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Leseprobe: Orte der Begegnung

26. Juni 2014 / von / 0 Kommentare

Sich mit Ismael Ivo über Wien zu unterhalten, gleicht einer ereignisreichen und inspirierenden Reise, die durch den Raum ebenso führt wie durch die Zeit.

Text: Barbara Sternthal | Fotos: Harald Eisenberger

Diese besondere Tour  ’Horizon beginnt in Brasilien, in São Paulo, wo Ismael Ivo geboren wurde, aufwuchs und sich zu einem der außergewöhnlichsten Tänzer der Gegenwart entwickelte. Sein Weg führte ihn im Alter von dreißig Jahren zuerst nach New York und dann nach Europa. Eine seiner ersten Stationen: Wien, wo er in Karl Regensburger nicht nur seinen ersten Manager fand, sondern auch den kongenialen Partner für das ImPulsTanz-Festival. Der Tänzer, der einmal sagte, er ließe den Bewegungen in seinem Körper ihr eigenes Leben und stelle seinen Körper lediglich Ideen zur Verfügung, die sich als Bewegung manifestieren, lebt wie er tanzt: immer in Bewegung, immer in Bezug auf etwas Neues, weil man »nie zweimal in denselben Fluss steigen kann«.

Empfindsamkeit und Durchlässigkeit sind für ihn die Voraussetzungen für einen Dialog, der die ganze Welt umfasst. Grenzen haben keinerlei Bedeutung, wenn es um Inspiration geht, um Ideen, die einander befruchten und zu etwas Neuem führen: »Denk nur an diesen wunderbaren brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. Er war ein großer Bewunderer von Le Corbusier. Aus seiner Beschäftigung mit dessen Ideen, die ja ebenfalls aus vielen verarbeiteten und verwandelten Einflüssen entstanden, konnte Niemeyer schöpfen und seine individuelle Kreativität entwickeln.« Kunst und Kultur als ein riesiges Reservoir vielfältiger Einflüsse und Ideen aus allen Himmelsrichtungen, aus allen Epochen: Ismael Ivo verliert sich in seiner Begeisterung für einen weltumspannenden interkulturellen Dialog, der eines offenen Herzens und eines beweglichen Geistes bedarf. Für ihn sind es vor allem Wien und danach Berlin, deren je ganz spezielle Atmosphäre sich aus eben diesem Charakter des Austausches entwickelt hat.

Nirgendwo sonst gibt es einen Ort, an dem es für mich so einfach war, mit anderen in Verbindung zu treten. Und das ist schließlich unsere Aufgabe als Menschen.

Dabei geht es nicht um Exotik als Plattitüde, sondern um das Unbekannte, das Fremde schlechthin. Sie sind der Reiz, der die Kreativität zum Fließen bringt, der Anreiz, zu forschen und zu entdecken und daraus etwas entstehen zu lassen. »Nirgendwo sonst«, sagt er, »hätte ich das Tanzfestival ImPulsTanz entwickeln können. Nirgendwo sonst gibt es einen Ort, an dem es für mich so einfach war, mit anderen in Verbindung zu treten. Und das ist schließlich unsere Aufgabe als Menschen: uns zusammenzuschließen, eine Beziehung herzustellen, weil sich nur daraus wieder etwas Neues entwickeln kann.«

Der Dialog zwischen den Kulturen hilft, besser zu werden. Ein weiter Horizont lässt weitere Blicke zu oder wie Ismael Ivo es formuliert: »Wir brauchen  dieses Fenster in die Welt für unsere Vorstellungskraft, weil wir den Traum zu fliegen haben.« Ein wunderbarer Gedanke, doch einer aus dem Elfenbeinturm des Künstlers, aus dem geschützten Raum des Erfolgreichen? Nein, ist sich Ismael Ivo sicher, jeder kann sich aufmachen, um Neues zu sehen und Neues zu lernen. Er erzählt die Geschichte eines Afrikaners, den er in Wien vor einem Supermarkt kennengelernt hat und der sein Land ohne Not verlassen hatte, einfach nur, weil er wusste, dass die Welt weit und groß ist und Aufregendes bereithalten kann. Dass er dafür Zeitungen vor einem Supermarkt verkaufen muss, sieht er weder als Schande noch als Mühsal, sondern als Möglichkeit, Menschen kennenzulernen und mit ihnen zu reden.

Wie mit Ismael Ivo beispielsweise, der solche Geschichten allein deshalb liebt, weil sie seinen Eindruck bestätigen: Wien ist eine internationale Stadt, auf deren Boden sich viele Menschen aus der ganzen Welt treffen. Mit ihren Ideen befruchten sie die Stadt, die das Fremde, das Unbekannte absorbiert, verstoffwechselt und wiederum als Ideen in die Welt trägt. »Wo dies nicht geschieht, dieses Miteinander, Voneinander, Ineinander, gart man langsam in der eigenen Suppe. Immer dasselbe Gericht schmeckt irgendwann sehr fade.« Das macht Wien zu einem solch genialen Ort für den Tänzer aus Brasilien: Weil man hier immer wieder mit anderen, mit neuen Ideen konfrontiert wird.

So hatte er auch wenig Scheu, das ImPulsTanz-Festival zu einem gleichermaßen konkreten wie ideellen Ort internationaler Begegnung werden zu lassen und Wien so zum Ruf einer Welttanzstadt zu verhelfen. Dabei geht es nicht nur um die passive Rezeption der Performances von Tanzkünstlern aus aller Welt, sondern sehr stark auch um die Workshops, bei denen man sich mit allen nur erdenklichen Tanzformen auseinandersetzen kann. »Die Schüler«, ist sich Ismael Ivo bewusst, »kommen nicht in die Workshops, um ihre professionellen Fähigkeiten zu verbessern, sie kommen, weil ihnen die Möglichkeit geboten wird, durch internationale Tanzformen Kulturen aus aller Welt nicht nur kennenzulernen, sondern durch den Tanz am eigenen Körper zu spüren.« In Wien weiß man Ismael Ivos Engagement absolut zu schätzen, was sich nicht nur an der Auslastung von ImPuslTanz zu erkennen ist, sondern sich auch in einer Auszeichnung manifestierte, auf die der Brasilianer stolz ist: »Dass man mir das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Stadt Wien verlieh, hat mir bewiesen, dass man mich in erster Linie als einen Künstler Wiens wahrgenommen hat und erst in zweiter Linie als Brasilianer.«

In einer Hinsicht wurde Ismael Ivo wahrhaftig Wiener: Er liebt die zwar langsam verblassende, aber immer noch vorhandene Kaffeehauskultur,die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Diese Möglichkeit, sich wie zu Hause zu fühlen und doch nicht zu Hause zu sein, an einem Ort, an dem man Menschen treffen, mit ihnen reden und also in Beziehung treten kann, ist für ihn ein wahrer Segen. Er erzählt von seinem Freund George Tabori, dem großen Theatermacher, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, die auch andauerte, als Tabori Wien verließ und nach Berlin ging: »George war erfolgreich in Berlin, und man hat ihn dort geehrt und geliebt. Er selbst aber hatte bis zu seinem Tod schreckliches Heimweh nach Wien – ganz besonders nach den Stunden, in denen er im Café Schopenhauer Schach spielte.«

Seine Wurzeln vergisst Ismael Ivo weder ob seiner Liebe zu Wien noch ob seiner Philosophie der für die menschliche Weiterentwicklung notwendigen Weit- und Weltläufigkeit. Seine schöpferische Kraft, die hypnotisierende Intensität seines Ausdruckstanzes und seiner Inszenierungen entstehen genau daraus: aus den bewussten Wurzeln, die den Humus der europäischen Kultur brauchen, um lebendig zu sein, zu wachsen und zu blühen. Kulturelle Diskrepanz ist dabei kein Problem, sondern, ganz im Gegenteil, notwendige kreative Befruchtung. Dafür aber muss man in Bewegung bleiben: »Als Künstler ist man sowieso ein Wanderer über die Welt. Es ist schließlich der einzige Beruf, in dem man diese Freiheit hat.« So betrachtet lebt Ismael Ivo seine eigene Utopie: Alles bewegt sich, alles tritt in Verbindung zueinander. Und nichts davon auch nur mit der Spur eines Ressentiments.

 

Aus dem Buch: „Wie man Wiener wird" (Barbara Sternthal/Harald Eisenberger) 
160 Seiten, ISBN: 978-3-99015-031-3, © 2013, Bohmann Verlag Wien // EUR 29,50


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