shutterstock_158354921

Kolumne: Kavaliere, Komplimente und Katzenrufe

10. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

Mit den sommerlichen Temperaturen und Hitzerekorden kommt auch ein weniger schönes Thema ans Licht: sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit, auch zusammengefasst unter Street Harassment. Ob Nachpfeifen, Hinterherbrüllen, im Vorbeifahren penetrant hupen oder Genitalien entblößen: die meisten Frauen haben alles schon ein- oder mehrmals durchlebt. Auch in der Politik wird diskutiert, ob sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit bestraft werden sollte. Ja, sie sollte.

Kolumne: Jelena Gučanin

„Ich wurde so oft belästigt, das ich nicht mehr weiß, wann es zum ersten Mal passiert ist. So ,normal‘ ist es mitterweile geworden.“ „Das erste Mal wurde ich mit neun Jahren belästigt. Ein paar Männer haben mir angeboten, mit ihnen mitzufahren, da ich zu ,gut aussehe, um alleine zu gehen‘.“ „Ich wurde das erste Mal mit 12 belästigt. Ein Mann fragte auf der Straße penetrant nach meiner Telefonnummer. Er sagte, ich hätte ein junges Gesicht, aber einen erwachsenen Körper.“ „Ich war 11 Jahre alt, als ich mit meiner Mutter unterwegs war und ein paar Feuerwehrmänner riefen, sie könnten sich nicht zwischen uns entscheiden.“ „Mit 10 ging es los, ich hatte immer Angst vor dem Schulweg.“

Frauenrealitäten. Diese und andere Geschichten wurden unter dem Hashtag #firstharassed in den letzten Wochen auf Twitter gesammelt. Sie zeigen eindeutig: sexuelle Belästigung fängt schon im Kindesalter an. Sie ist Bestandteil davon, wie Frauen leben, sich kleiden und sich in der Öffentlichkeit verhalten. Vor diesem Hintergrund erscheinen die derzeitigen Diskussionen über die strafrechtliche Verfolgung sexueller Belästigung fast zynisch. So redet der Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) tatsächlich davon, dass es „nicht möglich wäre, zu unterscheiden zwischen im Prinzip noch tolerierbaren Berührungen und solchen, die es nicht mehr sind“. Das Problem dabei ist, wie so oft: die Opfer werden in die Rechtfertigung geschickt, sie haben keine Definitionsmacht darüber, was sie selbst als Belästigung empfinden. Alltagssexismus ist immer noch ein Tabuthema. Dabei sprechen die Zahlen für sich: drei von vier Frauen waren schon Opfer sexueller Belästigung.

Cat Calling. Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum ist kein „Kavaliersdelikt“. Und als solches darf es auch nicht behandelt werden. Eine Reform des Strafrechts in dieser Hinsicht würde weit mehr bewirken: das Thema erhielte dadurch lange überfällige Öffentlichkeit und in Zukunft notwendige Sensibilisierung. Im Gleichbehandlungsgesetz für die Arbeitswelt gibt es einen solchen Paragrafen bereits. Dieser besagt, dass Belästigung dann vorliegt, wenn eine unerwünschte Verhaltensweise „die Würde der betroffenen Person verletzt oder dies bezweckt“ und ein „einschüchterndes, feindseliges, entwürdigendes, beleidigendes oder demütigendes Umfeld schafft“. Warum also sollten Übergriffe in der Arbeitswelt bestraft werden können, überall sonst aber nicht?

Solidarisiert euch, schreitet ein, wehrt euch. Die Non-Profit-Organisation „Hollaback“ etwa sammelt Geschichten und organisiert Aktionen, um Street Harassment ein Ende zu setzen. Denn: Frauen sind keine Objekte, über die verfügt werden kann. Sie haben Geschichten, Gesichter und Persönlichkeiten. Das alles wird ignoriert, wenn der öffentliche Raum zur Angstsphäre und alles, was nicht der männlichen Norm entspricht, aus dieser vertrieben wird. Das Lächerlichmachen und Verweigern dieser Realitäten beweist nur, dass das Problem noch viel tiefer sitzt.

Und nein, liebe Männer: Belästigung ist nicht „okay“, sie ist weder ein „Kompliment“ noch ist sie ein Zeichen eurer unbändigen „Männlichkeit“. Vielmehr ist sie pure Respektlosigkeit und im wahrsten Sinne des Wortes: lästig. Also bitte, lasst es doch ganz einfach sein und lernt endlich Respekt.

Foto: © Shutterstock

Kommentieren


5 − 3 =