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Richard Schuberth: Von österreichischen Türken und getürkten Österreichern

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

Mein Vater erzählte mir immer wieder die wahre Geschichte von dem Innviertler Bauernburschen bei der Stellungskommission. „Woher kommst du?“, fragte der Kommissar. „Aus Öd.“ „In welchem Bezirk liegt das?“ „Woaß i net.“

„Weißt du wenigstens, zu welcher Gemeinde Öd gehört?“ „Woaß i net.“ Der Beamte atmete tief durch. Nach einer Weile hatte er eine Idee. „Wo fahrt’s ihr denn hin, wenn ihr auf ein Amt müsst?“ Der Bauernbursche dachte eine Weile nach, lächelte schließlich und sprach: „Eing’sperrt werd’n ma z’Passau.“ Solch ein Prachtkerl, der nur sein Dorf kennt und dessen einzige Erfahrung mit den Institutionen der Nation negative sind, nämlich wenn er nach der Wirtshausschlägerei „eing’sperrt“ wird, ist ein denkbar schlechter Kandidat für jegliches Nationalgefühl.

Zeit- und Ortswechsel. Fahrkartenkontrolle. Glücklicherweise hatte es diesmal nicht mich erwischt, sondern den Kollegen zwei Sitze vor mir. Der Kontrolleur sprach ihn höflich mit Herrn Özdemir an. Eine ältere Frau mischte sich, als sie das hörte, ein: „In Istanbul können’s auch net gratis fahren.“ Da gab ihr Herr Özdemir zu verstehen, dass er Österreicher sei wie sie. Der etwas verwirrten Frau fiel nichts ein, deshalb schüttelte sie bloß den Kopf und suchte mit ihren Blicken nach Verbündeten ihres Unverständnisses, dass sich ein Türke als Österreicher bezeichnen dürfe.

Die werden vielleicht wirklich zu Türken, wenn du nur solche in ihnen siehst, und lassen sich aus Trotz in die Schublade stampfen, die Herr Atatürk gezimmert hat und Herr Erdoğan uns von hinten in die Kniekehlen schieben will.

Ethnische Stereotypen haben viele Funktionen. Im alltäglichen Verkehr helfen sie zum Beispiel, einander einzuschätzen. Je simpler und konstruierter, desto einfacher. Herr Özdemir und Frau Sedlacek können dann einander sofort in die Schubladen eines Regalsystems stecken: „Schnitzel/Unfreundlichkeit/Nieder- und Volkstracht/Impotente Reich-, aber Weicheier“ versus „Hammelgrill/Allahu akbar/viel Frauenunterdrückung, Kinder, Ehre, Augenbrauen, Stolz & Kebap“. Aber Mustafa Özdemir könnte Elfie Sedlacek auch Folgendes sagen: „Horch zu, Elfie, all die Armenier, Lazen, Kurden, arabischen Christen, Türken, die alewitische Sozialarbeiterin, der Istanbuler IT-Student;

Kerim, der Imster Spengler mit dem Tiroler Dialekt, der wie Andreas Hofer aussehen würde, ließe er sich einen Dschihadistenbart wachsen; Derya, die selbstbewusste Kopftuch-Klassensprecherin, die Ottakringer arbeitslosen Grätzel-Strawanzer, die Kleinunternehmer aus Mittelanatolien, die nur Erdoğan verehren, weil Strache sie nicht mag, und der Künstler aus Ankara auf der Angewandten, der sowieso mit dem Scheiß nix zu tun und nur seinen Joint haben will, diese Mitmenschen, deren Unterschiede so vielschichtig sind, dass dir, liebe Elfie, schwummrig im Köpferl würde, die werden vielleicht wirklich zu Türken, wenn du nur solche in ihnen siehst, und lassen sich aus Trotz in die Schublade stampfen, die Herr Atatürk gezimmert hat und Herr Erdoğan uns von hinten in die Kniekehlen schieben will.“

Wenn’s uns fragen, welcher Nation wir angehören, sollten wir alle wie der wackere Innviertler am Anfang der Kolumne wie aus einer Kehle antworten: Woaß i net.

Und da Mustafas Schlussmonolog sehr unwahrscheinlich sein dürfte, ist eh schon alles wurscht und lassen wir deshalb Rudi, den Kontrolleur, noch eins draufsetzen: „Richtig, Musti, und überhaupt, wenn’s uns fragen, welcher Nation wir angehören, sollten wir alle wie der wackere Innviertler am Anfang der Kolumne wie aus einer Kehle antworten: Woaß i net. Und wenn man uns dann fragt, welche Behörde sich um uns kümmere, sobald wir uns gegen all die Lügen und Lügner erheben, die uns zu verwalteten Trotteln machen, künstliche Identitäten aufdrängen und gegeneinander ausspielen wollen, all die Lügen, die eine komplizierte Wirklichkeit, so schillernd wie der Regenbogen, der uns in eine bessere Zukunft leuchten könnte, zu nationalen Legosteinen einschmelzen, dann werden wir erwidern: Eing’sperrt werden ma im Landesgericht!“ 


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