DSC_0023

Wohnungsmarkt: Nur keine „Ausländer“?

01. Mai 2013 / von / 0 Kommentare

Das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen hat so manche Schattenseiten, auch in einer Stadt, die seit Jahrhunderten von Vielfalt geprägt ist. Diskriminierung und Rassismus sind auch in Wien Phänomene des Alltags und kommen in den verschiedensten Bereichen zum Vorschein. Im öffentlichen Raum, in der Politik und den Medien, bei Behörden, aber auch bei der Wohnungssuche werden Menschen aufgrund ihres Namens, ihres Aussehens oder ihrer Religion benachteiligt. WIENER VIELFALT testete den Wiener Wohnungsmarkt und stellt fest: Diskriminierungen bei der Wohnungssuche sind keine Einzelfälle. Bei 22 Prozent der Anfragen bekommt nur der  “Österreicher” eine Antwort.

Murat erzählt: „Als ich vor vier Jahren nach Wien zum Studieren kam, habe ich eine Wohnung gebraucht. Ich habe in einer Zeitung eine Wohnung gesehen, die mir gefallen hat und habe angerufen. Wegen meinem gebrochenen Deutsch fragte mich der Makler, woher ich komme. Als ich sagte aus der Türkei, sagte er ‚Ich habe keine Wohnung für Ausländer’ und legte auf.“ Dass solche Erlebnisse kein Einzelfall sind, haben zahlreiche Gespräche mit Betroffenen ergeben. So schilderte auch Ivana, eine serbische Staatsbürgerin, einen Vorfall, bei dem ihr der Makler sagte: „Aus rechtlichen Gründen vermiete ich nicht an Ausländer. Und es wird noch Jahre dauern, bis Serbien in die EU kommt.“ Ist so etwas legitim?

Das Gleichbehandlungsgesetz verbietet Diskriminierungen beim Zugang zum Wohnraum. So darf die ethnische Zugehörigkeit oder das Geschlecht kein Kriterium für die Vermietung einer Wohnung sein. Auch der Ausschluss von MigrantInnen in Wohnungsinseraten gilt als gesetzlich verbotene Diskriminierung. Leyla ist auf ihrer Wohnungssuche auf folgendes Inserat gestoßen und hat es ZARA – den Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit – weitergeleitet: „Es werden nur Single (Österreicher) genommen oder Deutsche aus der EU, keine anderwärtigen Personen aus dem Ausland…“ Nach der Dokumentation von ZARA wurde dieser Fall an die Gleichbehandlunsanwaltschaft weitergeleitet und die Entfernung des Inserates in die Wege geleitet. Solche und ähnliche Vorfälle müssen gemeldet werden, um gegen Diskriminierung anzukämpfen: Die Gleichbehandlungsanwaltschaft oder ZARA sind erste Anlaufstellen und bieten Beratung für Betroffene. Auch BeobachterInnen können Vorfälle melden, welche dokumentiert und fallweise auch vor Gericht gebracht werden.

Diskriminierung ist bei uns kein Thema. Ich habe diese Woche zum Beispiel eine Wohnung an einen Türken vermietet. Die Herkunft spielt bei uns keine Rolle. Außerdem entscheiden die Vermieter…

Der Selbstversuch zeigt: Es wird diskriminiert!

Nach zahlreichen Vorgesprächen mit Betroffenen, wollte ich es genau wissen und schickte Mustafa Sentürk, Dejan Marković und Peter Huber auf den Wiener Wohnungsmarkt. Alle drei im gleichen Alter, in der gleichen Gesellschafts- und Bildungsschicht und alle drei fiktiv. E-Mail Accounts angelegt und schon klickte ich mich durch die Inserate auf einem Onlineportal. Quer durch alle 23 Bezirke verschickte ich Anfragen für Besichtigungstermine. Zuerst fragte Mustafa, der „Türke“, wann es denn möglich sei, die Wohnung zu besichtigen. Einige Stunden später bekundete der „Jugo“ Dejan sein Interesse und am nächsten Tag erst erkundigte sich „Österreicher“ Peter nach Besichtigungsterminen. Unzählige Inserate und Immobilienfirmen bieten auf dem Onlineportal Wohnungen für jeden Geschmack. Ich entschloss mich für die Mittelklasse der Wohnungen, 40-70 Quadratmeter für 450 – 750 Euro, bevorzugt in einem der Wiener Innenbezirke. Bereits nach kurzer Zeit trafen die ersten Antworten sowie erste Angebote ein, überaschender Weise um einiges häufiger in einem Postfach als in den anderen beiden.

22% der Makler bieten nur „echten Österreichern“ Besichtigungstermine

Von den angefragten Wohnungen war ein kleiner Teil bereits vergeben, dies wurde allen drei Testpersonen in gleicher Weise mitgeteilt. In den meisten Fällen bekamen auch alle drei Personen einen Besichtigungstermin angeboten, doch man merkte eine Bevorzugung einer gewissen E-Mailadresse.

Peter Huber, der „Österreicher“, bekam auf jede Anfrage, abgesehen von den wenigen bereits vergebenen Wohnungen, einen Besichtigungstermin. In vielen Fällen machte man ihm sogar ein konkretes Angebot und manche MaklerInnen haben gar ein zweites Angebot verschickt. Während sich also das Postfach von Peter rasch füllte, trafen in den Postfächern von Mustafa und Dejan weniger E-Mails ein. Die Auswertung der Ergebnisse des Selbstversuches zeigt eine deutliche Bevorzugung von Peter Huber: in 22% der Fälle bekam nur er eine Antwort. Mehr als ein Fünftel der ImmobilienmaklerInnen traf also eine Unterscheidung allein aufgrund des Namens und folglich auch aufgrund der vermeintlichen Herkunft. Diese Annahme basiert auf der Tatsache, dass der Name der Testpersonen das einzige Unterscheidungsmerkmal war. Man kann also von Diskriminierung sprechen. Mit diesem Ergebnis konfrontierte ich die MaklerInnen und fragte nach, warum sie Peter vor Mustafa und Dejan bevorzugten. Ihre Antworten waren wenig überraschend. So versuchte sich Makler A. telefonisch zu rechtfertigen: „Diskriminierung ist bei uns kein Thema. Ich habe diese Woche zum Beispiel eine Wohnung an einen Türken vermietet. Die Herkunft spielt bei uns keine Rolle. Außerdem entscheiden die Vermieter…“

Maklerin E. betont ebenso, dass sie alle KundInnen gleich behandelt: „Ihr Mail hat mich sehr überrascht, da ich alle eingehenden E-Mails gleichwertig behandle, und niemals versuche zu bevorzugen, oder zu benachteiligen.“ Bei hunderten von Anfragen, die bei einem Wohnungsinserat eingehen, können natürlich nicht immer alle beantwortet werden. Ebenso können E-Mails übersehen werden. Dass es sich beim Ergebnis von 22% Diskriminierung im Selbstversuch um untergegangene E-Mails handelt, klingt aber unwahrscheinlich.

Makler versus Vermieter

Diskriminierung bei der Wohnungssuche geschieht öfter als gedacht und gelangt zu selten an die Öffentlichkeit. Auch die Betroffenen selbst wissen in den meisten Fällen nicht, dass sie aufgrund ihrer Herkunft für gewisse Wohnungen nicht in Frage kommen. So erzählt Eva, Österreicherin, wie sie bei einem Besichtigungstermin gemeinsam mit einer türkischen Dame war, welche sich zu jenem Zeitpunkt im Bad befand: „…dann hat die Maklerin zu mir gesagt, ja sie können die Wohnung gerne haben, weil so einer wie der (auf die Türkin bezogen, Anm.) wird sie der Vermieter eh niemals geben. Das fängt er sich gar nicht an…“ Dass einige VermieterInnen indirekt über MaklerInnen MigrantInnen vom Wohnungsmarkt ausschließen, kann auch der ehemalige Immobilienmakler Bernd bestätigen: „Ich hatte einen perfekten Kunden für eine Wohnung. Er war Akademiker, hatte ein gutes Einkommen und war sehr interessiert. Als ich das Anbot mit der Vermieterin besprechen wollte, sagte sie ‚Na, keine Neger‘ und ich musste ihm sagen, dass die Wohnung schon vergeben sei.“ Auch der Vermieter von Anna meinte bei Ihrem Auszug aus der Wohnung, als sie eine Nachmieterin oder einen Nachmieter suchen sollte: „Nur keine Ausländer!“

…dann hat die Maklerin zu mir gesagt, ja Sie können die Wohnung gerne haben, weil so einer wie der (auf die Türkin bezogen, Anm.) wird sie der Vermieter eh niemals geben. Das fängt er sich gar nicht an

Essen Sie Schweinefleisch?

Doch warum werden Menschen mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche benachteiligt? Die Antworten auf diese Frage sind so vielfältig wie die Vorurteile, die „Ausländer“ betreffen. So gestand eine Vermieterin Herrn Wolfgang, als er einen Arbeitskollegen mit türkischen Wurzeln als Nachmieter vorschlug, dass sie „Türken eher nicht in der Wohnung haben“ möchte, weil diese „gerne Leute einladen und es dann laut wird“. Andere Klischees können ebenso eine mögliche Erklärung für die Benachteiligung sein, wie zum Beispiel eine höhere Armutsgefährdung, Kriminalität oder eine große Kinderanzahl, welche alle mit MigrantInnen in Verbindung gebracht werden.

Um sicher zu gehen, mit wem es die Makler bei der Besichtigung zu tun haben, greifen sie oft auf sehr persönliche Fragen zurück, die nicht unmittelbar mit der Wohnungsmiete zu tun haben. Leyla musste unter anderem erklären, warum ihre Eltern nach Österreich gekommen sind und was sie beruflich machen. Ihr Freund musste sich gar Fragen über den Islam und seine Einstellung dazu gefallen lassen. Am besten fand er aber die Frage „Essen Sie Schweinefleisch?“.

Wir haben bei ZARA angefragt, wie viele Fälle von Diskriminierung im letzten Jahr gemeldet wurden: 2012 waren es insgesamt 46 Fälle, davon 40 diskriminierende Inserate und 6 gemeldete Diskriminierungen bei Telefonaten oder im persönlichen Gespräch mit VermieterIn/ImmobilienvertreterIn. Dina Malandi, ZARA-Mitarbeiterin, meint dazu, dass die „dokumentierten Fälle lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen. Viele Menschen in Österreich wissen einerseits immer noch nicht, dass man gegen solche Diskriminierungen rechtliche Schritte setzen kann bzw. wo man Beratung erhält, nicht wenige halten diese Schritte wiederum gar nicht für sonderlich sinnvoll, da man nur Schadenersatz einklagen kann, nicht die Zusage der Wohnung.“

Diskriminierungen bei der Wohnungssuche, aber auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, müssen gemeldet werden. Eine gültige Gleichberechtigung muss in einer Demokratie selbstverständlich sein.

(Anmerkung: Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.)


Kommentieren


8 − = 7