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Machen wir zur Sicherheit Krieg

09. März 2016 / von / 0 Kommentare

Kolumne: Gebrüder Moped

Ja, wir sind als Kinder im Wien der 70er Jahre des letzten Jahrtausends aufgewachsen. Unser Lieblingseis war der Doppellutscher. Unser Telefon war immer zuhause, weil es ein Festnetz war und der Bundeskanzler war Sozialdemokrat – obwohl er von der SPÖ war.

Es herrschte eine akute Erdölkrise, Kalter Krieg, Angst vor dem Atom-Wettrüsten, wir waren umzingelt vom Eisernen Vorhang und selbst die Mode ließ alle Alarmglockenhosen schrillen. Es war durchaus zum Fürchten. Trotzdem redeten damals alle von Freiheit. Die Devise war: Türen auf, Fenster auf und frische Luft ins Land lassen. Für eine Gesellschaft, die frische Luft bislang mit dem Tannenduftspray erzeugt hatte, war das eine wagemutige Vision, aber der politische Wille überzeugend und “Freiheit” klang schon irgendwie cool.

Dann war die große Mission erfüllt: Die Berliner Mauer fiel und alle Welt sich in die Arme. Da schlich sich plötzlich ein Paradigmenwechsel ein. Das Credo hieß nicht mehr Freiheit, sondern “Sicherheit”. Alles musste fortan “sicher” sein, um Ängsten vorzubeugen. Ein weites, fruchtbares Feld für alte politische Strömungen im neuen, feschen Gewand. Und wir? Haben’s nicht kapiert:

Zuerst redeten alle von Freiheit. Und es fühlte sich sehr sicher an. Auf einmal redeten alle von Sicherheit. Und es fühlte sich freiheitlich an.

Davor tat man alles für den Frieden, um unsere Sicherheit zu garantieren, jetzt führt man lieber zur Sicherheit einen Krieg. Fröhlich folgte dem neuen politischen Trend Richtung “Sicherheit” auch gleich die gesamte Gesellschaft. Privatisierung der Sicherheit – zur Sicherheit. Da reicht die staatliche Krankenversicherung nicht mehr und es wird uns zur zusätzlichen Privatversicherung geraten. Machen wir, sicherlich. Auch die Pensionen sind nicht mehr sicher, wir brauchen auch eine Privatpensionsversicherung, denn: sicher ist sicher.
Die Thujenhecken um unsere Gärtchen machen uns vor den Blicken der Neider sicher. Sicherheitsalarmanlagen im Eigenheim erhöhen unser subjektives Sicherheitsgefühl sowieso mit Sicherheit. Und müssen wir uns schon einmal aus dem Haus wagen und uns den Unsicherheiten des öffentlichen Raums aussetzen, haben wir sicherheitshalber den Taser dabei. Sind wir ganz locker unterwegs, reicht sogar ein Pfefferspray oder für ewiggestrige Sicherheitshippies gar die Light-Version als Ingwerspray.

Hegen wir leisen Verdacht, dass sich auf der Straße etwas außerhalb der gesicherten Normen abspielt, zücken wir unser Handy, entsperren es mit dem Sicherungscode und machen vom jeweiligen Schandfleck ein Foto, um es den Sicherheitsbehörden melden zu können. Und: Dann machen wir gleich noch ein zweites Foto. Zur Sicherheit.

Um sicher zu gehen, kaufen wir beim Lebensmitteldiskonter eine Vorratspackung des heutigen Sonderangebots: Sicherheitstürbeschläge. Brauchen wir, sagt uns die Sicherheits-App am Handy. Brauchen wir nie, sagt sogar der Hausverstand. Kaufen wir, sagt unser schon sehr gut entwickeltes Bedürfnis nach Sicherheit.

An der Kassa legen wir die Ware auf und sichern sie mit dem Warentrennstab ab. So heißen die Dinger, die man zwischen seine und die Waren anderer legt, damit man am Ende sicher sein kann, nicht versehentlich das Packerl Sicherheitsnadeln vom Kunden hinter sich mitzahlen zu müssen.

Zufrieden daheim, montieren wir zwei Sicherheitstürbeschläge, die restlichen acht lagern wir sicherheitshalber im Keller. Und dann: den mitgekauften Doppellutscher genießen. Den gibt’s nämlich heuer wieder. Lustig, schmeckt ein bisserl altmodisch. Nach Freiheit.

 


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