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Poetry Slam: Sie lieben und sie schlagen sich

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Was, bitte, soll denn das für ein Wettkampf sein? Liebe, Liebe, Liebe: „Tausend Liebe!“, ruft Moderatorin Yasmin Hafedh ins Publikum – und niemand schreitet ein. Im Gegenteil: die finden das alle richtig gut, lachen, applaudieren und alles. DichterInnenschlacht? Betrug!

Story: Konstantin Teske | Fotos: Sabine Pichler

Zur Orientierung: Fünfter Wiener Gemeindebezirk Margareten, Mitte Dezember des vergangenen Jahres im Hundsturm – einem seit zwei Jahren bestehenden und zum Volkstheater gehörenden Veranstaltungort mit Fokus auf junges und zeitgenössisches Kunstschaffen. Für den heutigen Abend ist ein Poetry Slam angekündigt, ein Format, das dem Namen nach Poesie und, so hofft man, eine Art Schlägerei miteinander verbindet.

Die Mittzwanzigerin Hafedh, in Österreich vor allem als Rapperin Yasmo weltberühmt geworden, ist eine der Moderatorinnen des heutigen Abends. Gemeinsam mit der 1975 geborenen Doris Mitterbacher, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Mieze Medusa, leitet sie durch den Abend. Mieze Medusa, eine Poetry-Slam-Pionierin, hat einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung von Poetry Slam in Österreich und vor allem in Wien geleistet. Sie ermahnt: „Respect the poets and adore the hosts.“

High Society

In dem gut besuchten, einmal monatlich stattfindenden Event („Sturm auf den Turm“), sitzen vor allem junge Menschen zwischen achtzehn und dreißig. Mieze Medusa erklärt, worum es bei Poetry Slam geht und was die ZuschauerInnen heute zu erwarten haben: „mehr Bier“ soll es heute geben, das Interesse ist geweckt, „…als Wasserglas.“ Wie jetzt? Alles nur Symbole, erklärt Mieze Medusa. Eine Bierflasche hat sie dennoch auf der Bühne stehen.

Klassische Lesungen, fährt sie fort, also jene tendenziell eher spaßgebremsten Veranstaltungen, bei denen grüblerische SchriftstellerInnen bedeutungsvoll und betonungslos ernsthafte Literatur einem angestrengt regungslosen Publikum vortragen und dabei ein Wasserglas neben sich am Tisch stehen haben – das sei des Slams Ding nicht. Poetry Slam – das ist Tanz, das ist Rausch, das ist Peformance und Spiel. „Get Me High“ war der Name jenes Clubs in Chicago, in welchem Poetry Slam Mitte der 1980er seine ersten Gehversuche unternahm um anschließend den gesamten Globus zu überrennen. Der Ablauf und die Regeln eines Slams waren den gegenwärtigen zwar ähnlich, reiften aber erst mit der Zeit zu ihrer heutigen Form.

Mach sie rasend!

Oft, wie schon erwähnt, als DichterInnenwettkampf oder –schlacht umschrieben, ist ein Poetry Slam in den meisten Fällen eine offene Bühne für Menschen, die selbstgeschriebene literarische Werke zum Besten geben wollen, meint: die ihre Texte nicht nur vorlesen, sondern angehalten sind, diese möglichst zu performen, indem sie die Lautstärke ihrer Stimme variieren, gestikulieren, mit Mimik arbeiten und theatralische Einlagen integrieren. Verboten ist allerdings, durchgehend zu singen oder Requisiten zu verwenden.

Es gab jedoch schon Versuche, diese „dont’s“ ironisch zu unterwandern: der aus Deutschland stammende Sebastian Krämer, Slammer der „alten“ Garde (er ist Jahrgang 1975), kündigte vor einem Auftritt in München im Jahr 2004 an, er werde seinen Text so schlecht singen, dass dies niemand als Gesang bezeichnen würde. Bei einem anderen Auftritt 2008 stöpselte er demonstrativ sein Mikrofon aus, müsste dieses, streng genommen, doch als Requsit gelten.

In Konkurrenz stehen die Slammer bei dieser Veranstaltung deshalb zueinander, weil sie um die Gunst des Publikums buhlen. Denn dieses kürt den besten Act, indem es besonders lange und laut applaudiert, johlt und mit den Füßen auf den Boden trampelt. Dem oder der ModeratorIn fällt es dann zu, den oder die SiegerIn „herauszuhören“ (manche VeranstalterInnen verwenden dafür sogar eigene technische Messinstrumente). Oder es gibt, wie im konkreten Fall, eine mit Punktetafeln ausgestattete und willkürlich zusammengesetzte Publikumsjury (hier bestehend aus sechs ZuschauerInnen), wobei die höchste (10: „dieser Text hat mein Leben verändert“) und die niedrigste (1: „grottenschlecht“) Wertung wie allgemein üblich jeweils gestrichen werden – „weil wir davon ausgehen müssen, dass sich ein guter Freund des Slammers in der Jury befindet – oder das Gegenteil“, erklärt Mieze Medusa.

Den Text auswendig vorzutragen ist nicht verpflichtend, erhöht aber, weil es die Theatralik verstärkt, die Chance als Sieger hervorzugehen. Der oder die GewinnerIn erhält in der Regel nur einen symbolischen Preis. Geldgewinne sind selten, vereinzelt werden Gagen bezahlt und Fahrtkosten erstattet.

Steht ein Opferlamm vorm Abgrund

In vielen Fällen ist ein Poetry Slam eine offene Bühne, was bedeutet, dass grundsätzlich jeder und jede, der oder die sich im Vorfeld – in manchen Fällen geschieht dies auch erst kurz vor Veranstaltungsbeginn – in eine Liste eingetragen hat, eigene Texte vortragen kann ohne vorher durch eine Jury bewertet und ausgewählt zu werden. Es gibt aber auch, wie im Hundsturm, Mischformen, bei denen sowohl geladene Gäste als auch SlammerInnen einer offenen Liste gegeneinander antreten. Bei den verschiedenen Meisterschaften, die regional bis weltweit ausgetragen werden, stehen alle TeilnehmerInnen vorher schon fest. Beim Sturm auf den Turm sind es acht PoetInnen, die sich bereitwillig dem Publikum zum Fraß vorwerfen. Vom unerprobten Neuling bis zu den gegenwärtigen Ikonen der deutschsprachigen Szene sind alle vertreten.

Anmelden konnte man sich bis zwei Tage vorher, über die Teilnahme und die Reihenfolge der Auftritte entscheidet das Los. Für einen Auftritt gibt es bei Slams immer ein Zeitlimit. In vielen Fällen sind das fünf Minuten plus fünfzehn Sekunden Toleranzzeit, so auch im Hundsturm. Braucht man länger, gibt es Punkteabzug. Bevor der eigentliche Slam losgeht, wird noch ein in der Szene weitverbreiteter Brauch zelebriert, der dazu dienen soll, die Jury zu „eichen“, sie sozusagen für die folgenden PoetInnen aufzuwärmen. Hierfür wird ein oder eine als „Opferlamm“ bezeichnete DichterIn vorgeschickt, der oder die außer Konkurrenz auftritt und einen Text performt. In diesem Fall macht dies Mieze Medusa selbst mit einer Darbietung ihres Textes mit dem Titel „Cäsium 137 oder: Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert“. Darin kokettiert sie ironisch mit ihrem Alter, sinniert über Vergänglichkeit und kriegt dafür 35 von 40 möglichen Punkten. Die Menge hat sich gegen die Schlachtung entschieden.

Den richtig richtigen Anfang macht daraufhin der als Toni auftretende Wiener Anton Stevic mit seinem Text „Kumm owe zu mir“. Stevic, um die dreißig, groß, kahl und stämmig, macht ein paar einleitende Worte, sagt er sei erst seit kurzem in der Slam-Szene unterwegs und komme eigentlich vom Hip Hop (wo er unter dem Künstlernamen Alkoida auftritt).

Bei dem Text, den er vortragen will, handle es sich um die lyrics seines gleichnamigen Liedes. Zu nicht vorhandenen Beats schmettert er, rhythmisch gestikulierend, rauhe Zeilen ins Publikum die vom Leben am Abgrund erzählen, einem hoffnungslosen Sumpf aus Drogen, Gewalt und Verwahrlosung. Der Titel leitet jeweils die Strophe ein, meist gefolgt von „duat wo da deifi wohnt“. Dann werden Orte beschrieben, die man nicht unbedingt gesehen haben muss: jene „wo da Schwoche gfressn wird“, eine Welt, vor man sich nur mehr in Süchte fliehen kann, weil jeder „von dem scheiß Leben für a poa Stunden weg“ will und für einen Augeblick des Rausches, einen Moment „gföschda Freiheit“, mitunter „über Leichen“ geht. Höflicher Applaus. Die Jurywertung fällt mit 25 Punkten verhalten aus.

Deine Mutter! ist voll nett

Wir alle wissen: nur weil man mit jemandem verwandt ist, bedeutet das noch nicht, dass man einander bedingungslos liebt. „Die Rap- und die Slam-Szene sind leider ein bisschen getrennt“, bedauert Mieze Medusa, selbst auch Rapperin, und analyisiert: „Poetry SlammerInnen tendieren oft zu einem gewissen Understatement“, wollen eher bescheiden, nett und freundlich wirken. „RapperInnen hingegen neigen dazu, möglichst groß und übertrieben selbstbewusst aufzutreten“: ein Gestus, der bei vielen ZuschauerInnen nicht so gut ankommt.

Der nächste Teilnehmer heißt Florian Supé und wirkt wie der lebende Beweis von Mieze Medusas These: zurückhaltend, fast schüchtern, kommt der schlaksige Mann mit Brille und dunkelblondem Kinnbärtchen auf die Bühne; Rampensau sieht anders aus. Supé ist aus Graz angereist und somit der einzige Nicht-Wiener unter den österreichischen TeilnehmerInnen: „Ich bin die Bundesländer“, scherzt er. Sein Text trägt den Titel „Das Ertragen“.

Darin beschreibt er aus der (bei Poetry Slams häufig gewählten) Ich-Perspektive eine Zerrissenheit zwischen Nostalgie und Weltschmerz. Ein gebeuteltes Ich, das vor dem medialen Bildertsunami einer scheinbar hoffnungslos verrohten Welt – „Tod, Hass, Propaganda!“ – zurück in eine sorglose Kindheit fliehen und „vor dem Einschlafen mein Alles-wird-gut“ hören will, sich aber immer wieder dazu zwingt, den live-ticker des Elends zu verfolgen. So geht das eine Weile dahin, bis dieses Ich zu dem Schluss kommt: am besten erträgt man sich „wenn man es nicht allein tun muss“ und Trost darin findet, sich anderen Menschen mitzuteilen. Zusammen ist man weniger allein also. Nachvollziehbar. Das wird honoriert, Supé bekommt über dreißig Punkte.

Keine Angst, kleiner Mann!

Als Begründer von Poetry Slam gilt der 1949 geborene US-Amerikaner Marc Kelly Smith aus Chicago, der die meiste Zeit seines Lebens auf Baustellen arbeitete. Politisch links, wollte Smith Mitte der 1980er ein Format schaffen, das Literatur zurück auf den Boden holt und sie dem „kleinen Mann von der Straße“ zugänglich macht. Literatur solle nicht bloß ein Zeitvertreib von Eliten sein, vor der DurschnittsbürgerInnen ängstlich zurückschrecken. Als überzeugter Demokrat wollte Smith, dass sich alle Menschen am Geschenk der Literatur erfreuen können sollen.

Von den USA ausgehend, schwappte Poetry Slam nach Europa. Mitte der 1990er gab es erste Veranstaltungen unter diesem Namen in Deutschland, ein paar Jahre später begann das Ganze auch in Österreich. Die deutschsprachige Szene gilt nach der englischsprachigen als die zweitgrößte weltweit, an über 130 Orten finden hier regelmäßig Slams statt. Deutschsprachige Meisterschaften erreichen laut VeranstalterInnen schon mal 15.000 ZuschauerInnen.

Ebenso gibt es heute zahlreiche davon abgeleitete Formate: Drama-Slams, bei denen Minidramen aufgeführt werden, Tagebuch-, Dialekt-, Kurzfilm-, Science- oder Gebärdensprachen-Slams, bei denen man ohne Stimme, sondern nur mittels Gestik und Mimik versucht, das Publikum zu beeindrucken.

Jeden dritten Donnerstag laden Mieze Medusa (links) und Yasmin Hafedh zum Poetry Slam - eine Art DichterInnenwettkampf - in den Hundsturm.

Von Mieze Medusa servierte Beats sollen vor dem Slam Stimmung schaffen und sie in der Pause nicht absacken lassen.

Jonas Scheiner während seiner Performance in der Finalrunde.

Julian Heun schreckt nicht davor zurück, selbst die Götter der Literatur herauszufordern.

Elias Hirschls Texte sind deftig mit Sarkasmus gewürzt - da kann einem das Lachen schon mal im Hals stecken bleiben.

Die versammelte Poetry-Mannschaft, v.l.n.r: El Awadalla, Samuel Kramer, Elias Hirschl, Florian Supé, Yasmin Hafedh, Jonas Scheiner, Julian Heun, Theresa Hosta, Anton Stevic und Mieze Medusa.

Bis einer heult

Die 19-jährige Studentin Theresa Hosta, noch relativ Slam-unerfahren, quirlig und zierlich, ist an der Reihe. Nervosität lässt sie sich keine anmerken. „Mama, ich mag nicht mehr“: eine Tochter klagt ihrer Mutter ihr Leid; alles ist irgendwie anstrengend, überall ist es viel zu laut, außerdem urviele Prüfungen auf der Uni und obendrein schaun die Leute in der U-Bahn alle so grantig. Zum Glück ist Mama die Beste: „Ein Kampf ist erst dann ein verlorener Kampf, wenn du nicht mehr kämpfst“, sprach sie und es ward – 33 Punkte.

Nächster: der in Wien lebende gebürtige Deutsche Jonas Scheiner, Mitte zwanzig, der noch nicht mal im Internet ohne irgendeine Mütze auftritt. Man merkt: der macht das nicht erst seit gestern; mit vollem Körpereinsatz beschreibt er einen Beziehungsstreit. Knallende Türen, gegenseitiges Anschreien, Geheule – mit alles. Scheiner lebt wohl schon eine Weile in Österreich und scheint das hättiwari-Prinzip zu kennen, denn sein Text kreist beständig um den melancholisch-sehnsüchtelnden Konjunktiv „wenn heute noch gestern wär‘“. 36 Punkte.

Die letzten beiden Beispiele dürften deutlich gemacht haben: diese PoetInnen saugen ihre Inspiration aus den Höhen und Tiefen des daily life, wo Nägel noch mit Köpfen gemacht werden. Der klassische Poetry Slam, vielleicht weil dort oft „alltagsnahe“ Texte performt werden, die nicht in einer hohen Kunstsprache geschrieben sind, zieht vor allem junges Publikum an: als das die ersten PädagogInnen merkten, haben sie Blut gerochen.

Fährt ein wie Rilke

Große Hoffnung Einstiegsdroge: Petra Anders hat die Jugend noch nicht aufgegeben. Die deutsche Medien- und Literaturdidaktikerin hat mehrere Bücher über das Format Poetry Slam verfasst und ist unter anderem die Begründerin der U20-Slams in Deutschland. Manche ihrer Werke richten sich an DeutschlehrerInnen, von denen viele ihre SchülerInnen schon im Abstumpfsumpf des Unterschichtenfernsehens verloren glaubten. Anders ist eine Lichtbringerin, die viele hoffen lässt, dass dieses so leichtfüßig dahertänzelnde Event Jugendliche für Literatur begeistern, sie anfixen könnte – und sie vielleicht eines Tages gar zu den als schwer verdaulich verschrieenen Klassikern greifen, ja: abhängig werden lassen könnte.

Einige der im Hundsturm anwesenden SlammerInnen sind mit „hoher“ Literatur durchaus vertraut. Moderatorin Yasmin Hafedh, die selbst Slammerin ist, hat schon in ihrer frühen Jugend Schiller verschlungen: „Ich war ein urkomisches Kind: die Theaterstücke natürlich, aber auch Zeitdokumente und Briefe – alles hab ich mir reingezogen“, sagt sie. Auf den Alben ihres Rap-Alter-Egos Yasmo finden sich in manchen Liedern Anspielungen an dieses Idol.

Oder der aus Berlin angereiste Julian Heun, der 2014 knapp einhundert Auftritte als Slammer oder Moderator absolviert hat, so ziemlich alle Szene-Preise gewonnen hat und 2013 seinen ersten Roman („Strawberry Fields Berlin“) im renommierten Rowohlt-Verlag veröffentlicht hat. Seine KritikerInnen scheinen in puncto Heun-Hochloben selbst im Wettbewerb zueinander zu stehen: „Poetry-König“, „Wunderkind“, „Ausnahmebgabung“, „Subtilität, die an Rilke erinnert“. Heun mischt in seinen Texten veraltete Ausdrücke mit neuzeitlichen Begriffen, imitiert ironisch traditionelle Versmaße oder parodiert auch mal ganz unehrfürchtig Gedichte des ewigen Godfathers Goethe.

Wieder andere, wie der 20-jährige, aus Wien stammende, Philosophiestudent Elias Hirschl, dessen erster Roman im Februar erscheint, lassen sich unter anderem von den verstörend absurden Beschreibungen Franz Kafkas inspirieren: „Mein Anspruch ist oft der, dass ich das Publikum verwirre, verschrecke oder irritiere, um es zum Nachdenken zu bringen“, sagt er. Mit seiner Band „Hirschl“ trat er (wie übrigens auch Hafedh und Mieze Medusa) schon, in seinem Fall sogar zwei Mal (2011 und 2012), beim FM4-Protestsongcontest auf, 2011 mit dem Song „Gegenwärter“. Der Plan ging auf, die Jury verstand nicht ganz, worauf das Lied hinaus will. Was aber nicht alle gleichermaßen störte, ist ja immerhin Kunst – die darf das. Hirschl, der eigentlich schon von der Bühne abgegangen war, tritt, einen Fön in der Hand, nochmals auf die Bühne und verkündet: „Ich bin kein Hardrocker, aber ich hab‘ einen Haartrockner.“

Knalleffekt

Das Wort ist stärker als das Schwert, heißt es. Aber wer bitte kämpft im 21. Jahrhundert noch mit dem Schwert? „sie zieht den ring, wirft die erste granate, zieht den ring, wirft die zweite granate. (…) krachen, schreien, blut, rauch.“ So geht das heute. Das Zitat ist ein Ausschnitt aus einer Kurzgeschichte der 58-jährigen, ebenfalls beim Slam auftretenden Schriftstellerin El (für Elfriede, Anm.) Awadalla, erschienen in ihrem Buch „wienerinnnen. geschichten von guten und bösen frauen“.

Um die Erzählung kurz zu umreißen: Gretl, über achtzig, seit jeher politisch engagiert und Friedensaktivistin („pazifistin war sie aber nicht. dazu hat sie zu viel erlebt.“), muss miterleben wie ihre ebenfalls betagte Nachbarin eines Wintertages tot in deren Wohnung aufgefunden wird. Erfroren, weil sie die Heizkosten nicht mehr bezahlen konnte. Für Gretl ist klar: „schuld am tod der nachbarin ist natürlich die rechte regierung mit ihren vielen sozialen verschlechterungen“. Gretl beschließt: es muss ein Zeichen gesetzt werden. Sie besorgt sich Handgranaten, marschiert ins Parlament und – siehe oben. Das Buch erschien im Herbst 2006, in Österreich regierte damals die schwarz-blaue Regierung unter ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Zwischen 2000 und 2007 war Awadalla Mitveranstalterin von insgesamt 364 „Widerstandslesungen“ gegen diese Regierung.

Sicher wäre es eine infame Unterstellung, behauptete man, dass Martin Graf von der FPÖ eineinhalb Jahre brauchte, um die knapp vierseitige Geschichte zu lesen. Jedenfalls stellte er erst im März 2008 eine parlamentarische Anfrage „betreffend der Autorin El Awadalla und ihrer Publikationen“. Darin zitiert er unter anderem die erwähnte Passage und folgert daraus, dass diese Geschichte „als Anleitung zum Terror verstanden werden könnte“. Die Anfrage blieb für Awadalla nicht ohne Konsequenzen: „Dem Verkauf meines Buches war das sehr förderlich“, sagt sie.

Nach dem Attentat stellt sich die Protagonistin Gretl vor einen der Parlamentswachmänner und bekennt sich zu dem Attentat. Der schiebt sie beiseite mit den Worten: „geh muatterl, machens platz, wir suchen einen terroristen“. Awadalla ging es darum, zu zeigen wie wenig alte Frauen im öffentlichen Leben wahr- und ernstgenommen werden – und dadurch de facto „unsichtbar“ sind.

Bitte wie hast du meine Freundin gerade genannt?

Awadalla kommt ursprünglich aus dem Burgenland, lebt aber seit Jahrzehnten in Wien. Sie ist Verfasserin mehrerer Bücher, Romane, Dialog- und Gedichtbände, ist Vorsitzende der Österreichischen DialektautorInnenvereinigung und schreibt teilweise auch selbst im Dialekt. Heute liest sie unter anderem aus ihrer (wie sie behauptet zwar leicht bearbeiteten, jedoch nicht frei erfundenden) 2012 erschienenen Dialogsammlung „Seawas, Grüssi, Salamaleikum“, Untertitel: „Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn“; Clash-Literatur vom Feinsten. Bei Awdalla prallen Welten aufeinander – Sprachwelten, soziale Schichten, Weltanschauungen.

Über 1,80 Meter groß, ist sie eine imposante Erscheinung. Weil sie ihre Texte nicht auswendig vorträgt, ist ihr Auftritt mehr eine Lesung mit szenischen Elementen denn eine Performance. Zwar imitiert sie verschiedene Sprechweisen, macht aber ansonsten kein großes theatralisches Tamtam.

In ihrem U-Bahn-Dialog beschreibt sie Jugendliche an der U6-Haltestelle Burggasse/Stadthalle, die gerade beschlossen haben: „gemma lugna!“. Einer von ihnen rempelt versehentlich einen älteren Mann an und entschuldigt sich sogleich dafür. Der Mann antwortet lakonisch-milde: „Bidtsche“, soll heißen: keine Ursache. Plötzlich ist Feuer am Dach: „oida du saxdt ned bitsch zu meina freindin“, erregt sich einer der Jugendlichen. Irgendwann klärt sich das Missverständnis auf, die Wogen glätten sich. 34 Punkte.

Es darf auch ruhig mal kitschig sein

Je größer Poetry Slam wurde, desto mehr erregte es auch die Aufmerksamkeit von VertreterInnen des etablierten Literaturbetriebs. Manche von Ihnen finden anerkennende Worte. Das angesehene Goethe-Institut schickt SlammerInnen zu Poesiefestivals in die ganze Welt. Einige aber erkennen Slam-Texte oder Slam-Poetry (obwohl eigentlich nicht von einer einheitlichen Charakteristik gesprochen werden kann) nicht als Literatur an, sondern bezeichnen diese pauschal als unoriginelle und plumpe Unterhaltung, die sich dem Massengeschmack anbiedert und es sich in „humoristischer Gemütlichkeit“ eingerichtet hat.

„Tausend Kitsch!“, schmetterte es sinngemäß der 1968 geborene deutsche Schriftsteller Boris Preckwitz 2014 der Szene entgegen und legte eine lange Liste von Kitsch-Definitionen vor. Kitsch „suhlt sich im Sentimentalen“, kann „gerade noch „liken“, aber hat keine Kennerschaft für das Meisterhafte“, ist „selbstgefällig“, „sucht die Billigung des Publikums auf eine Weise, die sich billig macht“ und zeichnet sich aus durch „Kurzsatzstil und Minimalwortschatz“. Detail am Rande: Preckwitz war einer der ersten, die sich Ende der 1990er mit Poetry Slam sowohl praktisch als auch theoretisch (wie in seiner Doktorarbeit) befassten.

Mieze Medusa nimmt’s gelassen: „Das Urteil von jemandem, der behauptet er wisse in jedem Fall, was gute und was schlechte Literatur ist, finde ich sehr hinterfragbar. Poetry Slam will vor allem eines: Auftrittsmöglichkeiten für Individuen schaffen – und das erfüllt es. Innerhalb der Szene finden sich alle möglichen Leute: manche sind an experimenteller Lyrik interessiert, andere am Mainstream, einige wollen Geschichten erzählen, andere begeistern sich für Sprachspielereien. Da gibt es nichts, was es nicht gibt“, reagiert sie auf den Vorwurf.

Echte Männer dürfen auch mal scheitern

Nachdem alle acht SlammerInnen aufgetreten sind, werden die Punkte zusammengezählt und die vier Finalteilnehmer bestimmt. Ja, Teilnehmer. Ohne –Innen. Wie auch bei dieser Veranstaltung sind Männer bei Poetry Slams oft in der Überzahl (mit Ausnahme von manchen U20-Slams), weswegen Mieze Medusa besonders bemüht ist, vor allem Frauen zu ermutigen, an Slams teilzunehmen.

Der erst achtzehn Jahre alte Samuel Kramer aus Deutschland, Jonas Scheiner, Elias Hirschl und Julian Heun konnten die Jury am meisten überzeugen und treten nach einer halbstündigen Pause erneut gegeneinander an.

Elias Hirschl, der in der ersten Runde eine absurde Situation aus der Ich-Perspektive beschrieb – ein junger Mann, der einen Löffel verschluckt hat, sitzt im Krankenhaus; der Text gipfelt in dem Wortwitz, er habe den „Löffel ja nicht aus Weisheit gegessen“ – legt nun, ebenfalls in der ersten Person erzählt, ein heftiges Stück Sarkasmus vor. Seine Figur befindet sich mit einer Vielzahl von Diagnosen in der Psychiatrie, unter anderem verhalte sie sich stark „selbstgefährdend“, so das Urteil der Ärzte. Der Ich-Erzähler analysiert und zerpflückt diesen Begriff, macht sich darüber und die Behandlungsmethoden lustig, etwa indem er einen der Ärzte sagen lässt: „Aha, einer mit Suizidgefährdung. Den sperren wir gleich zu den anderen Selbstmordkandidaten, damit er aufhört, sich umbringen zu wollen.“ Gelegentlich unsicheres Lachen im Publikum. 36 Punkte.

Der erstaunlich selbstreflektierte und wortgewandte Samuel Kramer präsentiert einen, im Vergleich zu seinem Erstrunden-Text, eher leichten und verspielten Text: „Prinzessin oder: Was ich heute sage, wenn mich jemand fragt, was ich mal werden will, wenn ich groß bin“. Ein endlich zu Ende reifegeprüftes Ich sinniert über die schier unbegrenzte Anzahl an Berufsmöglichkeiten. Es könnte „Tarzan sein im Finanzdschungel“, „heilender Ritter in weißer Montur“ (Chirurg wahrscheinlich), auch eine kriminelle Karriere wird angedacht. Unterbrochen werden diese Überlegungen von gut gemeinten Ratschlägen von außen. Zu viele Möglichkeiten können auch Angst machen, „Angst, dass ich mich im Labyrinth verlaufe, dass ich mich unter Wert oder meine Seele verkaufe“. Zum Schluss ruft sich dieses Ich selbst Mut zu. Und sollte es scheitern – so what? Ebenfalls 36.

Worum es hier eigentlich geht

Jonas Scheiner kommt auf die Bühne, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden und beginnt, kindlichen Enthusiasmus nachahmend, lauthals das Lied „Eine Seefahrt, die ist lustig“ zu intonieren und klatscht sich dazu auf die Schenkel. Er steht wieder auf und beginnt in märchenonkelhaftem Ton die in Reimen gehaltene Geschichte einer Bootsfahrt zweier Freunde (Jamal und Sharif) zu erzählen, die, so will er zumindest glauben machen, aus Jux und Tollerei von der syrischen Küstenstadt Al Hamidiyyah zu einer abenteuerlichen Bootsfahrt aufbrechen: „Ja wie wär’s denn mit Europa?“ So kindlich-naiv geht es aber nicht lange.

Ein Sturm zieht auf und Sharif wird von den Fluten gepackt. Wenig später kommt heraus: die beiden traten die Reise nicht aus jugendlichem Übermut heraus an: sie sind Kriegsflüchtlinge. Weiters sind nicht bloß sie, sondern noch „ein Dutzend Gleichgesinnte (…) in einem kleinen Kutter“ unterwegs. Irgendwann gelangen sie an die Küste Griechenlands, die europäische Grenzschutzbehörde Frontex schickt sie umgehend zurück. „Der Geschichte Ironie“ ergibt sich aus einem Verweis auf den Gründungsmythos Europas. Demzufolge soll der griechische Obergott Zeus als Stier getarnt die Tochter des Königs von Phönizien gestohlen haben und mit ihr auf dem Rücken zurück nach Griechenland geschwommen sein. Der Name der Königstochter war Europa, das antike Phönizien war ein Gebiet, das in den heutigen Staaten Israel, Libanon und Syrien liegen lag. Keiner der beschriebenen Flüchtlinge kehrte lebend zurück: „Nur ihre Hoffnung sitzt noch da.“ Der Text hat getroffen, eine gewisse Beklemmung liegt in der Luft. 39 Punkte.

Julian Heun, der als letzter an diesem Abend auftritt und einen eher witzigen Text vortragen wird, muss eine Überleitung finden. Keine leichte Aufgabe. Er meistert sie indem er seinem Text eine kleine Anekdote seiner Anreise voranstellt: am Flughafen in Berlin habe die Check-in-Dame ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sein Pass abgelaufen sei, woraufhin ihm nichts besseres eingefallen sei als in quasi-kindlichem Trotz „Ich will aber trotzdem fliegen“ zu sagen. Er durfte. Sein Slam-Text, in der ersten Person erzählt, beginnt mit „Ich war ein zartes Kind, sehr zart, so sensibel! Manchmal bin ich einfach so umgefallen. Wenn mich meine Mutter fragte, wieso: „Wegen der Gefühle!““. Irgendwann beschloss dieses Kind dann „hart“ zu werden – und fing an, Gedichte zu schreiben. Heun hat die Lacher auf seiner Seite. Das Tempo seiner Erzählung steigert sich, immer wieder wirft er Wortneuschöpfungen ein. In wildem Rhythmus macht seine Erzählung mitunter gewagte Sprünge, “Wortsalven, wie aus der Kalaschnikow geschossen” (wie einer seiner Kritiker mal meinte), gehen auf das Publikum nieder. Am Ende des Textes fühlt sich das Kind von einst derart abgehärtet, dass es den Olymp der Literatur stürmt und Goethe zum Battle herausfordert. Und gewinnt. Wie auch Heun an diesem Abend, der mit 39 Punkten gleichauf mit Jonas Scheuner ist, womit beide als Sieger hervorgehen.

Ach, aber eigentlich geht es bei Poetry Slam ja nicht ums Gewinnen. Mieze Medusa: „Alle sind gleich wichtig, und jene, die mehr polarisieren oder vielleicht nicht so die Hörgewohnheiten bedienen, sind ebenso bedeutsam für das Event, wie diejenigen, die gewinnen.“ Also alle auf die Bühne und umarmen! Love is in the air.


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