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Karl Markovics: „Unser Beruf hat mit Existenzangst zu tun“

22. Juni 2014 / von / 0 Kommentare

Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Karl Markovics spricht über seine Geburtsstadt Wien, seinen neuen Film und den Brotberuf des Filmemachers.

Interview: Jelena Gučanin | Fotos: Igor Ripak

Herr Markovics, Sie sind in Wien geboren und aufgewachsen. Was nehmen Sie aus dieser Stadt mit in Ihre künstlerische Arbeit?

MARKOVICS: In erster Linie meine Sprache. Ich bin zweisprachig aufgewachsen: Hochdeutsch über meine Mutter und die Schule und Wienerisch über meinen Vater. Es ist unglaublich wichtig, das nicht zu verlieren. Denn Wienerisch ist so eine reiche Sprache, die von den Einflüssen, die neu in diese Stadt dazukommen, geprägt wird. So etwas ist wichtig, spannend und lebendig. Ansonsten kann man schwer sagen, welche Einflüsse einen geprägt haben. Weil die sind irgendwann einmal so ein Teil von einem selbst geworden, dass man das nicht mehr unterscheiden kann, ob die immer schon da waren oder später dazugekommen sind.

Haben Sie Lieblingsplätze aus Ihrer Kindheit?

MARKOVICS: Aufgewachsen bin ich in Stammersdorf. In die Schule gegangen bin ich in Floridsdorf. Aber Lieblingsplätze habe ich keine. Ich war immer gern woanders. Ich bin kein extrem sesshafter Mensch. Ich bin gerne wo zuhause, aber in meiner Arbeit vor allem, ist das immer dort, wo ich noch nicht war.

Sie sind trotz allem Ihrer Geburtsstadt treu geblieben. War es jemals eine Option, woanders zu leben?

MARKOVICS: Wenn ich etwa länger in London bin, schon. Wenn ich länger in New York bin, auch. Es gibt einige Städte, etwa auch Lissabon und Madrid, bei denen ich mir vorstellen könnte, eine Zeit lang dort zu leben. Aber das hat sich nicht ergeben, weil mein Arbeitszentrum in Wien ist.

Bereits in Ihrem Film „Atmen“ haben Sie auf einen „Laienschauspieler“ als Hauptprotagonisten gesetzt. In der Theaterproduktion „Ausnahmezustand Mensch Sein“, die Sie zuletzt begleitet haben, wurde auch so gearbeitet. Hat das einen bestimmten Grund?

MARKOVICS: Ich mache da keinen Unterschied. Ich bin nicht der Überzeugung, dass man den Beruf lernen kann. Ich halte nichts davon, einem Menschen einzureden, auf eine Schauspielschule zu gehen, um zu „lernen“, wie man Theater spielt oder Schauspieler wird. Du kannst dort höchstens ein paar Tricks mehr kennenlernen und lernen, dich besser auszudrücken. Aber wenn du nicht das Talent hast und die Urbegabung nicht so verdrängt ist, dass sie nicht mehr raus kann – weil die hat im Grunde genommen jeder – funktioniert es nicht. Bei vielen Menschen ist sie versteckt oder in so tiefen Falten drinnen, dass sie sich nicht mehr zur Gänze ausbreiten kann. Aber wenn du das nicht von vornherein hast und kannst, dann hilft dir keine Schule. Ich mag die Trennung zwischen „Laie“ und „Profi“ gerade beim Schauspiel überhaupt nicht. Ich war auch nie auf einer Schauspielschule. Streng genommen müsste man mich auch als „Laien“ bezeichnen.

Wie sinnvoll sind solch elendslangen und oft auch erniedrigenden Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen wie dem Max-Reinhardt-Seminar wirklich?

MARKOVICS: Es geht gar nicht anders. Denn es wollen so viele Menschen Schauspieler werden und auf Schauspielschulen gehen. Man kann nur Aufnahmeprüfungen machen. Die sind natürlich je nach Situation auch nicht unbedingt angenehm für die Einzelnen. Es kommt immer drauf an, wer in der Kommission sitzt, wie die umgehen mit dem und ob man denen sympathisch ist oder nicht. So ist es – aber so ist es im Leben auch. Da finde ich nichts Besonderes dran, das verstehe ich auch. Warum Schauspielschulen immer noch von so vielen Leuten angestrebt werden, ist, weil diese Schulen natürlich wie jede Art von Ausbildung jemandem ein gewisses Handwerkszeug in die Hand geben. Ein Abschluss ist etwas, das man vorweisen kann. Es ist auch eine Art von Netzwerksystem. Man ist mit Leuten im Jahrgang, die dann auch Schauspieler werden, oder Regisseure. Man trifft sich später wieder.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die kulturelle Vielfalt auf Österreichs Bühnen und im österreichischen Film? Gibt es hier noch Luft nach oben?

MARKOVICS: Es ist schwierig. Film und Theater spiegeln in der Regel die Gesellschaftsverhältnisse wider. Und es ist eine Tatsache, dass die Mehrheit der Gesellschaft deutsch geprägt ist, mit hier geboren ist und so weiter. Das ist immer die sogenannte „Leitkultur“. Davon ist alles geprägt, auch Theater und Film. Aber hier leben auch schon etwa türkischstämmige Menschen in der zweiten und dritten Generation. Ich erinnere an den Film „Kuma“ von Umut Dağ oder den großen Sieger beim österreichischen Filmpreis „Deine Schönheit ist nichts wert“ von Hüseyin Tabak, die im türkischen Milieu spielen und wo dann natürlich sehr viele Leute aus dieser Ethnie mitspielen. In der Regel haben Sie einen Film, der irgendwo spielt und in diesem Verhältnis, wie häufig die Menschen in der Gesellschaft vorkommen, kommen sie dann auch im Film vor. Sprich: eher in Randprozenten. Mein Name zeigt ja, dass ich kroatischstämmig bin. Mein Urgroßvater war Kroate in Ungarn und ist nach Wien gezogen. Aber einer gewissen Generation ist das überhaupt kein Thema mehr. Der oder die wird ein Wiener sein, bei dem – wenn man es ihm nicht extrem an der Hautfarbe anmerkt – es kein Thema mehr sein wird, welche Rolle er spielt. Bei der Hautfarbe wird es gerade bei uns noch um einiges länger dauern, fürchte ich. Aber es hat auch in Amerika schwere Kämpfe und mehr als nur ein paar Jahrzehnte gedauert, bis das selbstverständlich geworden ist. Aber es passiert. Es braucht aber wie immer: Zeit.

Ihr neuer Film, der 2015 fertiggestellt wird, heißt „Superwelt“. In der Beschreibung heißt es, der Film handle von der „Beziehung zu allem, dem Fluch der Erkenntnis und der Erlösung des ,Ich‘ im ,Du‘“. Was kann man sich darunter vorstellen?

MARKOVICS: Es geht um Gott und die Welt. Mehr will ich im Moment noch nicht darüber verraten.

Für Ihren Film „Superwelt“ haben Sie Filmförderung zugesagt bekommen. Müssen auch so bekannte Namen wie Ihrer noch um jeden Cent Fördergeld kämpfen?

MARKOVICS: Es ist eine Tatsache, dass man ohne Filmförderung keinen Film machen kann. Das ist so. Das hat seine Vor- und Nachteile. Wir haben kein privates Geld, es gibt keine Filmindustrie, es gibt keine Investoren. Der Markt ist zu klein, als dass man mit österreichischen Filmen auch wirklich Gewinn machen kann. Also leben wir von der staatlichen Förderung. Das hat aber den unendlichen Vorteil, dass wir unabhängig sind. Also kein Geldgeber, kein Produzent, der sein eigenes oder geliehenes Kapital reinsteckt, kann einem Regisseur vorschreiben, wie er diesen Film machen muss. Diese Freiheit würde ich nicht gerne für ein zehnmal oder fünfzigmal größeres Budget eines amerikanischen Films tauschen wollen. Ob es für mich schwer war: Nein. Ich habe die Förderung in der ersten Runde bekommen. Aber einfach, weil das Projekt gut ist. Ich bin überzeugt, dass gute Projekte auch gute Chancen haben, gefördert zu werden.

Was können Sie angehenden FilmemacherInnen, die nicht selten von Existenzängsten bedroht sind, auf ihrem Weg mitgeben, außer auszuwandern?

MARKOVICS: Wenig. Damit werden sie leben müssen. Sie werden auch irgendwo anders nicht viel größere Chancen vorfinden. Ich würde es mir wünschen, aber ich würde niemandem raten, auszuwandern. Das, was ich sagen kann, ist: Wenn sie diesen Beruf gewählt haben, dann werden sie mit Existenzängsten leben müssen. Das ist so. Es gibt diesen Beruf nicht ohne Existenz-ängste. Wenn ich von Burgschauspielern höre, die Existenzängste haben, dann kann ich dafür, ehrlich gesagt, kein großes Mitgefühl empfinden. Das ist unser Beruf. Unser Beruf hat mit Existenzangst zu tun. Burgschauspieler haben Burgtheatergehälter – und da hört sich mein Verständnis sowieso auf. Das ist ein Thema, wo ich mich jetzt lange ärgern könnte. Wie auch immer, es ist leider so.

Die prekären Arbeitsverhältnisse ziehen sich ja auch weiter in die Crew und die Leute, die hinter der Kamera und der Bühne arbeiten.

MARKOVICS: Ja, das stimmt. Ich kann nur sagen, dass jeder anständige Produzent und jeder anständige Regisseur darauf achtet, dass das nicht der Fall ist. Aber wenn es in dem Projekt überhaupt kein Geld gibt, wird es schwierig. Beim Filmemachen macht der Job aber wenigstens Spaß.

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