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„Keiner weiß, was es heißt, integriert zu sein!“

20. September 2016 / von / 0 Kommentare

ORF3-Moderatorin Ani Gülgün-Mayr erzählt im Gespräch mit Dino Schosche, wie man bei Columbo am Anfang herausfindet wer der Mörder ist und warum sie von alleine ihren Migrationshintergrund nicht vergessen kann.

WV: Ich war noch nicht beim ORF, aber ihr schickt regelmäßig jemanden, der mich zuhause besucht.
ANI: (lacht) Stimmt, die GIS … Aber die kommen auch zu mir, ich muss ja auch die Gebühren zahlen.

WV: Ich habe gehört, das ist ein Kündigungsgrund, wenn du das nicht zahlst.
ANI: Ja, genau. Lustigerweise war die GIS zu bezahlen das erste, was mein Vater gemacht hat, als er 1971 nach Österreich gekommen ist, weil ihm das so gesagt wurde, dass man das so macht.

WV: Wie kamst du dazu, eine Fernsehmoderatorin zu werden?
ANI: Ich habe ein Casting für den ORF-Pool gemacht – die haben so einen Pool, wo man Moderatoren je nach Format herausfischen kann. Dort haben mich die von ORF3 vor dem Sendestart auf der Suche nach einer Moderatorin gefunden und noch einmal gecastet und dann wurde ich auch genommen für Kultur Heute.

WV: Welchen Beruf wolltest du als Kind ergreifen?
ANI: Als Kind weiß ich nicht mehr, aber während dem Studium wollte ich eigentlich Kriminalpsychologin werden.

WV: Weil du alle Columbo-Folgen auswendig kannst?
ANI: Ja, woher weißt du das? (lacht) Ich habe Psychologie studiert und mich haben einfach die psychologischen Aspekte eines Straftäters interessiert. Aber dann ist es doch ganz anders gekommen: ich war bei Echo, dort war ich Jugendarbeiterin, Sozialarbeiterin, Streetworkerin. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht.

WV: Ist dein Migrationshintergrund in deinem Beruf eher ein Vorteil oder ein Nachteil?
ANI: Allein dieses Wort geht mir unglaublich auf die Nerven.

WV: Mir auch.
ANI: Ich merke ganz eigenartige Vorteile, wo man dann jemanden mit Migrationshintergrund sucht beispielsweise für eine Diskussionsrunde. Am liebsten wäre mir, wenn das einfach egal wäre, wenn man die Ani Gülgün als Moderatorin und Journalistin so ernst nimmt und für ihre Leistung schätzt, und nicht aufgrund des Migrationshintergrundes Aufträge verteilt.

WV: Und sind wir schon so weit?
ANI: Nein, noch lange nicht. Es verwundert immer noch sehr viele, dass man in einem ungefärbten Deutsch spricht, dass man integriert ist, was auch immer das bedeuten mag, keiner weiß es. Ich glaube die österreichische Bevölkerung erinnert einen immer wieder daran, dass man einen Migrationshintergrund hat. Von alleine hätte ich es schon vergessen.

WV: Denkst du dass die Vielfalt der österreichischen Gesellschaft in der Medienlandschaft angekommen ist?
ANI: In meiner Jugend habe ich jede Woche die Lindenstraße geschaut und da war eine griechische Familie. Die war zwar nicht aus der Türkei, aber doch aus einem südlichen Land und es hat mich immer wahnsinnig gefreut deren Probleme innerhalb dieser Serie zu sehen. Ich habe damals gemerkt, wie schön es ist, wenn man sich selbst oder Strukturen der eigenen Familie im TV wiedererkennt. Aber wir sind noch nicht so weit, dass die Medien unsere Gesellschaft widerspiegeln. In Österreich ist es so, dass die ZuseherInnen sehr großen Wert darauf legen, dass man ein sehr ungefärbtes Deutsch spricht. Schon wenn ein Tiroler Einschlag ist, bekommt man Zuschriften, was denn da los ist, geschweige denn wenn es ein deutsches Deutsch ist.

WV: Kommen wir zum Lifestyle: Was muss man können um die Ani von ORF 3 zu werden?
ANI: Du musst viel arbeiten, du musst teamfähig sein, und du musst viel arbeiten (lacht).

WV: Du führst Live-Interviews und Moderationen vor einem Millionenpublikum. Wie gehst du mit solchen Drucksituationen um?
ANI: Da ist der Adrenalinspiegel ganz hoch…

WV: Immer noch?
ANI: Ja, aber das ist gut. Das führt zu perfekteren Leistungen. Live-Auftritte mag ich ja eigentlich am liebsten.

WV: Was war dein schönster Fernsehmoment?
ANI: Der schönste Fernsehmoment war das Interview live mit Konstantin Wecker im Oktober am Heldenplatz. Wir waren Live on Air für die Lange Nacht der Museen und gleichzeitig war das Refugees Welcome Konzert am Heldenplatz. Dort haben wir noch schnell ein Interview mit Konstantin Wecker geführt zu der Flüchtlingssituation und es war einfach sehr schön zu sehen, wie viele ÖsterreicherInnen dieses Willkommenheißen ernst gemeint haben und wie das auf einem historischen Platz war.

WV: Und die größte Panne?
ANI: Da gab es einige (lacht) wir sind ja mit einem sehr jungen Team gestartet und am Anfang mussten wir alle viel lernen. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern mit dem Direktor der Albertina, Klaus Albrecht Schröder, und unser Kameramann hat vergessen beim Interview auf Record zu drücken. Im Nachhinein war das eine sehr lustige Situation, währenddessen nicht so. Ja und Paulus Manker – das Interview in den letzten Monaten war natürlich eines der Highlights. Da wurde auch einiges weggeschnitten. Da war zum Beispiel die Situation wo ich ihm gesagt habe Alma heißt auf Portugiesisch Seele. Nein, auf Spanisch hat er gesagt und ich habe gesagt nein auf Portugiesisch und dann hat er gesagt Sie können das gar nicht wissen, Sie sind Türkin. (lacht) das haben wir weggeschnitten. Aber er macht diese Unkorrektheit auf sehr liebevolle Art und Weise.

WV: Wie nahe gehen dir die Nachrichten aus der Türkei?
ANI: Es gehen einem die Nachrichten aus der alten Heimat immer nahe. Also was dort passiert betrifft einen, wenn man Familie oder Freunde dort hat, das ist immer etwas was einen berührt.

WV: Du bist mit zwei Jahren nach Österreich gekommen. Erinnerst du dich noch an etwas?
ANI: Nein, nur an die Erzählungen meiner Mama, dass sie geweint hat, als sie in Wien in die Einzimmerwohnung mit Klo am Gang gekommen ist. Sie kam ja aus Istanbul, dort haben Wohnungen 3-4 Zimmer und sie kam in die Brigittenau in die Leipzigerstraße in die kleine Wohnung. Dieses Europa, das uns immer so vorgegaukelt wurde, wo alles so der Nabel der Welt ist, das war es nicht. Und das war es lange nicht.

WV: Wie war deine Kindheit in Brigittenau?
ANI: Grau. Ich kann mich nur an ein graues Brigittenau erinnern. Wir hatten nur alte, vereinsamte Menschen im Haus, die immer Ribiselkuchen gemacht haben. Wenn mir mit 6, 7 Jahren langweilig war, habe ich sie besucht und habe einen Kuchen bekommen und sie haben mir über den Krieg erzählt und wie schlimm es war als die Russen gekommen sind.

WV: Wann hast du bemerkt dass du anders bist?
ANI: Das schwingt immer mit. Ich habe eine Erinnerung an meine Kindheit in der Volksschule, wo ich meine Lehrerin angebettelt habe, sie soll mich mit zwei N schreiben, weil ich gemerkt habe, durch dieses eine N bin ich anders. Sie hat gelacht und gesagt „nein, das schreibt man so“ und das war im Nachhinein betrachtet sehr nett von ihr. Ich merke es aber an meinen Kindern wie sie zu mir kommen heute und sagen „Mama wir sind so froh, dass wir auch diese zweite Seite haben“. An das kann ich mich als Kind nicht erinnern, dass ich glücklich darüber war. Ich hatte zwei zusätzliche Sprachen, kannte zwei zusätzliche Kulturen, aber das hat mich nicht glücklich gemacht. Es war eine Einzigartigkeit die im Out steht.

WV: Bist du eine typische Wienerin?
ANI: Ich bezeichne mich als Wienerin, aber der Außenblick ist eben auch ein wichtiger. Wie werde ich wahrgenommen?

WV: Wie sind die, die dich anders wahrnehmen?
ANI: Nicht zeitgemäß, ewiggestrig.


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