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„Revolutionen werden in Wien nicht so schnell gestartet“

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

WIENER VIELFALT traf die Moderatorin Arabella Kiesbauer und den Gastronomen Bernd Schlacher in einem von Schlachers Lokalen, dem Motto am Fluss. Unsere Redakteurin Magdalena Summereder sprach mit den beiden über das Leben in Wien, Entwicklungspotenziale der Stadt und die österreichische Medienlandschaft.

Interview: Magdalena Summereder | Fotos: Igor Ripak

Woher kennen Sie beide sich eigentlich?


ARABELLA: Eigentlich noch über das alte Motto. Mit 16 Jahren habe ich mich von zu Hause weggeschlichen, um tanzen zu gehen. Meine Freundin und ich hatten aber spätnachts immer Hunger und da gab es für uns damals nur ein Lokal: Das Motto im 5. Bezirk. Wir haben immer ein Achtel Samos getrunken und uns eine Portion Tortelloni geteilt. BERND: Genau, aus dem Motto. Und dann später aus dem Fernsehen.

Was bedeutet Ihnen die Stadt Wien?


BERND: Als ich mit 15 Jahren aus der Steiermark nach Wien kam, war das natürlich eine große Stadt für mich. Jetzt, im Nachhinein gesehen, war es damals eine sehr graue Stadt. Mit wenig Vielfalt. Ich habe schon früh im Ausland gelebt, zum Beispiel in New York, was eine unglaublich tolle Stadt in den 80ern war. Aber New York hat sich meines Erachtens nicht weiterentwickelt. Die junge Szene wurde ausgelöscht, da alles extrem teuer ist, die Künstler können sich nichts mehr leisten und ziehen weg. Und da hat sich Wien im Vergleich enorm entwickelt und ist wirklich eine bunte Stadt geworden. ARABELLA:  Ich liebe Wien, ich bin Wienerin, hier geboren und aufgewachsen, habe aber auch viele Jahre im Ausland gelebt und bin immer sehr gerne wieder zurückgekommen. Ich finde es unglaublich gemütlich hier in Wien. Aber wenn du die Welt erobern willst und Mauern niederreißen möchtest, dann ist Wien nicht die richtige Stadt. Wien hat so etwas Einlullendes, weil es einfach so wahnsinnig schön und gemütlich ist. Man isst gerne, man trinkt gerne, man sitzt gerne und man redet gerne. Revolutionen werden in Wien nicht so leicht in Angriff genommen. Für junge Leute ist es meiner Meinung nach schon sehr gut, wenn sie auch einmal weggehen.

Stichwort Revolution: Derzeit wird das Thema Radfahren, auch in Zusammenhang mit der Umgestaltung der Mariahilfer Straße, heiß diskutiert. Wie halten Sie es damit?


ARABELLA: Das machen wir lieber am Land. Wobei es in Wien wunderbare Möglichkeiten gibt. Früher haben wir traumhafte Touren gemacht, zum Beispiel im Wienerwald. BERND: Ich bin Auto- und Radfahrer, aber ich habe beschlossen, sehr viele Wege in der Stadt mit dem Fahrrad zu machen. Die Einstellung der jungen Leute ist heute auch ganz anders als in meiner Generation. Früher war ein Auto ein Statussymbol, heute haben die Leute lieber ein lässiges Fahrrad, mehr Zeit und weniger Kosten. Finde ich super. Deshalb habe ich mich auch für die Fußgängerzone auf der Mariahilfer Straße stark gemacht. (Anm.: Bernd Schlacher initiierte damals die Homepage „Für die Mariahilfer Straße“.)

Zufrieden mit der jetzigen Mahü?


BERND: Ich bin großteils zufrieden. Aber ich warte mit meinem Urteil, bis sie ganz fertig ist. ARABELLA: Das wächst vielleicht noch. BERND: Genau, lassen wir uns überraschen. Als das MQ entstand, war das am Anfang furchtbar, die Leute haben nur geschimpft. Und was dort inzwischen entstanden ist, ist super und einzigartig. ARABELLA: Man kann sich das heute gar nicht mehr anders vorstellen. Das ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden und wirklich zu einem Aushängeschild der Stadt. Und wahrscheinlich haben damals am Anfang auch alle Zeter und Mordio geschrien.

Ist Wien innovationsfeindlich?


BERND: Nein. Wie es Arabella vorher gesagt hat: Wir sind halt sehr gemütlich. Ich glaube, dass es uns in Österreich oder in Wien sehr gut geht. Nicht allen, aber dem Großteil. Wir sind wahnsinnig abgesichert. Bei uns gab es früher noch ein bisschen mehr Aufbruchstimmung, ein bisschen mehr Gas geben. Jetzt brauchen wir uns nicht so anstrengen, es ist eh alles easy-cheesy. ARABELLA: Und so lang die Wiener was zum Essen und zum Trinken haben… BERND: Und was zum Raunzen. ARABELLA: Das sowieso. Das gehört dazu.

Der Donaukanal wird ja immer mehr zu einer In-Szene. Als Sie das Motto am Fluss vor vier Jahren eröffneten, war das noch nicht so.


BERND: Das Lokal ist von Anfang an gut gelaufen. Aber ich glaube, wir haben sehr viel dazu beigetragen, dass die Leute hierherkommen, schauen und entdecken. Weil das hier ja nicht wirklich schön ist. Das wurde nie so angenommen. Und jetzt ist das eine urbane Gegend, im Motto am Fluss sind vom Bundespräsidenten angefangen die verschiedensten Leute Stammgäste. Und das ist das Schöne. Es ist so wichtig, dass sich gemeinsam etwas ergibt. ARABELLA: Dadurch, dass wir hier gewohnt haben, war das schon immer ein Naherholungsgebiet für uns. Ich bin am Donaukanal schon in der Sonne gelegen, da war ich noch die Einzige. Aber es war trotzdem natürlich eher eine tote Zone und das ist es mittlerweile nicht mehr. Der Donaukanal bietet sich ja wirklich an, er liegt mitten in der Stadt und bietet doch eine kleine Fluchtmöglichkeit aus dem Alltagsstress. Gut, dass er mittlerweile endlich genutzt wird.

Frau Kiesbauer, Sie wurden 2013 mit dem Goldenen Verdienstzeichen als Kulturvermittlerin für Ihr Engagement im Bereich Integration ausgezeichnet. Nach wie vor sind Menschen mit Migrationshintergrund im Fernsehen unterrepräsentiert. Warum glauben Sie, dass das so ist und wie sehen Sie das?


ARABELLA: Zu meiner Anfangszeit war das vollkommenes Neuland für Menschen mit sichtlich bemerkbarem Migrationshintergrund. Und ich kann mich erinnern, dass meine Anfänge im Fernsehen auch mit einer ziemlich großen Aufgregung verbunden waren. Im Großen und Ganzen aber im positiven Sinn. Seitdem hat sich schon einiges getan, muss man ehrlich sagen. Aber natürlich sind Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich immer noch unterrepräsentiert, wenn man sich das tatsächliche Verhältnis in der Bevölkerung mal ansieht. Es ist wichtig, dass wir sichtbar sind und da passiert  zum Glück auch immer mehr.

Haben Sie das Gefühl, das Thema Diversität ist in der Medienlandschaft angekommen?


ARABELLA: Da gibt es noch einen Nachholbedarf. Das ist doch manchmal eine sehr einseitige Darstellung, die eher Ängste schürt und kontraproduktiv ist für ein harmonisches und friedliches Miteinander, und das soll es ja eigentlich sein.

Die FPÖ hat bei WIENER VIELFALT Hausverbot. Wie ist das im Motto?


BERND: Ich finde es ganz schlecht, wenn man Menschen ausgrenzt. Ich würde mich aber umgekehrt auch nie auf eine Stufe stellen mit jemandem, der ausgrenzt, indem ich ihn wiederum ausgrenze. Ich kann ja auch niemandem Lokalverbot geben, das ist ein öffentliches Lokal. Außer er schreit jetzt irgendwelche Parolen oder macht etwas, das von Gesetzes wegen nicht okay ist. Man muss offen damit umgehen und man muss Probleme diskutieren, was auch unangenehm sein kann. ARABELLA: Auch Heinz-Christian Strache ist ein Mitglied unserer Gesellschaft, auch wenn er in einigen Punkten sicherlich eine vollkommen andere Einstellung hat als ich. Da muss man damit leben. Ich glaube erstens, dass beim Reden die Leute zusammenkommen und zweitens, auch viele Dinge klargestellt werden können.

Noch einmal zum Thema Diversität. Frau Kiesbauer, sehen Sie sich als Quotenfrau des ATV?


ARABELLA: So denke ich nicht und so habe ich nie gedacht. Aber als ich angefangen habe, war ich sicher als junge, schwarze Frau in vielen Punkten in einer schwierigen Situation. Ich musste mich oft gegen ältere Männer durchsetzen. Aber egal, wir alle haben wahrscheinlich in manchen Punkten ein bisschen eine Vorreiterrolle und haben für andere Mauern niedergerissen.

Wir entscheiden uns alle für das Mittagsmenü, Karotten-Ingwer-Suppe und Zander auf Rote Beete Nockerln.

 

Herr Schlacher, Sie sind in Ihrem Gebiet auch ein Vorreiter. Was würden Sie jungen GastronomInnen in Wien empfehlen?


BERND: Schaut’s in die weite Welt hinaus, macht’s es mit Herz und Liebe. Es braucht keine Rieseninvestitionen, sondern Ideen. Und dann muss man den Schritt wagen und einfach machen. Wien ist eine sehr offene Stadt, offen für Modernes. Wenn die neuen Sachen gut gemacht sind, werden sie auch angenommen.

Sie werden immer wieder als Szenewirt bezeichnet. Was bedeutet das eigentlich?


BERND: Das frage ich mich auch immer wieder. Ich kann mit dem Begriff wenig anfangen und muss immer wieder darüber lachen. Erstens einmal gibt es inzwischen tausend verschiedene Szenen, da müsste man fragen: Welche Szene eigentlich? Es amüsiert mich immer, da alle glauben, ich mache jede Nacht bis sechs in der Früh Party. Ich gehe normalerweise um halb zwölf schlafen. Aber der Begriff Szenewirt bleibt mir wahrscheinlich picken, bis ich 80 bin. Sollte ich irgendwann ein Altersheim betreiben, dann bin ich wahrscheinlich der Szene-Altersheim-Betreiber. ARABELLA: Du wirst dann wahrscheinlich eine coole Bar dort einrichten und ich komme mit dem Rollator vorbei.

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