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Blind für einen Tag: Nichts mehr, wie es war

09. Oktober 2014 / von / 0 Kommentare

Der Raum verschwindet und gleichzeitig tut sich ein neuer, gefährlicher – weil konturenloser, unbegrenzter – Raum auf. Zuerst bewege ich mich noch auf bekanntem Terrain, in der Redaktion, ich weiß, wo die Schreibtische stehen, wo die Toilette, wo der Ausgang ist. Glaube zu wissen.

Mein Vertrauen, erworben durch Gewohnheit, ist noch nicht erschüttert, noch glaube ich, leichtes Spiel in dieser neuen Welt zu haben; man mag es Naivität nennen oder Überheblichkeit. Denn dieses Fundament ist von zweifelhafter Qualität, es wurde errichtet in einer Welt von gestern, die schon eine lange Tradition ausgebildet hatte, aus der sie ihre Sicherheiten bezog. Dass quasi über Nacht ein Umsturz stattgefunden hat, wird als kraftlose Irritation vermerkt, die an den tradierten Grundfesten abprallen muss. In Wahrheit aber ist diese plötzliche Blindheit eine Invasion, in der alle Festungen des gerade eben noch Gewesenen geschleift wurden. Es handelt sich um eine massive Fehleinschätzung der Lage; der Raum, in dem ich mich eben noch befand, existiert nicht mehr. Er hat sich ausgeweitet oder zusammengezogen, hat sein Mobiliar verschoben und Fallen aufgestellt.

Dehnübungen

Die so wohlbekannte Redaktion hat zumindest nur ein Stück weit an Vertrautheit eingebüßt, die wesentliche Orientierung funktioniert, erste Überraschungen aber bleiben nicht aus: Türen scheinen verrückt worden zu sein, plötzlich befinde ich mich in der Raummitte, wo ich glaube, noch mindestens zwei Meter davon entfernt zu sein, beim Eingang befindet sich gar keine Stufe. Erkenntnis: Meine Erinnerung ist ein Komplize, auf den man sich nur bedingt verlassen kann.

In der Mitte der Straße angelangt, höre ich von der rechten Seite ein Auto sich nähern und bekomme Stress.

Und das waren erst die Dehnübungen, die Aufwärmphase. Wir wollen raus gehen, unser Experiment auf einem Gebiet, in einem Grätzel fortführen, das grundsätzlich zwar immer noch vertraut ist, aber mit mehr tückischen Details, mehr Unwägbarkeiten auffährt. Ab hier verwende ich einen circa eineinhalb Meter langen Blindenstock, den ich, während ich mich bewege, ständig in einem Halbkreis vor mir auspendeln lasse, und der mir hilft, Gehsteigkanten und Hausmauern zu erspüren. Ich schlage vor, zu einer nahegelegenen Bäckerei zu spazieren, mit Augenlicht in normalem Gehtempo circa zehn Minuten entfernt. Ich veranschlage die doppelte Zeit dafür. Bis wir die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, wird eine dreiviertel Stunde vergehen.

 

 

Odyssee im Grätzel

Es ist ein ruhiger Abschnitt im Bezirk Alsergrund, in dem wir uns zuerst bewegen, kaum Fußgänger, kaum Straßenverkehr. Aber reich an Irritationen: Mauervorsprünge, Straßenschilder, Ausbuchtungen, Einfahrten. Dreißig Meter von der Redaktion entfernt, müssen wir die erste Straße, eine kaum befahrene Einbahn, überqueren. Meine Begleiterin vom Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich, Sina Brychta, informiert mich schon im Voraus darüber, dass ich mich zwischen parkenden Autos durchnavigieren muss. Circa in der Mitte der Mitte der Straße angelangt, höre ich von der rechten Seite ein Auto sich nähern und bekomme Stress. Brychta hält es auf. Vielleicht drei Meter von mir entfernt, höre ich den laufenden Motor, bewege mich langsam vorwärts und versuche hektisch, die Lücke zwischen den parkenden Autos zu finden, spüre den Luftzug des hinter mir vorbeifahrenden Autos.

Die Strecke zieht sich, ich verliere jedes Gefühl für Distanzen, hochkonzentriert mühe ich mich vorwärts. Alles sehr ermüdend. Ich frage Brychta nach einer bestimmten Kreuzung, die wir meinem Gefühl nach schon längst erreicht haben müssten – „noch einige Meter entfernt“, bekomme ich zur Antwort. Nach fünfundvierzig Minuten brauche ich schließlich eine erste Pause, ich nehme die Augenbinde ab und brauche eine halbe Minute, bis ich mich wieder ans Tageslicht gewöhnt habe.

Umzingelt im Untergrund

Auch das war bisher noch der vergleichsweise einfache Teil der Übung, nun geht es auf die belebteren Straßen, zur Ubahn. Es ist circa 16:00, Stoßzeit, wir gehen ein Stück die Währinger Straße in Richtung Ubahn-Haltestelle Schottentor entlang, plötzlich ist die Gehsteigkante abgeflacht – ein Zebrastreifen ohne Ampel, erklärt mir Brychta. Ob ein Auto kommt, kann ich nicht sagen, das Tosen ringsum ist schlichtweg zu laut. Wir stehen vor einer Rolltreppe, ich taste mich vor zum Handlauf, fahre vorsichtig mit meinen Füßen am Boden entlang in Richtung Rolltreppe, um deren Beginn zu erfühlen, es gelingt mir und ich warte, bis sich die Stufen wieder abflachen. Um mich herum Stimmengewirr, ich fühle mich umzingelt, habe Angst, jemanden mit meinem Stock zu treffen.

Schließlich bin ich an der Reihe, gebe meine Bestellung ab und versuche, die richtigen Münzen aus meiner Geldbörse zu holen.

Wir wollen etwas bei einer Bäckerei kaufen. Ich weiß nicht, ob jemand vor mir steht, ich höre „Sie wünschen?“, weiß nicht, ob ich gemeint bin. Schließlich bin ich an der Reihe, gebe meine Bestellung ab und versuche, die richtigen Münzen aus meiner Geldbörse zu holen und halte der Verkäuferin eine Auswahl davon hin, in der Hoffnung, dass etwas Passendes dabei ist. Sicher bin ich mir nicht. Die Verkäuferin nimmt sich ein paar Münzen, gibt mir Restgeld und meine Mehlspeise.

Weiter zum Bahnsteig, ich schnappe Gesprächsfetzen, Gerüche von Imbissständen auf. Wir warten auf die Ubahn, sie fährt ein, mit Hilfe von Brychta und meinem Blindenstock finde ich den Eingang, stelle mich ins Eck und versuche, mich kleinzumachen. Nun, nach zweieinhalb Stunden, kann ich die Augenbinde wieder abnehmen. Auf dem Heimweg merke ich, wie sich etwas in meiner Wahrnehmung verschoben hat. Sehend kann ich die Welt nun wieder abstecken und so ihre Bedrohlichkeit relativieren. Gerade weil ich wieder einen Sinn dazugewonnen habe, erscheint mir alles weniger intensiv. Als ich blind war, drang alles unkontrolliert auf mich ein – ich empfand nicht weniger, sondern doppelt.

Hintergrund

Am 9. Oktober ist der internationale Tag des Augenlichts. Der World Sight Day ist ein Tag der Bewusstseinsmachung und soll auf das Leben von blinden und sehbehinderten Menschen weltweit aufmerksam machen. Weltweit sind rund 39 Millionen Menschen blind und mehr als 246 Millionen sehbehindert – davon könnte die Hälfte mit einer simplen und günstigen Operation geheilt werden. 85% aller Betroffenen lebt in Entwicklungsländern. LICHT FÜR DIE WELT ist es ein Anliegen, im Rahmen der Aktion „Blind für einen Tag“, auf diese Umstände und das Schicksal blinder Menschen aufmerksam zu machen. Unser Redakteur Konstantin hat sich für ein paar Stunden in diese Lage versetzt und seine Erfahrungen aufgeschrieben.

Fotos: Igor Ripak  


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