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„Rattengift in Ecstasytabletten haben wir noch nie gefunden“

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

Während die einen arbeiten, feiern die anderen die ganze Nacht durch. Sonja Grabenhofer ist Leiterin von checkit!, dem Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen. Zwischen 50 und 100 Substanzen testet die Organisation pro Partynacht. Sie erzählt, welche Risiken der Konsum mit sich bringen kann und wie sich das Konsumverhalten in der Wiener Partyszene verändert hat.

Interview: Alicia Prager

Die Organisation checkit! bietet Beratungsgespräche zum Thema Drogenkonsum an und ist immer wieder auf Partys mit Infoständen dabei, bei denen man Substanzen testen lassen kann. Ist es oft so, dass Drogen andere Inhaltsstoffe enthalten, als sich die Konsumierenden erhoffen?

SONJA GRABENHOFER: Ja. Der Drogenmarkt ist ein Schwarzmarkt. Es gibt keine Regeln und keine Kontrollmechanismen. Daher ist es für KonsumentInnen nicht nachvollziehbar, was sie kaufen. Wenn sie beispielsweise glauben, dass sie Ecstasy oder Speed kaufen, heißt das nicht, dass nur das in den Tabletten oder Pulvern ist, was sie erwarten. Wie häufig die erwarteten Inhaltsstoffe enthalten sind, variiert sehr stark. Es bewegt sich in einem Spektrum von 60% bis hin zu nur 10% der erwarteten Inhaltsstoffe.

Was sind dabei die größten Gefahren?

GRABENHOFER: Ich spreche gerne von Risiko. Das Risiko steigt in dem Moment, in dem man nicht weiß, was in einer Tablette enthalten ist. Erstens, kann beispielsweise die Wirkung ganz anders sein. Das kann für die Psyche sehr schwierig zu verarbeiten sein. Wenn Glücksgefühle erwartet werden und man sich auf einmal aber total gedämpft fühlt und der Kreislauf herunterfährt, kann das Angst machen. Es kann aber auch sein, dass mehrere unerwartete Substanzen enthalten sind, die Wechselwirkungen haben, die den Körper, z.B. das Herz-Kreislauf-System, sehr schwer belasten. Darüber hinaus können auch sehr hohe Dosen enthalten sein und es kann zu einer Überdosis kommen.

Wie sieht es im Moment mit den Mischverhältnissen aus?

GRABENHOFER: Momentan beobachten wir vor allem bei Ecstasy, dass sehr viele hoch dosierte Tabletten im Umlauf sind. Die KonsumentInnen fragen uns dann oft: Ist das so schlecht? Wir müssen aus fachlicher Sicht sagen, dass es gerade bei diesen hoch dosierten Ecstasy-Tabletten sehr schnell zu einer Überdosierung kommen kann, die auch zu Spitalsaufenthalten führen können.

Welche Drogen werden bei Infoständen am häufigsten abgegeben?

GRABENHOFER: Auf den Veranstaltungen, auf denen wir unterwegs sind, sind das in erster Linie Ecstasy und Speed. Die nächsthäufige Substanz ist Kokain.

Nach welchen Kriterien wird ausgesucht, auf welchen Partys checkt it! dabei ist?

GRABENHOFER: Wir sprechen viel mit KonsumentInnen und wir machen sogenannte Szenebeobachtungen. Das heißt: MitarbeiterInnen von checkit! machen sich auf ausgewählten Partys ein Bild, ob ein Einsatz sinnvoll ist. Manchmal werden wir auch von Veranstaltern kontaktiert.

Welche Art von Partys sind das in erster Linie?

GRABENHOFER: Ich tue mir da immer ein bisschen schwer zu kategorisieren, weil die Zuschreibung von Drogenkonsum ja auch stigmatisierend sein kann. Ich will Jugendkulturen nicht stigmatisieren und sagen: Die sind’s und die sind‘s nicht.

Werden aber je nach Art von Party andere Drogen konsumiert?

GRABENHOFER: Ich möchte hier wieder nicht einfach Menschen in Schubladen stecken. Tendenzen können aber schon beobachtet werden. Es gibt Jugendkulturen, da wird kaum „Chemisches“ konsumiert. Es gibt Jugendkulturen, da wird beispielsweise sehr viel Alkohol getrunken. Dann gibt es Jugendkulturen, in denen eher Kokain oder Ecstasy zu finden ist. Allerdings gehen wir manchmal mit einer Voreinstellung auf Veranstaltungen und glauben, die eine Substanz ist sicher im Vordergrund – und manchmal ist es dann aber ganz anders.

Weil sie Alkohol angesprochen haben: Spielt Alkohol auch bei den Beratungsgesprächen von checkit! eine Rolle?

GRABENHOFER: Immer wieder, ja, nämlich wenn es um Konsumverhalten geht. Wir geben Menschen die Möglichkeit, ihren Konsum zu reflektieren. Das gilt sowohl für illegale als auch für legale Substanzen. Ich habe das Gefühl, Alkohol wird von der Gesellschaft zunehmend ernster genommen. Es ist den Menschen heute bewusster, dass auch Alkohol eine Droge ist, mit deren Konsum wir uns auseinandersetzen müssen. In unserer Arbeit geht es um Suchtprävention – und für die Entstehung einer Abhängigkeit macht es wenig Unterschied, ob eine Substanz legal oder illegal ist.

Macht es aber für die KonsumentInnen einen Unterschied?

GRABENHOFER: Das erlebe ich immer wieder. Der Gedanke, dass alles Legale risikoarm ist und alles Illegale gefährlich und risikoreich ist, steckt in vielen Köpfen. Genau darauf zielt unsere Arbeit ab. Wir wollen mit den Menschen über ihr persönliches Konsumverhalten sprechen. Die Illegalität oder die Legalität birgt natürlich ein Risiko und ist eine Ebene des Risikos. Aber es gibt viele andere Ebenen, die für die Entstehung einer Abhängigkeit bedeutender sind, etwa warum, wie oft und in welchem Umfeld konsumiert wird. Ein zusätzlicher Risikobereich bei illegalen Drogen ist aber auf jeden Fall, dass KonsumentInnen bei illegalen Drogen nicht wissen können, was enthalten ist.

Haben sich die Motive, illegale Drogen zu nehmen, verändert?

GRABENHOFER: Im Partybereich nicht. Da geht es vorrangig um ein intensiveres Party-Erlebnis, um Rausch, um Ekstase, darum, das Gefühl zu haben, mehr vom Abend zu haben. Was uns aber in anderen Beratungskontexten auffällt ist, dass Leistungssteigerung immer mehr ein Thema wird. Um mehr Leistung erbringen zu können, werden aktivierende Substanzen, wie Kokain und Amphetamine, konsumiert, und um sich entspannen zu können, beruhigende Substanzen, das beginnt bei Alkohol und geht über Cannabis bis hin zu Schlafmitteln. Das zieht sich quer durch die Gesellschaft: SchülerInnen, Studierende, Arbeitende,…

Sie arbeiten seit 2005 bei check it!. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

GRABENHOFER: Der Markt hat sich immer wieder verändert. Es sind neue Substanzen am Markt aufgetaucht, die Prozentsätze der tatsächlichen Inhaltsstoffe haben sich verändert, es haben sich auch Konsummuster verändert – gerade was Mischkonsum anbelangt. Als ich begonnen habe hier zu arbeiten, war es noch so, dass, wenn Ecstasy konsumiert wurde, eher kein Alkohol dazu konsumiert wurde. Das hat sich in den letzten Jahren geändert.

Ist das dann besonders risikoreich?

GRABENHOFER: Ecstasy hat eine aktivierende und Alkohol eine dämpfende Wirkung. Wenn der Körper zwei Informationen gleichzeitig bekommt, ist das eine größere Belastung, die zu gesundheitlichen Schäden führen kann. Eine positivere Veränderung der letzten Jahre ist, dass Menschen besser informiert sind, dass sie unser Angebot intensiver nutzen und bereit sind, ihr Konsumverhalten zu reflektieren.

Inwiefern unterscheidet sich die Wiener Party-Drogenszene von der in anderen Städten?

GRABENHOFER: Was das  Konsumverhalten angeht, kann ich es nicht sagen. Ich habe nur den Vergleich der Analyseergebnisse der einzelnen Drug Checking-Projekte in Europa und die zeigen, dass das Angebot am Markt in Europa überall sehr ähnlich ist.

Mit welchen Motiven kommen die meisten Menschen zu Ihnen?

GRABENHOFER: Weil sie oftmals den Wunsch haben, ihr Konsumverhalten einmal mit jemandem zu besprechen. Das kann sein, wenn sie das Gefühl haben: „Mhh, das hab ich nicht mehr ganz unter Kontrolle“. Oder wenn sie schon konkret etwas verändern wollen.

Und bei den Infoständen auf Partys? Geht es da meist um die Analyse von Substanzen, die die Menschen nehmen möchten?

GRABENHOFER: Auf den Events ist das viel breiter gefächert. In der Beratungsstelle geht es meist um Konsumveränderung. Bei den Infoständen auf Partys kommen ProbierkonsumentInnen, die erst einmal oder auch noch nie konsumiert haben, bis hin zu jenen, die schon etwas verändern wollen. Wir testen an einem Abend zwischen 50 und 100 Substanzen und führen parallel dazu zwischen 200 und 500 Informationsgespräche. Da sieht man, dass auf Partys nicht nur die Substanzen getestet werden, sondern auch viele Info- und Beratungsgespräche geführt werden.

Was sind die größten Mythen rund um den Drogenkonsum, mit denen Sie konfrontiert werden?

GRABENHOFER: Ein Mythos, der sich schon sehr lange hält, ist das Rattengift in den Ecstasytabletten, das wir noch nie gefunden haben. Besonders viele Mythen gibt es um Cannabis, wie etwa: „Ein Joint pro Woche ist gesund“. Oder: „Cannabis putzt die Lunge durch“. Was absolut nicht stimmt. Weit verbreitet ist auch: „Ein Achterl Wein am Tag ist gesund.“ Das muss man eher umgekehrt sagen: „Ein Achterl ist noch nicht körperlich gesundheitsschädigend“. Aber auch hier gilt: für die Entstehung von Abhängigkeit ist die Frage: „Warum trinke ich?“ viel wichtiger.

Foto: © Daniela Klemencic


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