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Leseprobe: “meine schöne schwester” von Ekaterina Heider

16. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

Das Leben ist kein Ponyhof, und die Liebe schon gar nicht. In ihrem 2013 erschienenem Kurzgeschichtenband „meine schöne schwester“ erzählt die 24-jährige Schriftstellerin Ekaterina Heider in einer schnörkellosen, einfach-klaren Sprache überwiegend von verlorenen, verlassenen (oder verlassenden), verwirrten, nach Geborgenheit oder Identität suchenden Menschen, deren Sehn-Sucht sie manchmal zu Abhängigkeit oder gleich an den Rande des Abgrunds führt.

küchentisch

tag 402:
ich liege auf der ausgezogenen couch und lese ein kurzgeschichtenbuch über gefundene und verlorene träume. geschichten über das leben. wie es so spielt. steht auf der buchrückseite.
auf meinem nackten bauch steht eine schüssel mit trauben. frisch gebadetet legst du dich zu mir. dein körper ist warm und riecht nach zu hause. dann lese ich laut, weil du das magst, und lege dir hin und wieder eine traube in den mund. irgendwann schläfst du ein. ich küsse zuerst deine handgelenke und später deine finger, die vom badewasser noch immer ganz verschrumpelt sind, und flüstere leise und mehrmals hintereinander, damit sich meine worte in dein unterbewusstsein einprägen, dass ich dich umbringen würde, wenn du mich jemals verlassen solltest.

tag 407:
wir liegen im bett und reden zuerst über den winter, und später über das sterben. dann zählen wir die risse in der decke über uns. ich strecke meine arme nach oben, gegen diesen weißen, bröckeligen himmel. sehe meine hände an und sage, dass sie schon ganz faltig geworden sind. und, dass mein gesicht auch bald und faltig sein wird.
„rissig wie die decke.“
dann sagst du, dass du dir dann einfach eine jüngere suchen wirst, wenn es so weit ist. und lachst. und ich nach kurzem zögern auch./um nicht seltsam zu wirken./
ich bin manchmal seltsam, hast du schon oft gesagt. und ein paar mal, dass es dir nichts ausmachen würde.
wir sehen uns in die augen, küssen uns, haben sex und dann, später, sagst du noch, dass der eine riss, der sich vom fenster zum bücherregal zieht, wie ein drache aussieht. wie ein drache mit unterschiedlich großen nasenlöchern.
es regnet. ich gehe zum fenster.
„schön“, schreibe ich mit meinem kleinen finger an die beschlagene fensterscheibe und sage dasselbe wort kurz darauf laut.
schön, schön. und dann, dass ich ohne dich sterben würde.
du antwortest nicht und ich verbringe die darauffolgende nacht damit, bedienungsanleitungen für küchengeräte zu lesen.

tag 419:

du stehst in der dusche, ich höre es bis ins wohnzimmer rauschen. ich soll das wasser in der küche nicht aufdrehen, zu kalt sonst. ich sitze auf der couch, eingewickelt in eine decke. trinke rotwein in großen schlucken, ohne das glas abzustellen. zu wenig platz auf dem tisch und zu groß der durst. dein handy liegt mir schwer in der hand, ich gehe die sms durch.
chef: „heute bitte schon um ¾ da sein. lg“
eine von mir lasse ich aus.
noch eine.
alina: „bitte nimm kaffee mit, der automat ist schon wieder leer. danke“
wieder alina. wieder ich.
mama: „vergiss die winterreifen nicht. bussi“
mama: foto von ihrem hund mit roter haube.
später wieder zwei von mir und eine von deiner mutter.
als ich den namen melanie auf dem handydisplay sehe, stehst du vor mir. fragst mich, was ich da mache. schüttelst den kopf und nimmst mir das handy aus der hand. ich schäme mich.
„dreh nicht durch“, sagst du.
und später, dass du das nicht mehr lange mit mir aushältst, wenn meine eifersucht nicht aufhört. und meine wutanfälle, auf die wir dann nicht mehr genau eingehen.
ich gehe ins bad, kippe das fenster, setze mich auf den boden und rauche zwei zigaretten.
ich kenne keine melanie.

tag 422:
schon wieder wischt du mit einem frischen handtuch irgendetwas von dem dreckigen küchenboden auf.
tomatensuppe.
du stehst im türrahmen, zwischen küche und vorzimmer, rauchst. ich nehme den feuchten stoff, der schwer auf dem linoleumboden liegt und werfe ihn dir ins gesicht. ein paar dunkle tropfen spritzen gegen die wand.
ich schreie. schreie irgendetwas mit melanie und allesumsonst. und wieder so etwas wie deinescheißmelanie. immerdasselbe, schreie ich, und wasfüreinensinn. und das alles schreie ich sehr laut.
diese beziehung frisst dich auf, sagst du irgendwann und leise und ich weiß, dass du es ernst meinst.
tage später wird mir klar, dass es sich doch nur um ein beschissenes handtuch handelte.

tag 423:
es riecht nach kaffee, intensiv. ein vertrauter, gemütlicher geruch. die sonne scheint durchs fenster, ich sitze auf dem küchentisch und weine. richtig laut, aus der seele heraus. wie kleine kinder, wenn man ihnen etwas wegnimmt. und die verdammt unglücklich aussehen. so, dass man sie einfach nur umarmen möchte. so, so sehr weine ich. ich, ein verdammt unglückliches kind. du möchtest mich nicht umarmen. ich soll von dem tisch runterkommen, sagst du. seltsam bin ich.
die nächsten zwanzig minuten verharre ich in dieser position, die handflächen gegen das gesicht gepresst. versuche mich zu beruhigen, mich zum schweigen zu bringen. bis keine tränen mehr da sind, bis meine schreie kein geräusch mehr erzeugen, laut- und zwecklos sind. ich nehme die espressokanne und schütte ihren inhalt langsam in einen blumentopf auf dem fensterbrett.
seltsam bin ich.
du gehst und ich höre den knall der tür noch ewigkeiten später, immer noch auf dem tisch sitzend. und immer wieder höre ich, drehnichtdurch.

tag 429:
du stehst vor der wohnungstür, die jacke noch nicht ausgezogen. hinter dir die tomatensuppenwand. siehst rein ins schlafzimmer. siehst mich, in unterwäsche. mit leicht geöffnetem mund erwidere ich deinen blick. berühre die innenseite meines oberschenkels, langsam, so wie du sonst. du wirfst mir als reaktion darauf einen blick zu, der mich realisieren lässt, dass ich ab sofort auch auf diese weise nicht weiterkommen werde.
„ich hab ein paar sachen vergessen“, sagst du.
und dass du den rest nächste woche holst. mit angewinkelten beinen und auf dem rücken liegend sehe ich meine bestrapsten oberschenkel an und später, als du weg bist, stundenlang den drachen.

tag 432:
du willst mir nicht sagen, ob melanie schöner ist als ich.
„nicht so krankhaft eifersüchtig“, sagst du. und dann, dass es dir leid tut. und dann, nach einer längeren pause, dass es sich im leben nun mal so ergibt. und wieder, dass es dir leid tut. und, dass weinen nichts bringt. und, dass ich doch bitte endlich von dem verdammten tisch runterkommen soll.

tag 436:
 ich sitze auf dem küchentisch und weine.

tag 437:
ich sitze auf dem küchentisch und trinke.

tag 441:
ich sitze auf dem küchentisch.

brüche

ich habe angst vor meinen gedanken.
ich höre auf zu schlafen. ich nehme medikamente.
wenn ich abends im bett liege, denke ich an die faulenden äpfel in meiner küche oder stelle mir meine nachbarn nackt vor. manchmal denke ich auch an sehr unwahrscheinliche ereignisse. dass die decke über meinem kopf einbricht, zum beispiel. oder, dass ich aus dem nichts einen lottosechser mache. stelle mir dann meine reaktion darauf vor. frage mich, ob ich in dem fall wirklich so viel spenden würde, wie ich immer glaube. schließlich hört man von schrecklichen dingen, zu denen menschen plötzlich fähig werden, wenn sie mal an geld rankommen.
je länger ich im bett liege, desto skurriler werden meine gedanken. dann schalte ich das licht ein, richte mich im bett auf und schaue mich entweder lange im spiegel an der wand an, oder gehe in die küche und mache mir einen grünen tee, den ich noch im stehen trinke. wenn ich danach immer noch nicht einschlafen kann, rufe ich manchmal meine mutter an, und manchmal männer, mit denen ich gelegentlich schlafe.
mutter erzählt mir von ihrer einsamkeit und ich erzähle den männern von meiner mutter, meiner kindheit und meiner welt. sie sprechen von großer liebe und von ihren frauen und kindern, die sie jederzeit verlassen würde, für mich.
es ist ständig dasselbe. dieselben wörter, dieselben sprüche, immer dieselben menschen um mich. dieselben möglichkeiten, sich abzulenken. zwischen denselben möbeln und fernsehserien habe ich mich wohl verloren.
auf flohmärkten stehe ich hinter den tischen und erzähle meine lebensgeschichten. jedes mal eine andere.
ich verkaufe bücher. ich verkaufe kleider. ich verkaufe körperwaagen und kuchenformen. dinge, die ich nicht mehr brauche.
ich steige in autos von fremden menschen, um mit ihnen über gott zu reden. (ich möchte erleuchtet werden!) ich besuche stunden für seniorengymnastik, um mir vor augen zu halten, dass ich noch jung bin.
meine freunde bekommen alle kinder, ich fühle mich einsam. ich kann mich nicht auf die vorlesungen auf der universität konzentrieren, weil die professoren alle so schön sind.
ich träume vom reisen. ich träume von affären mit verheirateten frauen. ich träume von hunden. ich träume von meiner kindheit. vom fallen. ich träume, dass man mir das gesicht abzieht und es durch ein anderes ersetzt.
ich wechsle meine jobs alle paar monate. ich trage selbst im sommer stiefel und verwende absichtlich zu viel make-up, um der welt nicht mein wahres gesicht zeigen zu müssen.
ich gehe zu öffentlichen gerichtsverhandlungen. ich gehe zu konzerten, für die man keinen eintritt zahlen muss. ich gehe zu ausstellungen. bin umgeben von verlorenen menschen.
ich möchte etwas besonderes sein.
wenn ich lache, dann immer laut und mit weit geöffnetem mund, glückliche menschen sind schöner. ich lache, wenn meine männer mir vorschlagen, mit ihnen wegzufahren. wenn meine mutter bei kaffee und kuchen mit traurigem gesicht von ihrem alltag erzählt, lache ich auch.
mutter weint oft. mutter wäscht selbst kleider aus seide bei 60°c und ihren kühlschrank putzt sie mit apfelessig.
mutter hat angst, dass ich mir das leben nehmen könnte.
mutter hat angst, dass sie sich das leben nehmen könnte.
mutter hat angst vor krankheiten.
mutter hat angst vor einbrechern.
mutter hat angst, dass die welt eines tages untergehen wird.
und ich lache.
der hund meiner nachbarin ist vor drei tagen gestorben. nachts haben wir ihn gemeinsam im garten vergraben. meine nachbarin weinte und nahm mein gesicht in ihre hände, die noch voller erde waren.
das erzähle ich einem mann mit braunen haaren, paul, während er auf mir liegt, und er stöhnt als antwort, dass ich das faszinierendste geschöpf bin, das ihm je begegnet ist.
und ich lache. nach dem sex weint er, ich rauche zwei zigaretten und gehe nach hause.
dort dusche ich länger als sonst, wobei ich meine eingeseifte kopfhaut so fest massiere, dass es fast wehtut. ich möchte meine gedanken sortieren, sage ich laut.
denke: hund. mutter. nachbarin. seine braunen haare. seine augen. sein geruch. wer ist er? wer bin ich? erde. ich unter der erde. ich wäre am liebsten ein hund. eine katze.
ich rufe mutter an. bereue es, nachdem sie auflegt. lege mich ins bett, mit noch nassen haaren. denke an zitronenkuchen.
bis mein telefon läutet. ein mann. ich bins, sagt er. ah so, sage ich und habe keine ahnung. überlege kurz. der blonde barkeeper vielleicht. er denkt an mich, sagt er. ich denke an rosinen, sage ich. du bist krank, sagt er. selber, sage ich und lege auf.
ich schneide mir vor dem spiegel kniend die haare und färbe sie schwarz.
mutter sieht mich und weint. meine immer noch trauernde nachbarin sieht mich und sagt danke.
ihre augen sind wie eine andere welt. einen tag später bringt sie mir kekse. sie sind noch warm.
ich lade paul, den mann mit den braunen haaren zu mir ein, möchte nicht mehr in hotelbetten liegen, möchte ihm vielleicht mein zuhause zeigen.
er kommt. er steht lange im wohnzimmer. er dreht sich langsam im kreis und ich denke, er liebt mich vielleicht, auch wenn ich nicht verstehe, warum.
ich schmiere mir ein brot, trinke wein aus der flasche, schneide mir die fingernägel. er sagt etwas zu meiner frisur.
und du liebst mich oder was?, frage ich.
ich vergöttere dich, sagt er und ich denke an äpfel.
an seine frau.
an meine mutter. und lache.

 

Aus dem Buch: „meine schöne schwester" (Ekaterina Heider) 
Kurzgeschichten, 129 Seiten, Edition Exil Wien // EUR 12

Fotos: © Igor Ripak


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