Meine erste Turke

Kolumne: Mein erster Türke

20. Dezember 2013 / von / 0 Kommentare

Kolumne von Richard Schuberth

Mein erster Türke hieß Ahmed. Eines Tages brachte ihn die Volksschullehrerin in den Turnsaal und stellte ihn uns vor. Ahmed würde ein Jahr mit uns in die Klasse gehen, er komme aus der Türkei, und wir sollten nett zu ihm sein. 1975 war das, wenn ich mich recht erinnere. 

Ich freundete mich sofort mit ihm an. Heute ist mir klar, warum das so sein musste. Wir waren beide leidlich integrierte Außenseiter. Kein Wunder also, dass Ahmed und ich einander fanden. Ein Jahr zuvor war ich selbst in eine fremde Welt gestoßen worden. Obwohl meine Mutter von einem Bauernhof kam, hatte ich auf Betreiben meines Vaters nur Hochdeutsch geredet, und weil ich nicht viel Kontakt mit anderen Kindern gehabt hatte, war ich vor der Volksschule nur in meiner eigenen Fantasiewelt daheim gewesen. Meine Klassenkameraden sprachen allesamt Dialekt, eine völlige Fremdsprache. Das erste Schuljahr war ein Kulturschock gewesen. Nie wäre Ahmed und mir in den Sinn gekommen, dass unsere Kenntnis der Schriftsprache uns zum Vorteil gereichen könnte.

Was mich im Rückblick am meisten erstaunt: Ich spürte damals bei uns in dem Dorf am Eingang zu Wachau, im Verhältnis zu Ahmed, seinen Eltern und den anderen Türken, kein einziges Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit. Nicht bei den Erwachsenen und bei den Kindern schon gar nicht. Hingegen scheue Neugier. Doch das ist oft so beim Erstkontakt von Einheimischen und Fremden. 

Man bedauerte wohl das Schicksal der Juden, blieb aber bei der Überzeugung, dass die sich das bis zu einem gewissen Maß selbst zuzuschreiben gehabt hätten.

Zwar war die Lehrerin, die Ahmed in die Klasse einführte, die Gattin eines ortsbekannten Nazis, der seine Frontuntauglichkeit während des Krieges für Erwachsenenbildung genutzt und „Genickschussseminare“ in Melk besucht hatte, und über den gesunden Antisemitismus in unserer Gegend bestand kein Zweifel. Man bedauerte wohl das Schicksal der Juden, blieb aber bei der Überzeugung, dass die sich das bis zu einem gewissen Maß selbst zuzuschreiben gehabt hätten. Auch in unserer Gemeinde hatte man es sich in den letzten Kriegstagen nicht nehmen lassen, ungarische Juden auf ihrem Todesmarsch nach Mauthausen zu erschießen wie Hasen auf dem Feld. 

Die türkischen Gastarbeiter aber waren Mitte der 70er Jahre neu hier. Für ihr Bedürfnis, sie zu diskriminieren, hatten die Leute noch keine geeigneten Erklärungen und Begriffe parat – die sollten ihnen die Politiker bald liefern –, und so behielt für eine Weile ihre natürliche Freundlichkeit die Oberhand, die früher oder später von ihrer gleichfalls natürlichen Bösartigkeit besiegt werden würde. Doch damals wurden Ahmeds Eltern noch mit Wohlwollen empfangen. Genau erinnere ich mich, als Ahmeds Mutter, eine junge Frau mit Kopftuch, im kleinen Greißlerladen an der Ecke, den eine alleinstehende, aparte Mitdreißigerin von zweifelhaftem Ruf führte, von den anwesenden Frauen mit Fragen gelöchert wurde. Schüchtern ließ sie das durchaus nett gemeinte Verhör über sich ergehen. Löste sie bei den Frauen herzliche Neugier aus, so erweckte Ahmeds Vater in ihnen nackte Gier. Ahmeds Vater war ein ausgesprochen attraktiver Mann, nach der Arbeit in der Farbfabrik trug er stets Anzug und das Haar frisiert. 

Solch einen Gentleman hatte das Dorf seit Rudolf Prack nicht mehr erlebt, der sich während der Dreharbeiten zu „Mariandl“ bei uns aufgehalten hatte. Ich stand mitten unter den Frauen, als sie Ahmeds Vater, der auf der anderen Straßenseite seine Zigarette rauchte, durchs Fenster des Greißlerladens betrachteten. „Was für ein fescher Mann“, seufzte die Greißlerin, und die anderen pflichteten ihr mit trancehaftem Stöhnen bei. Ihre Brunst erfüllte den kleinen Raum so sehr, dass sie deren Kondensat vom Fenster wischen mussten, um das Objekt ihrer Begierde weiter betrachten zu können. Ich übertreibe ein wenig. Aber Sie wissen, worauf ich hinauswill …

Ahmeds Vater war ein ausgesprochen attraktiver Mann, nach der Arbeit in der Farbfabrik trug er stets Anzug und das Haar frisiert.

Auch Ahmed war ein hübscher Knabe. Er hatte ein rundes, bronzenfarbiges Mondgesicht und zwei große braune Augen, auf seinen Lippen lag immer ein weises Lächeln. Stets war er höflich – und trotzdem bärenstark. Als ich ihn zu uns nachhause einlud, war mein Vater sehr stolz darauf, dass ich einen echten Türken zum Freund hatte. Vaters Ausländerfreundlichkeit war jedoch etwas verdächtig. Er pflegte zeitlebens ein leidenschaftliches Interesse für fremde Kulturen, das er durchaus auf mich übertrug. Aber Ahmed war in seinen Augen eben nicht bloß Ahmed, sondern Vertreter eines ethnologisch interessanten Stammes. Und wie wir da vor seinen Augen rauften, sah ich in seinen Augen – er war Hobby-Judoka – die Begeisterung für den ritterlichen Kampf der Völker, den wir austrugen. Denn ein richtiger Kerl musste eben kämpfen können. Natürlich besiegte mich Ahmed, und ich erinnere mich der Scham vor meinem Vater und der Angst, dass er lieber Ahmed als Sohn haben könnte.

Dennoch waren Ahmed und ich ein unschlagbares Rowdy-Team. Nach der Schule lieferten wir uns mit anderen Burschen auf einem Hang über einem Bach wahre Schlachten. Ein Riesenspaß war das, der nie ohne blaue Flecken, höchstens mal einem ausgeschlagenen Milchzahn abging. Aber die mussten sowieso raus. Auffällig war, dass wir immer zu zweit gegen eine Überzahl antraten, nicht selten bis zu zwölf Burschen. Da Ahmed der Stärkere von uns beiden war, ließ ich ihm den Vortritt. Er erledigte die Drecks-, ich die Feinarbeit. Er warf die Feinde nieder, ich verteilte den am Boden Liegenden noch einige symbolische Tritte. Hierbei übertreibe ich nicht im Geringsten! Aber Sie wissen, worauf ich hinauswill …

Ebenso schnell, wie Ahmed in mein Leben getreten war, verschwand er nach einem Jahr aus diesem. Ich werde wohl traurig gewesen sein, doch als kleiner Österreicher nahm ich es als Schicksal hin.

Immer wieder denke ich daran, was aus Ahmed wohl geworden ist. 


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