecht wird, taugt es mir. Wenn ein Text schlecht wird, schäme ich mich voll.

WV: Was macht einen guten Cartoon aus?

ETTENAUER: Wenn er lustig ist. SARGNAGEL: Ich mag es, wenn Cartoons recht absurd sind. Deix ist sehr hart. ETTENAUER: Deix ist so echt. Harte Realität, aber gleichzeitig lustig. SARGNAGEL: Ja! Ich mag auch absurde Cartoons, wo man sich denkt: Ich check gar nicht worum es geht, aber ich finde es ur lustig.

WV: Welche Art von Humor findet ihr lustig?

SARGNAGEL: Bei mir ist es sehr harter Humor, sehr dark und tragikomisch. Sachen, die auch ein bisschen wehtun und nicht so netten, fröhlichen Humor. Und dann noch recht absurden Humor, wie bei Cartoons. ETTENAUER: Ich mag es, wenn es echt ist. Klischees sind ganz schlimm. SARGNAGEL: Ja, so vorhersehbar auch. ETTENAUER: Voll, oder wenn du das Gefühl hast, den Witz hast du schon 20-mal gesehen. Harmlosen Humor finde ich auch schlecht. Gut ist, wenn man das Gefühl hat, dass der, den es trifft, es verdient hat, sich über den lustig zu machen. Ich mag auch absurde Sachen, wobei ich davon gerade ein bisschen wegkomme. Ich persönlich mag es, aber wir merken, dass die Leute nicht so darauf abfahren. SARGNAGEL: Ja, das ist nicht so massenwirksam. Es ist eher so: Das versteh I ned.

WV: Stefanie, im Sommer hast du gepostet „ich glaub nicht, dass es zufall is, dass soviele afrikaner nach österreich kommen und plötzlich hamma 40 grad!!!“. Auch das Bananenblatt greift gesellschaftspolitische Themen humoristisch auf. Ist Humor ein geeignetes Mittel dafür?

ETTENAUER: Absolut, die Realität ist so absurd. Humor ist eine gute Art, Dinge zu verarbeiten. SARGNAGEL: Ich glaube, Humor ist generell psychologisch dazu da, mit argen Sachen klar zu kommen. ETTENAUER: Wenn es einem schlecht geht und man lacht, dann geht’s einem irgendwie besser. SARGNAGEL: Ich mag Galgenhumor in schrecklichen Situationen. Ich glaube, dass Leute in Notsituationen oft einen super Humor haben oder gerade bei gesellschaftlichen Missständen, da wird der Humor automatisch schwärzer. Manchmal bleibt dir in schlechten Situationen nix anderes über, als Humor.

WV: Habt ihr Bedenken, dass Humor ernste Themen ins Lächerliche zieht?

ETTENAUER: Manchmal schon, letztlich kann man sich aber über alles lustig machen. Man kann ja alles humorvoll betrachten. SARGNAGEL: Ich weiß gar nicht, das sind so andere Ebenen. Ich finde eher, das betont die Sachen. Man lacht es nicht weg. ETTENAUER: Oft werden dadurch auch andere Leute erreicht. Ich kriege manchmal einen politischen Skandal gar nicht mit und dann sehe ich, dass ein Cartoonist ein Bild darüber gemacht hat und dann informiere ich mich erst, über was der jetzt eigentlich einen Witz macht. Somit wird die Spaßgesellschaft auch auf Dinge hingewiesen, die scheiße sind und passieren.

WV: Hat Humor auch Grenzen?

ETTENAUER: Ja. Es sollte schon sehr lustig sein, wenn du irgendwen fertig machst. Und auch gerechtfertigt. SARGNAGEL: Humor sollte nach oben und nicht nach unten ziehen.

 


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