DSC_1400

„Ist die Welt jetzt Österreich oder doch mehr?“

16. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

WIENER VIELFALT traf die Kabarettisten Franz Stanzl und Martin Strecha-Derkics alias Gebrüder Moped und ihre Kollegin Susanne Pöchacker zum gemütlichen Essen im „Purple Eat“ am Meidlinger Markt. Sie sprachen über den berühmten Tellerrand in  Österreich, nicht verstandene Satire und Tabuthemen im Kabarett. Ihre Lieblingswitze haben sie uns auch gleich verraten.

Interview: Jelena Gučanin | Fotos: Igor Ripak

Martin, du hast vorgeschlagen, dass wir uns hier im „Purple Eat“ in Meidling treffen. Was gefällt dir denn an dem Lokal und am Bezirk?


MARTIN: Der Bezirk hat schon einen sentimentalen Wert für mich. Ich mag Meidling einfach. Das Lokal selbst finde ich außerdem von der Grundidee und Umsetzung großartig.

Der Verein „Purple Sheep“, der hinter diesem Lokal steckt, setzt sich für die Rechte von AsylwerberInnen ein. Wenn man sich eure Arbeit ansieht, scheint das auch für euch ein wichtiges Thema zu sein. Was läuft hier in Österreich eigentlich schief?


MARTIN: Das meiste eigentlich. Es rennt derzeit viel falsch. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen völlig desinformiert sind. Weil das Thema medial dermaßen hochgespielt wird, dass man den Eindruck hat, man redet von hunderttausenden Menschen. Und in Wirklichkeit sind es ein paar Tausend. Wir haben ein paar schöne Vergleichszahlen: in Österreich gibt es 80.000 Millionäre – wenn jeder einen Asylwerber aufnehmen würde, dann müssten die eine Lotterie veranstalten, dass überhaupt einer drankomm. SUSANNE: Es wäre wichtig, dass AsylwerberInnen arbeiten dürfen. Arbeit ist etwas, in dem wir uns wiederfinden und neu erfinden, in dem wir uns g’spüren. Jemandem zu sagen, sich gefälligst zu integrieren und ihn dann gleichzeitig nicht arbeiten zu lassen, ist wie, jemandem zu sagen: „Mach’ einen Felgaufschwung im Nebenraum, aber ohne Reck, und wir schauen zu.“ Später fragen wir dich aber, warum du nicht mitgeturnt hast.

Susanne, vor ein paar Wochen hast du eine Benefizgalanacht zu Gunsten des „Neunerhauses“ veranstaltet. Kümmert sich Wien gut genug um seine Obdachlosen?


SUSANNE: Da fehlt mir, ehrlich gesagt, der Überblick,  ich habe aber ein Gefühl für das Thema. Ich komme aus einer recht einfachen Familie – ich bin so erzogen worden, dass ich denen, die nichts haben, etwas gebe. Das war wie Handgeben und Grüß-Gott-Sagen. Durch das „Neunerhaus“ habe ich gesehen, dass der Umgang mit Obdachlosen auf Augenhöhe möglich ist. Was mir auffällt, dass es immer salonfähiger wird, zu sagen: „Die wollen ja alle nix arbeiten.“ Das sind so Standardsprüche, auch in Akademikerkreisen – falls das irgendwas ist, mir ist das ja eher wurscht. Bobogfraster.

Martin und Franz, ihr beiden habt kürzlich eine Kolumne über das neue Suchthilfezentrum im 9. Bezirk geschrieben. Wo bleibt bei den Protesten das „goldene Wienerherz“?


FRANZ: Das ist nicht allein ein Wiener Problem, es ist ein menschliches. Nach dem Prinzip: Wenn’s nicht bei mir passiert, dann macht’s es – sobald es bei mir in der Nähe ist, wird’s schwierig. In einer Großstadt gibt es nun mal Probleme, gibt es Gewalt und Sucht – und dafür braucht es auch Einrichtungen. Das Wichtige ist, dass so etwas nicht in die Peripherie gedrängt wird. SUSANNE: Ich beobachte, dass es für alles Zonen gibt. Es gibt die Hunde-, die Kinder-, die Raucherzonen. Bald gibt’s Lachzonen, Nichtlachzonen und Altenzonen. Anstatt wirkliche Diversität zuzulassen, geht jeder in seine Zone, damit er sich dort wohlfühlen kann.

Damit man weiß, worauf man sich in Zone X und Y einlassen kann.


MARTIN: Genau. Toleranz fängt aber erst dort an, wo es auch mir ein bissl wehtut und wo ich mich selbst hinterfragen muss. SUSANNE: Die Wahrnehmung anderer Perspektiven ist die erste Stufe. Wir sollten stolz sein, wenn wir es in Diskussionen schaffen, einfach nur zu sagen: Aha, da ist eine andere Perspektive. Das müssen wir auch im Kabarett machen.

Weil du den Beruf der Kabarettistin ansprichst: Ist es als Frau schwieriger, in diesem Job „lustig“ genommen zu werden?


SUSANNE: Ich erlebe es eher so, dass wir andere Humorfenster haben. Da ändere ich meine Meinung mittlerweile auch. Tiefe Witze will von Frauen niemand hören, heißt es oft. Gleichzeitig will ich das bei Männern aber auch nicht sehen. Es ändert sich gerade viel – die Frage bleibt immer: Wie lang muss sich jemand absichtlich sichtbar machen, damit es normal wird, dort hin zu schauen? Ich habe keine Antwort dazu.

Euer aktuelles Programm heißt „Tellerrandtango“. Worum geht es in dem Stück?


FRANZ: Um die ganze Welt in Österreich. Um das Schrullige, das Enge, das Begrenzte. Dieses „Ja nicht weiterdenken“, mein Haus, mein Land, das gehört alles mir. Es geht immer um die Frage: Ist die Welt jetzt Österreich oder doch mehr?

Die Gebrüder Moped sind ja hauptsächlich durch Twitter und Facebook bekannt geworden. Wie wird man in Österreich weltberühmt auf Twitter?

FRANZ: Wir versuchen gerade die Brücke zwischen Internet und Bühne zu finden. Im Internet können wir uns gut positionieren und haben hier unsere Nische gefunden. Es ist ja gut, dass wir uns hier alle ein bisschen voneinander unterscheiden. Uns ist es da nie um Erfolg gegangen. 2008 habe ich begonnen, zu twittern. Weil es mir Spaß gemacht hat, zu Fernsehsendungen und Diskussionen meinen Senf dazu zu geben. Seit einigen Monaten twittern wir als Gebrüder Moped. Man kriegt im Laufe der Jahre ein Händchen fürs pointierte Formulieren. SUSANNE: Das ist das, was ich an Twitter mag: Man lernt, sich kurz zu halten. MARTIN: Facebook funktioniert eher mit Fotos. Aber wenn das alles jemanden nicht total Spaß macht, würde ich nicht empfehlen, das nur wegen der Karriere zu machen. Das muss von innen heraus kommen.

Apropos Social Media: Ich habe ein paar böse Kommentare über euch gesammelt. Da schreibt etwa jemand, euer Humor „reicht gerade einmal für Standard- oder Falter-Leser“ oder ihr wärt „(Möchtegern-)Kabarettisten“. Nehmt ihr solche Kritiker ernst?


MARTIN: Ich nehme sie schon ernst, indem ich sie mir durchlese und mich frage, was sich der Mensch dabei gedacht haben könnte. Gerade bei religiösen Sachen, wie dem Betlehem-Bild, bei dem wir Maria, Josef & Co. als AsylwerberInnen darstellen, sehen die Leute das oft nicht als Satire. SUSANNE: Bei religiösen Themen hört in Österreich der Spaß auf.

Welche Tabu-Themen gibt es im Kabarett noch?


MARTIN: Das Thema Sexualität, da kann man ordentlich ins Fettnäpfchen treten. Beim Thema Nationalsozialismus passiert das in Wellenbewegungen: Seitdem er in Österreich da war, war er auch nie wirklich weg. Er hat nur in anderen Schlupfwinkeln gewohnt. Dem liegt eine Haltung zugrunde – indem ich mich über etwas erhebe, bin ich besser. SUSANNE: Da fühlen sich viele wohl, in der Abwertung anderer – das funktioniert auch bei Castingshows: daheim sitzen und „die Trottln“ anschauen.

Du organisierst ja einmal im Monat die Anti-Casting-Show „Die kleine Chance“. Worum geht‘s da?


SUSANNE: Es ist eine Impro-Show mit der Botschaft: Mit der Abwertung anderer schade ich nur mir selbst. Desto weniger werde ich mich wo hinaustrauen und Neues ausprobieren. Ich versuche, die Spielfreude und die Improvisation, die viel Mut braucht, in den Vordergrund zu stellen.

Im Februar 2014 eröffnete der lila Marktstand am Meidlinger Markt: das „Purple Eat“. Gegründet wurde das Lokal vom Verein „Purple Sheep“, der sich für die Rechte von Asylwerber-Innen in Österreich einsetzt.
Es gibt täglich wechselnde Tagesgerichte aus aller Welt nach Originalrezepturen. Dazu werden Bioweine, -bier und –säfte serviert.
Die Preise im „Purple Eat“ sind sensationell niedrig: Ein Tagesgericht mit Vor- und Nachspeise sowie Salat kostet gerade einmal sieben Euro - freie Spenden erwünscht.
Ein einzigartiges Highlight ist die Vodkakarte mit einem eigenen Premium-Vodkasortiment. Als Vorspeise gab es Kräutertopfenlaibchen und griechischen Salat. 
Die Hauptspeise: köstlicher Somalischer Gemüseeintopf.

Ihr habt vorhin den engen Horizont mancher ÖsterreicherInnen angesprochen. Die Gebrüder Moped schreiben eine Kolumne für vienna.at. Einer eurer „Kollegen“ dort ist Andreas Unterberger. Wer von euch macht jetzt eigentlich die Satire?


MARTIN: (lacht) Das beantwortet die Frage eigentlich schon. Die Online-Plattform bedient so beide Zielgruppen. Es macht uns auch Spaß – mit dem gleichzeitigen Wissen, dass wir für ein Medium schreiben, das nicht aktiv wertet. Wir schreiben unsere Kolumne genauso wie es die „andere“ Seite schreiben würde, nur eben satirisch. Das wird dort dann auch manchmal nicht verstanden. SUSANNE: Die Herausforderung ist ja, das, was mittlerweile unterwegs ist, noch zu überbieten. FRANZ: Du kannst auch übertreiben und die Leute sagen dann: „Na, so ist es ja eh.“ Ein Beispiel: „Wenn du am Amt ein Kopftuch trägst, kommst du gleich dran.“ Super, dann mache ich das doch gleich beim nächsten Mal!

Ich habe ganz vergessen, zu fragen: Woher kennt ihr drei euch eigentlich?


FRANZ: Martin und ich waren gemeinsam in der Schule. SUSANNE: Echt? Das wusste ich nicht. MARTIN: Die Susanne haben wir persönlich im Waldviertel bei einem Auftritt kennengelernt.

Susanne, du hast ja eigentlich Physik fertigstudiert. Wie kommst du dann zum Kabarett?

SUSANNE: Ich habe das Glück gehabt, dass ich sehr gut in Mathematik war und eine Physiklehrerin in Scheibbs hatte, die mein Vorbild war. Dann war ich an der Uni und bin draufgekommen, dass es anders ist. Ich bin draufgekommen, dass ich keine gute Naturwissenschaftlerin bin. Mir sind die Dinge bis auf den Grund eigentlich ziemlich wurscht. Mich interessieren Menschen mehr. Da interessiert mich das Warum. Ich habe aber viel aus der Physik mitnehmen können. Mich interessiert dieser Komet Rosetta mit dem Tschuri – wie kann man das eigentlich so nennen? – nicht so wirklich, auch wenn die Leute großartige Leistungen vollbringen. Ich kenn mich ja nicht mal da herunten aus. Trotzdem habe ich das Studium fertig gemacht, weil ich ziemlich diszipliniert und konsequent sein kann.
 

War für euch beide, Martin und Franz, immer klar, dass ihr Kabarett machen wollt?

FRANZ: Nein. Wir sind mehrfache Studienabbrecher. Diese Studien gibt es heute alle gar nicht mehr (lacht). Ich habe Musik gemacht, Kulturarbeit. Aber Kabarett machen wir seit 2008 offiziell zusammen.

Zum Schluss würde ich gerne euren Lieblingswitz hören.


SUSANNE: Meiner ist Geschmackssache (lacht). Kommt ein Engländer in Frankreich zum Bahnhof und sagt: „Two to Toulouse“. Der Schalterbeamte schaut ihn an und sagt: „Tä tä Tärä.“ FRANZ: Mein Lieblingswitz ist vom Martin: Wie nennt man ein Arschgeweih im urogenitalen Bereich? Urogweih. MARTIN: Ich hab‘ einen jüdischen Witz. Kommt ein alter Mann zum Rabbi und fragt: „Meine junge Frau ist schwanger. Kann das Kind von mir sein?“ Der Rabbi überlegt und sagt: „Auf jeden Fall is a’ Wunder. Weil: Ist das Kind von dir – is’ a Wunder! Und is‘ das Kind nicht von dir – is‘ a Wunder?“ FRANZ: Ich finde auch einen Witz von mir sehr gut (lacht). Treffen sich zwei blaue Funktionäre. Sagt der eine zum anderen: „Und, welches ist dein Lieblings-Gericht?“

Kommentieren


9 × = 81