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“Mit Humor kann man gut böse sein”

12. November 2015 / von / 0 Kommentare

Der eine macht Rap, der andere Jazz. Der eine schreibt auf Hochdeutsch, der andere im Dialekt. Rapper Gerard und Slivo, Sänger von 5/8erl in Ehr‘n, bewegen sich zumindest künstlerisch in verschiedenen Sphären. Beim Essen kommen aber bekanntlich die Leute zusammen und unterhalten sich etwa über das Musikerleben in Österreich und den Wiener Schmäh.

Fotos: Igor Ripak

WV: Habt ihr schon einmal die Musik des anderen gehört?

GERARD: Ja, die Musik von 5/8erl in Ehr‘n kenne ich. SLIVO: Ich hab mir auch schon deine Hits angehört. Und ich hab auf Wikipedia nachgelesen und als erstes gelesen, dass du aus Wels bist und dann ist mir gleich das Zitat “Draußen ziehn‘s grad Wels vorbei” eingefallen. Kennst du das? Kommt in einem Song vom Ostbahn Kurti vor. GERARD: Draußen ziehen sie Wels… was? Wer zieht was? SLIVO: Mit dem Auto vorbei. Als Musiker fährt man extrem oft an Wels vorbei. Habe ich auch erst nach dem 150. Mal an Wels vorbeifahren kapiert. GERARD: Ah! Nein das kenn ich gar nicht.

WV: Gerard, du bist jetzt wahrscheinlich auch öfter in Deutschland als in Wels und Wien unterwegs, oder? Nachdem du ja jetzt dein neues Album „Neue Welt“ auf dem deutschen Label „Heart Working Class“ released hast...

GERARD: Nein, gar nicht so oft – mein Management und Booking ist in Deutschland. Mein Album habe ich aber in Wien aufgenommen und ich lebe auch hier. Aber es wirkt anscheinend so, als wäre ich ständig in Berlin. Selbst meine Freunde meinen ständig: „bist jetzt wieder mal da“ (lacht).

WV: Slivo, spielt ihr auch oft in Deutschland?

SLIVO: Wir spielen schon immer wieder in Deutschland. Aber über den Weißwurstprater haben wir es noch nicht wirklich hinaus geschafft. Wir tun uns halt dort nicht so leicht mit unseren Mundarttexten. Wir arbeiten aber weiter daran.

WV: Wieso habt ihr euch eigentlich für den Mundart entschieden?

SLIVO: Wir haben das einfach so gemacht wie uns der Schnabel wächst. Mein Hochdeutsch ist ja auch gebrochen, sage ich immer gerne (lacht). Es ist schön, auf Mundart zu singen. Auch zum Soul passt das besser finde ich, weil es weicher ist.

WV: Gerard, du hast hingegen von Anfang an auf Hochdeutsch gesetzt. Wieso eigentlich? Die meisten oberösterreichischen Rapper schreiben ihre Texte ja eher im Dialekt.

GERARD: Ich habe in einer Zeit angefangen wo Hochdeutschrap groß war. Das hat sich auch bei mir eingebürgert. Es ist für mich irgendwie selbstverständlich. Ich denke auch in Hochdeutsch. Ganz kurz habe ich versucht im Dialekt zu rappen, weil das früher viele österreichische Rapper gemacht haben. Aber ich habe dann Wörter verwendet, die ich sonst gar nicht benütze. Das klang dann irgendwie aufgesetzt. SLIVO: Ich kann mir aber schon vorstellen, dass im Rap Hochdeutsch besser klingt. Vielleicht ist es aber auch einfach eine Geschmacksfrage. GERARD: Ich finde, dass Hochdeutsch weicher klingt. Vielleicht ist das auch, weil Leute, die auf Mundrappen oft Battlerap machen. Vielleicht kommt es aber auch auf den Dialekt an: der oberösterreichische Dialekt ist ja noch einmal derber als der Wiener Dialekt.

WV: Vielleicht kommt es auch auf die Themen an. Schmäh führen geht vielleicht im Mundart besser als im Hochdeutschen. Gerard du machst ja eher ernste Musik. Kannst du dir vorstellen, mal was ganz anderes zu machen? Also etwas, das gar nicht ernst ist?

GERARD: Ja voll. Ich hatte letztens das Glück ein großes musikalisches Vorbild zu treffen, nämlich Judith Holofernes – ich höre ihre Musik schon seitdem ich 14, 15 bin. Wir haben uns recht lange unterhalten, auch über Humor. Für mich war Humor in der Musik immer etwas mit dem ich gleich so Ballermann und Fasching assoziiert habe. Dann hat Judith gemeint, dass sie ja eigentlich auch lustige Texte schreibt und dass man Humor schon auch subtiler einsetzen kann. Und seitdem denke ich mir, das würde ich auch gerne mal ausprobieren. Denn ich bin ja ein recht lustiger Kerl und lache viel, auch wenn das viele Leute nicht glauben.

 

 

WV: Slivo, ich finde ihr schafft das eigentlich auch ganz gut, Humor als subtiles Stilmittel einzusetzen.

SLIVO: Ich finde Humor kann man in Texten ganz gut nützen, um bösartig zu sein. GERARD: Was bei mir gegen Humor gesprochen hat war, dass wenn man einen Witz hört, man den dann ja schon kennt. Ich wollt immer zeitlose Musik machen, die man 20 Mal hören kann und wo man immer etwas neues entdecken kann. Blumentopf fand ich zum Beispiel genau deswegen nie so interessant. Die haben immer einen Witz in einer Strophe erzählt und beim zweiten Mal hören hab ich halt den Witz schon gekannt. Und so war der Sex weg im Song. SLIVO: Vielleicht darf man einfach keinen Witz erzählen. Ich mag gern dieses doppelbödige, ich weiß gar nicht, ob man das jetzt Humor nennen kann. Ich mag auch keine Leute die Witze erzählen, da wird mir fad. Aber diese Bösartigkeit zu verstecken oder in etwas einzupacken, das mag ich. Da wo einem das Lachen im Hals stecken bleibt, das g’fallt mir am besten. Ich kenn mich ja im Rap nicht aus, aber manchmal hör ich Dendemann und der hat auch so witzige Passagen dabei, aber der macht das eben oft sehr hart. Nur was ist das? Humor? Vielleicht muss man das Wort neu definieren.

WV: Vielleicht ist das der Wiener Schmäh?

SLIVO: Ich weiß ja nie genau, was das ist.

WV: Naja, so das Zynische?

SLIVO: Na, das kann schon sein. Aber keine Ahnung. Die Deutschen sagen ja immer, es gibt den Wiener Schmäh. Er wird eher im Ausland hochgehoben. Aber was ist das? Das Malerische in den Sprüchen? Das Unfreundliche? Das Freundliche? Ich weiß es nicht… GERARD: Diejenigen, denen der Wiener Schmäh immer angerechnet wird, sind ja zugezogen, ich kenne gar keine echten Wiener Musiker außer Wanda. SLIVO: Der echte Wiener ist eh kein Wiener.

WV: Denkt ihr eigentlich, dass man es als Musiker in Österreich schwer hat? Hört man ja immer wieder.

SLIVO: Ja diese Nörgelei… Ich sehe Musikmachen eher wie ein Handwerk. Man muss sich die Locations halt erspielen. Leicht ist es nicht, aber auch nicht schwer, wenn man gerne arbeitet. Natürlich geht das leichter, wenn man in den Medien ist. Ich bin froh, dass es bei uns so gut funktioniert. Wir sind aber sicher nicht von heute auf morgen eine Band gewesen. Leute die viel spielen, arbeiten viel. GERARD: Ich bin mit 15 schon viel belächelt worden, dass ich das mache was ich eben mache. Ich komme aus keiner Künstlerfamilie. Aber dann lacht man schon, wenn man Jahre später ausschlafen kann, während die anderen um 7 aufstehen müssen. Wie Slivo schon gesagt hat: Es ist eine Arbeit wie jede andere. Wenn man viel Arbeit rein steckt, kommt viel zurück. Du arbeitest als Musiker erst mal 10 Jahre gratis. Wer das durchhält, der hat sich das danach echt verdient. Auch Bands wie Bilderbuch haben 10 Jahre daran gearbeitet und nicht immer nur Musik gemacht. Und es gehört ja heute auch vielmehr dazu. Man muss zum Beispiel auch sehr viel auf Social Media aktiv sein. Das ist auch eine Kunst. SLIVO: Der Erfolg von Bilderbuch öffnete sicher auch Türen für Kollegen. GERARD: Ja, wobei ich gar nicht denke, dass es diesen Österreich-Hype im Pop wirklich gibt. Es hat einfach lange keinen Sound in Österreich gegeben, an dem sich junge Bands orientiert haben und auch keine Musikindustrie. In Deutschland streben schon 10 Jahre lang junge Bands den chartsrelevanten Musikern nach. In Österreich haben Künstler hingegen 10 Jahre lang das gemacht, was sie wollten. Das kommt ihnen jetzt zugute, denn heute hat jeder seinen eignen Stil und sein eigens Genre entwickelt. Und jetzt schauen sie nach Österreich und denken sich: okay, da macht jeder etwas Geiles und Originelles.


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