Wien_Schwedenplatz_-_Early_morning_(2450085051)

Kolumne: Willkommen in der Burg

16. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

Jelena Gučanin widmet sich in ihrer Kolumne „Problemzonen“ den weniger schönen Seiten Wiens. Heute: die Wiener Innenstadt, das Bürgertum und warum die ÖVP Wien nicht verstanden hat.

Eine Szene aus dem Wiener Alltag, Tatort: Schwedenplatz. Ungeduldig warte ich auf die Bim. Neben mich setzt sich ein älterer Mann, nicht sehr groß, sieht gepflegt aus. Nennen wir ihn: Herr F. Plötzlich fängt er an, nervös zu zucken, begleitet von einem Grummeln. „Grmpfh Grmhgfh“. Der Anstoß seines immer lauter werdenden Zorns: ein junger Mann, nennen wir ihn H., der am Boden sitzend sein Schwechater in der Öffentlichkeit (!) trinkt. Und nicht gar so gepflegt aussieht wie Herr F. Zwei Frauen schütteln, dem Querulanten F. in seiner Rechtschaffenheit zustimmend, den Kopf. „A Frechheit is des!“ Das hört auch H. Ein gepflegtes „Heast, Gschissena!“ ist zu vernehmen. „Was hast’n?“ Eine Tschick hat sich Herr F. auch angezündet, in der Zwischenzeit. Scheint ihn aber nicht zu beruhigen. „I ruf‘ glei‘ die Polizei, na wartens!“

Das subjektive Sicherheitsgefühl

Sicherlich hat jeder und jede von uns WienerInnen schon einmal so eine Szene miterlebt. Dass wir uns am Schwedenplatz befinden, ist nicht verwunderlich: Die zweithöchste Kriminalitätsrate Wiens (erst kürzlich wurde ein Crystal-Meth-Labor ausgehoben!), kotzende Teenies und schmierige TouristInnen – die „City“, wie sie liebevoll genannt wird, ist eben ein hartes Pflaster. Zumindest wenn es nach ÖVP-Bezirksparteiobmann Markus Figl geht. Dieser meinte kürzlich in einem „Standard“-Interview, die Innere Stadt hätte viele „Problemzonen“. Figl, der von der ÖVP groß angekündigte Generationwechsel, der in Wirklichkeit keiner ist, fordert daher in seinen „52 Thesen für die Innenstadt“ eine „Stadtwache“, um seine BürgerInnen zu schützen. Und sich selbst – er lebt auch im zweitgefährlichsten Bezirk Wiens. Wer fast 20 Euro pro Quadratmeter zahlt – die aktuelle Durchschnittsmiete in der „City“ – ist schließlich auch nur ein Mensch. Das subjektive Sicherheitsgefühl müsse gestärkt werden, so Figl. Neben dieser „effektiven Ordnungstruppe“ will er auch mehr PolizistInnen auf der Straße sehen. Und für das Problem, dass diese dort mit dem Auto nicht durchkommen, hat der ÖVP-Mann auch gleich eine Lösung: „Warum nicht etwa Polizisten am Pferd einsetzen?“

Für die Bürger von Wien

Die Innenstadt als mittelalterliche Festung – eine schöne Vorstellung. Das Wort „Bürgertum“ leitet sich nicht umsonst vom mittellateinischen burgus ab, einer befestigten Wohnstätte, mit Mauern umgeben und mit besonderen Privilegien ausgestattet. Leistung, Fleiß und Sparsamkeit waren schon damals „bürgerliche“ Werte. Zumindest von letzterem ist bei der ÖVP Innenstadt aber nicht viel zu spüren. Noch-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel pocht weiterhin auf eine teure Untertunnelung des Schwedenplatzes. Ein Vergleich mit dem „sündteuren“ Umbau der Mariahilfer Straße, Lieblingsthema der Wiener ÖVP, gilt hier offenbar nicht. Im Ersten Bezirk lebt schließlich die Elite. Und um diese zu erhalten, wird schon fleißig für die Wien-Wahl 2015 geworben. Etwa mit dem Slogan: „Retten wir das Gymnasium!“ Auch „Bürgersalons“ wurden eingerichtet. Wolfgang Schüssel himself wurde hier als Wahlkampfhelfer nach Hietzing geladen. Der Ex-Bundeskanzler tat dort kund: Wien brauche starke bürgerliche Werte und schöne Plätze. Der Feind ist klar: „Wo Rot-Grün draufsteht, ist Kommunismus drinnen!“, schrieb der Wiener ÖVP-Chef Manfred Juraczka kürzlich in seiner „Bezirkszeitung“-Kolumne.

Tradition ist wieder modern

Nicht nur das desaströse Wahlergebnis bei der letzten Wien-Wahl (13,9 Prozent) zeigt: Die ÖVP hat Wien nicht verstanden. So schreibt Markus Figl in seinen Thesen: „Tradition ist wieder modern.“ Auf seiner Homepage lässt er sich vor einer mit Graffitis besprayten Wand ablichten – dass sich die ÖVP jedoch mehrmals für ein Verbot dieser „Schmierereien“ eingesetzt hat, ist kein Geheimnis. Konservatismus in modernem Gewand also. Ginge es nach der ÖVP, würde die Innenstadt nämlich so aussehen: PolizistInnen am Pferd, Herr F. als rechtschaffener Stadtwächter, der junge H. geht an den Stadtrand, dort sieht ihn keiner, der Schwedenplatz bekommt einen teuren Tunnel, der Ring einige unterirdische Parkgaragen, das Bermudadreieck ein paar schicke Lokale.

Endlich kommt die Bim, denke ich mir. Herr F. hat seinen Frust herausgeschrien. Die Tschick drückt er genüsslich am Boden aus. So wie es ein rechtschaffener Bürger eben tut.

Foto: Schwedenplatz bei Nacht © Cha già José


Kommentieren


+ 9 = 13