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Leitartikel: “Gute Nacht, Österreich?”

15. September 2016 / von / 0 Kommentare

Ausgabe vom 13. September 2016

In Österreich redet man viel und gerne über die Integration, insbesondere vor Wahlen. Und noch lieber vor Wahlen, die man aus irgendwelchen Gründen wiederholen oder verschieben muss. Integration ist als Thema ja äußerst praktisch, da man monatelang (oder gar jahrzehntelang) darüber reden kann, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht.

Aber, who cares?

Hauptsache, man punktet (politisch) bei ewig beängstigten Hobby-Hassern, in deren Ohren Multikulturalität oder Mehrsprachigkeit wie exotische Krankheiten klingen. Ihre Herzen gewinnt man ganz einfach mit billigen Reimen oder, wie es Integrator Kurz seit Kurzem macht, mit Drohungen, Sanktionen und Verschärfungen. Damit integriert man zwar niemanden in die Gesellschaft, aber man stillt den PR-Hunger und steigert die eigenen Popularitätswerte.

Und jetzt back to the future.

Liest man online Nachrichten zum Thema Integration, vor allem wenn es dabei um Türken oder Flüchtlinge geht, dann kann man sehr leicht den Tenor der darunterstehenden Leserkommentare prognostizieren. „Sie sollen sich gefälligst integrieren!“ ist da die Botschaft der anonymen, unzufriedenen Bürger. Wenn man einen starken Magen hat und sich durch alle diese Kommentare durchboxt, scheint die Lösung des Problems einfach und greifbar: Deutsch lernen, Werte achten und an der Gesellschaft teilnehmen. Würden in diesem Fall Strache und sein Mastermind Kickl weniger gegen gesellschaftlich Benachteiligte hetzen? Wären dann alle unzufriedenen Ureinwohner begeistert und zufriedengestellt? Nein. Um das zu beweisen, habe ich zwei sehr gute Beispiele für gelungene Integration. Zwei Frauen, die wunderbar Deutsch sprechen; beide sind Akademikerinnen, die sich noch ein Stückchen weiter integriert haben und hohe politische Ämter bekleiden – Maria Vassilakou und Muna Duzdar. In den tausenden Leserkommentaren unter Nachrichten mit diesen Protagonistinnen sucht man vergeblich nach Lob für die gelungene Integration. Der Tenor hier: „Gute Nacht, Österreich“, „Was für eine Kacke läuft da ab?“, „Wann wachen die Österreicher endlich auf?“, „Haben wir keine eigenen Leute für diesen Job?“, „Allein schon der Name!“.

Und jetzt wieder back to the present.

Nicht die Migranten sind weniger integriert geworden (im Vergleich zu Zeiten in denen wir uns laut Umfragen sicherer und zufriedener fühlten), sondern die Menschenverachter sind lauter geworden. Und mit guter Integration wird man Hobby-Hasser nie überzeugen. Sie brauchen die Angst vor Fremden, weil Hass uns das Negative immer nur in anderen aber nie in uns selbst sehen lässt. Statt die beängstigten Wutbürger zu überzeugen, brauchen wir dringend eine Allianz der Weltoffenen, unabhängig vom Hintergrund, die lauter ist. Wir brauchen mehr Mut zur Vielfalt und weniger Angst vor Angst. Damit sich die dunkle Geschichte dieses Landes niemals wiederholt. Nur so können wir sicher sein, dass wir sicher sind.

 

Foto: Michael Mazohl

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