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Ursula Struppe: „Nicht jeder muss Lederhosen mögen”

01. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

Ursula Struppe, Leiterin der Integrations- und Diversitätsabteilung der Stadt Wien,  im Gespräch mit WIENER VIELFALT über das Wahlrecht für alle, Verfassungspatriotismus und überholte Vorstellungen von Integration.

 Interview: Dino Šoše | Fotos: Igor Ripak

Vor kurzem feierte die MA 17 ihr zehnjähriges Jubiläum. Sind wir heute integrierter als vor zehn Jahren?

URSULA STRUPPE: Für  vielen WienerInnen ist es heute selbstverständlich, dass Leute andere Wurzeln, andere Namen haben. Ich glaube daher: eindeutig ja. Was den sozialen Zusammenhalt betrifft, ist nach meinem Eindruck in den letzten zehn Jahren schon einiges weitergegangen.

Inwiefern hat die MA 17 damit zu tun?

STRUPPE: Die MA 17 gehört für mich zu den spannendsten Abteilungen, weil die Gesellschaft sich einfach verändert und das Bewusstsein von  Internationalität zunimmt.  Ich glaube auch, dass wir gute Arbeit machen:  Unterstützung  für neu Einwandernde, oder auch Bewusstseinsbildung, Förderung von Kommunikation, wie wir es z.B. auch in den Regionalstellen tun, oder  die Wiener Charta oder die Wiener Sprachen App -, all das unterstützt und trägt dazu bei, dass man heute entspannter mit Vielfalt in Wien leben kann als vor zehn Jahren.

Laut den Ergebnissen des Integrations- und Diversitätsmonitors haben 49% aller WienerInnen einen sogenannten Migrationshintergrund. Ich nehme an, dass es in ein paar Jahren über 50% sein werden. Werden wir dann eine Magistratsabteilung für Ureinwohner haben?

STRUPPE: Als Integrations- und Diversitätsabteilung geht es ja immer um die gesamte Bevölkerung, um Inklusion und sozialen Zusammenhalt und schon längst nicht mehr um bestimmte Gruppen oder Minderheiten. Die 49 % zeigen ja, dass die Idee der Integration eine überholte Vorstellung ist, wenn man damit meint, eine kleine Gruppe in ein vermeintlich großes homogenes Ganzes zu integrieren. Diejenigen, die heute kommen, werden bereits in eine vielfältige Stadtgesellschaft  „integriert“.  Das Wort Integration drückt nicht mehr aus, worum es in Wien eigentlich geht, da ist das Wort Inklusion ein sinnvolleres Wort.

Laut den Ergebnissen des Monitors verrichten 34 % der Beschäftigten mit höherer Bildung und Abschlüssen aus Drittstatten Hilfs- und Anlerntätigkeiten. 55 % der Jugendlichen aus Haushalten aus Drittstaaten sind armutsgefährdet und MigrantInnen verdienen auch, wenn sie ihrer Qualifikation entsprechend angestellt sind, weniger als ÖsterreicherInnen. Was tut die MA 17 konkret gegen diese Diskriminierung?

STRUPPE: Die Zahlen zeigen die großen Probleme auf, die wir immer noch haben. Es liegt auf der Hand, dass es auf der einen Seite darum geht, Anerkennungen und die Nutzung von beruflichen Qualifikationen zu ermöglichen. Es geht aber auch um Diskriminierung, also z.B. um die Vorstellung, dass jemand, der einen bestimmten Namen hat, weniger gut ausgebildet ist, obwohl das möglicherweise überhaupt nicht der Fall ist. Es geht darum, Antirassismus und Antidiskriminierung verstärkt zum Thema zu machen und das wird auch unser Schwerpunkt im nächsten Jahr sein. Das muss man thematisieren und  Maßnahmen  setzen, weil Diskriminierung in Wien keinen Platz haben darf.

24 % der WienerInnen der wahlfähigen WienerInnen sind von der Wahl ausgeschlossen, im 15. Bezirk sind es gar 37 %. Wie ist die offizielle Haltung der Stadt Wien? Sollen alle Menschen, die seit fünf Jahren in Wien leben, das Wahlrecht bekommen?

STRUPPE: Wir haben ein massives demokratiepolitisches Problem. Es gab ja bereits  einen Beschluss des Wiener Landtages, der  für alle, die seit fünf Jahren in Wien leben, das Wahlrecht auf Bezirksebene ermöglicht hätte.  Das ist vom Verfassungsgerichtshof  gekippt worden, und das ist auf Wien-Ebene nicht zu ändern. Aber  ich halte es immer noch für notwendig. Dann geht es  andererseits um die Frage der Staatsbürgerschaft und der Einbürgerung, die ja in Österreich im europäischen Vergleich besonders  schwer ist.

Und was ist die Position der Stadt Wien, wenn es um die Staatsbürgerschaft für Kinder geht? Sollen alle Kinder, die in Wien geboren werden, die Staatsbürgerschaft erhalten?

STRUPPE: Meine persönliche Meinung ist, dass es auf alle Fälle sinnvoll und wichtig wäre. Wir haben in Wien einen bestimmten Prozentsatz von „AusländerInnen“, die in Wien geboren sind und Wien als ihre logische Heimat ansehen, weil sie  kein anderes Land mehr kennen, höchstens aus dem Urlaub.  Das ist  vollkommen sinnfrei.  Es gibt bessere Modelle wie etwa in Deutschland,   das  tatsächlich jungen Menschen die Möglichkeit des Sich-hier-beheimatet-fühlens mit allen Rechten und Pflichten ermöglicht  und allen Möglichkeiten der Identifikation, und zwar ab der Geburt.

Warum ist Bundesminister Kurz beim Thema Integration so laut und alle anderen so leise?

STRUPPE: Uns geht es vor allem darum, seriöse und gute Arbeit zu leisten…

Ist Bundesminister Kurz unseriös?

STRUPPE: Es geht  darum, Arbeit und Projekte für sich sprechen zu lassen.  Insofern sind wir, ja, vielleicht ein bisschen leiser, aber in der Realität des Tuns umso wirkungsvoller.

Manchmal tut Bundesminister Kurz so, als ob es vor ihm keine Integration gegeben hätte.

STRUPPE: Wien hat seit Mitte der Neunzigerjahre eine Integrationsstadträtin und das Staatsekretariat auf Bundesebene gibt es ja wesentlich kürzer. Große Städte erkennen überall in Europa Entwicklungen früher und deutlicher. Gerade mit dem Thema Migration haben wir auch früher gelernt umzugehen. Auch die MA 17 gibt es seit zehn Jahren und Verwaltungsstrukturen auf Bundesebene erst wesentlich kürzer.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Freund gesagt, dass wir seiner Meinung nach nur in eine Richtung arbeiten. Das heißt: Wir versuchen durch unsere mediale Arbeit mehr Rechte für MigrantInnen zu erarbeiten, aber er meint: Du musst Dich auch umdrehen und nach hinten schauen. Also nicht nur in Richtung österreichische Institutionen und Politik, sondern auch in Richtung MigrantInnen, weil da gibt es auch Probleme. Welche Probleme haben wir mit MigrantInnen?

STRUPPE: „Die“ MigrantInnen gibt es ja nicht. Aber wenn wir vorher über Diskriminierung und Rassismus gesprochen haben, ist es ja nicht so, dass Teile der 51 % Vorurteile haben und diskriminieren, während das bei  MigrantInnen nicht der Fall wäre.  Sondern auch unter den 49% gibt es Menschen, die gegenüber Menschen  aus anderen Herkunftsländern oder mit geringerem Einkommen Vorurteile haben oder diskriminieren. Das wäre eine völlig falsche Vorstellung, dass MigrantInnen sozusagen die Heiligen sind, die diskriminierungsfrei und weltoffen leben.

Wo kann man hier ansetzen? Wo könnte auch die MA 17 mehr leisten?

STRUPPE: Eine Ebene ist sicher die, dass wir alle einbeziehen und die unterschiedlichen religiösen und politischen Strömungen aus dem Herkunftsland einladen,  bei  gemeinsamen Projekten zusammenzuarbeiten, bei denen es um gemeinsame Ziele und gutes Zusammenleben in Wien geht.  Wir haben ja z.B. auch ein Thema mit Roma, ich habe das selber erlebt, dass bei einer Veranstaltung mit Leuten aus Ex-YU die sehr merkwürdig geschaut haben, als meine Mitarbeiterin ein paar Sätze in Romanes gesagt hat. Es geht darum auch klar zu machen, auch im konkreten Tun, dass Diskriminierung keinen Platz haben darf, weder von den sogenannten Mehrheitsösterreichern gegenüber MigrantInnen, noch von  MigrantInnen untereinander. Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass die TäterInnen von Diskriminierung durchaus ihre Wurzeln auch in anderen Ländern haben.

Gibt es Inländerfeindlichkeit?

STRUPPE: Glaube ich nicht. Es gibt sicher Menschen, zum Beispiel unter den alten Gastarbeitern, die ihre negativen Erfahrungen gemacht haben mit der Aufnahme in diesem Land. Es gibt sicher auch respektloses Verhalten von Jugendlichen, wenn Jugendliche alte Damen als Nazisau  oder so beschimpfen, dann ist das schlicht abzulehnen.  Und dann gibt es  sicher auch im Alltag  Unfreundlichkeiten, und Gehässigkeiten, das wäre ja auch ein Wunder, wenn das nicht so ist. Menschen sind höflich oder unhöflich, respektvoll oder nicht respektvoll gegenüber anderen Menschen, unabhängig davon, wo sie geboren wurden.

Gibt es wirklich Probleme mit MigrantInnen, bei denen man ansetzen muss? Ein Beispiel: Anscheinend gibt es MigrantInnen, die nicht stolz genug auf Österreich sind. Was halten Sie von dieser Kampagne?

STRUPPE (überlegt lange): In einer modernen Demokratie, in einer wie wir sie haben, kann ich sehr viel damit anfangen, was der Philosoph Jürgen Habermas „Verfassungspatriotismus“ genannt hat: Das Eintreten für Demokratie, Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Gleichheit aller vor dem Gesetz – das sind Dinge, die unverzichtbar sind für alle Menschen, die in dem Land leben. Alles, was darüber hinaus geht, sind persönliche Lebensstile und Empfindungen. Ich kann Berge mögen oder nicht, ich kann Lederhosen mögen oder nicht, das können nicht Dinge sein, die uns als Nation oder als Österreich verpflichten, oder die uns gemeinsam sein müssen – anders als  die Grundlagen der Demokratie und unsere  Verfassung.  Lassen sie mich das konkreter sagen: Ich freue mich, wenn jemand Wien schön findet oder gerne hier ist, weil ich selber leidenschaftliche Wienerin bin. Aber wenn jemand, der in Wien geboren ist, sagt, er mag Wien nicht, bin ich ihm nicht böse, und wenn jemand, der hier lebt und woanders geboren ist, sagt: Ich finde Wien auch nicht so toll, bin ich ihm auch nicht böse. Das sind Befindlichkeiten, die nicht die verpflichtende Grundlage unseres Zusammenlebens sein können.

Was müssen MigrantInnen, die nach Wien kommen, leisten? Es geht mir nicht um die Parole „Integration durch Leistung“. Aber ich muss doch irgendwelche Pflichten haben, um mich zu ,integrieren'?

STRUPPE: Es geht ja auch gar nicht anders. Jeder, der in ein anderes Land übersiedelt, muss sich dort orientieren, wie die öffentlichen Verkehrsmittel sind, er muss einen Job und eine Wohnung finden. Ich habe als Studentin ein Jahr lang in Rom gelebt und mich zuerst orientieren müssen. Auch wenn ich nach Wien übersiedle, muss ich mir überlegen, wo der nächste Supermarkt ist, der nächste praktische Arzt, et cetera. Und diese Leistung, die sowieso jeder erbringt, wenn er woanders hinzieht, ist auch keine geringe Leistung, und setzt auch ein hohes Maß an Flexibilität voraus. Ansonsten geht es um die gleichen Rechte und Pflichten, die alle Menschen haben, unabhängig von ihren Hintergründen, um unsere Gesetze, die für alle gleich gelten.  Darüber hinaus können wir uns wünschen und dafür in der Gesellschaft arbeiten, dass  andere wertschätzend mit anderen Menschen umgehen, dass sie positive Haltungen haben –   zum Beispiel Akzeptanz für Sprachenvielfalt. Im Wesentlichen geht es um die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, das ist eine der Grundlagen von Demokratie.

Laut dem Monitor haben 24,5% der MitarbeiterInnen der Stadt Wien Migrationshintergrund. Rechnet man aber die MitarbeiterInnen des Krankenanstaltsverbundes heraus, bleiben nur mehr 15,1%. Warum spiegelt sich die Stadt Wien nicht in ihren MitarbeiterInnen? Ich plädiere nicht für Quoten, aber das sind auffällig wenige.

STRUPPE: Diese Zahl bezieht sich auf die erste Generation, also auf Menschen, die selber im Ausland geboren sind. Aber es stimmt, dass der Prozentsatz gering ist und dass wir als Stadt sicherlich einiges unternehmen müssen, um eine attraktiver Dienstgeberin zu sein für Menschen mit ausländischen Wurzeln. Viele Dinge spielen dabei eine Rolle: zum Teil, dass sich Jugendliche oft nach dem Beruf ihrer Eltern orientieren und das machen wollen, was ihre Eltern oder Personen aus ihrem Umfeld machen. Wenn es da keine Vorbilder gibt, ist das schwierig. Ich glaube, dass viele überhaupt nicht wissen, welche Fülle an Berufsmöglichkeiten es in der Stadt Wien gibt, und sich daher nicht informieren und sich nicht bewerben. Und besonders wichtig wäre mir, dass sich mehr gute und begabte Leute für Berufe wie  KindergartenpädagogInnen oder SozialarbeiterInnen interessieren. Da geht es darum, mehr zwei- und mehrsprachige Menschen in diese Ausbildungen zu bringen.

Bei der Eröffnungsfeier der Integrationswoche vor einem Jahr haben Sie erwähnt, dass Sie froh darüber sind, dass das Wort Integration in unserem Projekt klein und das Wort Vielfalt groß geschrieben wird. Wann wird Ihre Abteilung umbenannt?

STRUPPE: Die Diversität als Wort für Vielfalt haben wir seit unserer Gründung im Namen. Diversität wird ja meistens gebraucht für Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung. Und das Wort Integration ist eine Brücke, die im Sprachgebrauch noch signalisiert, worum es bei uns geht, also um Migration. Aber ich gebe zu, dass wir auch interne Diskussionen darüber haben. wie sich Begriffe verändern und welche Bedeutung damit verbunden ist. Die reine Auswechslung von Begriffen führt nicht unbedingt zu einem neuen Verständnis.

Inklusions- und Diversitätsabteilung?

STRUPPE: Das wäre eine Lösung, ja.  Wie auch eine  Wiener Inklusionswoche!

Was sind die Herausforderungen in den nächsten zehn Jahren?

STRUPPE: Wir – die BewohnerInnen der Stadt und die MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung – brauchen mehr interkulturelle Kompetenz im Umgang mit Vielfalt. Da steht noch viel Arbeit vor uns. Und natürlich wird es immer notwendig sein, Programme für Neue weiterzuentwickeln, etwa was die Nutzung von Qualifikationen angeht. Die Arbeit für Antidiskriminierung wird auch immer notwendig sein.  Und die Arbeit für Inklusion in einem breiten Sinn, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

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