Cornelia Travnicek KP Lit

“Literatur soll vermitteln, verbinden, erfahrbar machen”

03. Dezember 2015 / von / 0 Kommentare

Autorin Cornelia Travnicek hat mit uns über ihren neuesten Roman „Junge Hunde“, das Problem von Genredefinitionen und die österreichische Literaturszene gesprochen.

Foto: Helmut Lackinger

WV: Du hast schon früh mit dem Schreiben begonnen. Mit Informatik und Sinologie hast du im Studium eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Warum?

CORNELIA TRAVNICEK: Ich habe schon vor dem Informatikstudium eine HTL besucht, also mich davor schon sowohl für Technik als auch für Literatur interessiert, und ich lese auch immer wieder ausgesuchte Bücher aus dem Bereich Science Fiction. Vielleicht hat mich sogar die Science Fiction überhaupt erst zu einer technischen Ausbildung inspiriert. Im Sinologie-Studium habe ich vor allem in den letzten beiden Jahren meinen Schwerpunkt auf Chinesische Literatur gelegt. Man sieht also, dass sich auch meine scheinbar nicht miteinander verbundenen Interessen gut zusammenfügen.

WV: Deine Romane thematisieren Familien und ihre Probleme. Warum schreibst du gerade über dieses Sujet?

TRAVNICEK: Das Hauptthema in „Chucks“ ist im Grunde Trauerarbeit, Freundschaft, Liebe und Tod. Die Familiengeschichte bereitet nur die Szene. In „Junge Hunde“ geht es auch, weiter gefasst, um die Begriffe Heimat und Herkunft. Was Familie sein und können soll, ist eine Diskussion, die gerade wieder sehr aktuell ist, auch die Frage, was denn nun Zugehörigkeit ausmacht und bedeutet – darum fand ich das Thema allgemein spannend, auch wenn nun in meinem Buch eher sozusagen konventionelle Familien auftreten, die allerdings alle gerade deshalb auch ihre Brüche haben. Dann wiederum ist natürlich Familie etwas, wo jeder und jede seine eigene Geschichte hat – geht ja auch gar nicht anders – und wo darum ein gewisses Grundinteresse vorhanden ist.

WV: Was hat dich dazu inspiriert, „Junge Hunde“ zu schreiben?

TRAVNICEK: Konkrete Inspirationen kann ich meist nicht benennen, zuerst ist eine noch unförmige, nebulöse Idee im Kopf, die sich erst langsam herausbildet, teilweise dann auch erst im Schreibprozess. Als müsste man jede Menge Stein von einem Marmorklotz hauen, bis man die Statue sieht.

WV: „Chucks“ und „Junge Hunde“ können als Jugendromane kategorisiert werden. Wie stehst du zu Genredefinitionen? Interessieren dich Coming-of-Age-Stories besonders?

TRAVNICEK: Genredefinitionen helfen vor allem dem Publikum bei der Orientierung und dem Marketing beim Verkauf. Gerade die Einordnungswut in Jugendbuch, dann weiter in Young Adult – ursprünglich aus den USA, ist auch bei uns immer stärker im Kommen – und dann in „Erwachsenenliteratur“, die sich ja auch wieder in viele, viele Genres und das etwas allgemeiner gehaltene der Belletristik teilt – die finde ich problematisch. Ich glaube, dass ein geübter Leser, eine geübte Leserin auch mit 14, 15 jedes Buch in die Hand nehmen und lesen kann. Ich glaube auch nicht, dass sich zum Beispiel jemand über 40 nicht für jugendliche Figuren interessieren sollte. Durch diese Einteilung vermittelt man eine Teilung der Interessenssphäre, aber gerade Literatur soll vermitteln, verbinden, erfahrbar machen.

Meine beiden Romane haben eines gemeinsam: Sie sind beide definitiv nicht als Jugendbuch deklariert, sondern in einem „normalen“ Belletristik-Verlagsprogramm erschienen. Sonst sind die Bücher allerdings grundverschieden. „Chucks“ wird auf Grund des Alters seiner Hauptfigur und ihrer Lebenswelt gerne in Schulklassen mit Schülerinnen und Schülern ab 15 Jahren behandelt. Bei „Junge Hunde“ nun sind nicht nur die Hauptfiguren über 20 Jahre alt, auch die Sprache ist eine ganz andere, der Aufbau noch etwas komplexer.

Was nun die Kriterien für ein Jugendbuch sind, weiß ja niemand so genau. Einerseits wird es eben oft am Alter der auftretenden Personen festgemacht, andererseits an einer, wie man denkt, gerade für Jugendlichen interessanten Thematik, und drittens wird es leider manchmal mit einfacherer Sprache und weniger künstlerischem Anspruch verbunden – was für viele in Reihen erscheinende Bücher zu bestimmten thematischen Schwerpunkt durchaus stimmen kann, aber nicht der Fall sein muss und auch gar nicht sollte!

Ich glaube jedoch, dass sich meine Bücher, „Chucks“ noch ein wenig mehr als „Junge Hunde“, als durchaus zugänglicher Einstieg in das Lesen von Belletristik anbieten und von der Thematik eben näher an Jugendlichen sind als andere Bücher, und darum auch junge Leserinnen und Leser finden.

WV: Kannst du dich mit Johanna in gewisser Weise identifizieren? Wie viel von dir steckt in deinen Romanfiguren?

TRAVNICEK: Was ich und Johanna gemeinsam haben, ist ein gewisses Pflichtbewusstsein, ich habe das allerdings nur, wenn es wirklich wichtig ist. Wenn ich jede meiner Figuren nach mir formen würde, hätte ich Angst, die Leute, die meine Bücher lesen, sehr schnell zu langweilen – für so unglaublich interessant halte ich mich nämlich selbst auch nicht, als dass ich mehrere Bücher über mich schreiben wollen würde. Meine Figuren sind also zum großen Teil frei erfunden, es sind eher meine Nebenfiguren, die ganz kleinen Rollen, die auf realen Beobachtungen basieren und dann Eingang in die Texte finden.

WV: Wird „Junge Hunde“ ebenfalls verfilmt?

TRAVNICEK: Bis jetzt hat noch niemand nach den Filmrechten gefragt und das wäre wohl auch ein etwas unbescheidener Weihnachtswunsch – freuen würde es mich natürlich!

WV: Setzen dich deine bisherigen Erfolge unter Druck?

TRAVNICEK: Die einzige, die mich unter Druck setzt, bin ich selbst. Und wenn ich das tue, höre ich schleunigst wieder damit auf, weil dann gar nichts mehr funktioniert.

WV: Die berühmte Angst vor dem weißen Blatt, kommt dir das bekannt vor?

TRAVNICEK: Nein. Ich schreibe nur, wenn ich ohnehin etwas aufschreiben will. Ich habe nicht genug Zeit, sinnlos ein leeres Word-Dokument anzustarren und mich darüber zu ärgern, dass mir gerade nichts einfällt. Dann mache ich eben etwas anderes.

WV: Wie siehst du die Entwicklungen in der jungen, österreichischen Literaturszene? Gibt es hier eine Art Community?

TRAVNICEK: Ich würde die Entwicklung „Vielfalt der Arten“ nennen und das ist schön. Es gibt unterschiedlichste künstlerische Ansätze was das Schreiben betrifft und alle haben ihre Daseinsberechtigung. Ich habe  in den letzten Jahren viele Schreibende bei diversen Veranstaltungen kennenlernen dürfen und fühle mich so einigen freundschaftlich verbunden. Man zollt einander auch Respekt und drückt seine Anerkennung für die Erfolge der anderen aus, zumindest in meinem direkten Umfeld, und das zeugt von einer positiven Entwicklung, von starkem Selbstvertrauen und vom Wissen, dass wir miteinander so sicher glücklicher und nicht weniger erfolgreicher sind, als wenn wir versuchen würden einander auszuspielen – ganz im Gegenteil, es gibt viel Projekte, bei denen man sich eben gegenseitig mit einbezieht und somit alle gemeinsam sichtbarer werden. Ich bin überhaupt sehr offen für Kooperationen, auch über Gattungsgrenzen und Szenen hinweg. Aber auch von der älteren Generation erfahren wir Förderung und Wohlwollen, das war in Österreich vor einigen Jahrzehnten nicht so. Was die kulturellen Hintergründe der Schreibenden betrifft, gibt es sichtbar und unsichtbar auch schon einiges an Durchmischung, da geht allerdings sicher noch was, um es so zu sagen.

WV: Was würdest du jungen Menschen empfehlen, die schreiben oder mit dem Schreiben beginnen möchten?

TRAVNICEK: Sich die richtigen Leute zu suchen, die einem fundierte, ehrliche Kritik geben (können), dabei selbst sowohl auszuteilen als auch einzustecken, aber grundsätzlich seinen eigenen Weg zu suchen – für manche ist es eben jahrelange Isolation bis sie mit einem Erfolg herausplatzen, für andere ist es eher ein langsames Treppensteigen. Dabei nicht auf Betrügereien hereinzufallen – Zuschussverlage, Möchtegern-Literaturagenturen –ist sicher eine wichtige Sache.

WV: Was sind deine nächsten Pläne? Hast du bereits Ideen für weitere Werke?

TRAVNICEK: Ja, ich habe sogar zwei bis drei ganz konkrete Pläne und ich muss jetzt nur noch sehen, welcher das Rennen macht und zuerst zur Fertigstellung gelangt.

 


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