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„Irgendwo sind wir ein kleiner Pups in einem großen Raum“

23. September 2015 / von / 0 Kommentare

Das Eduard im 15ten Bezirk ist und kann vieles. Es ist neu und frisch, man kann dort ausgezeichnet frühstücken und rund um die Uhr und den Globus essen. Es scheint ein umgedrehtes Spiegelbild des Wirtshauses Quell zu sein, das den gleichen Besitzer hat. Interviews kann man dort auch führen. Wir haben uns hier mit dem Kabarettisten-Duo Gerafi und der Musikerin Nicole Jaey getroffen.

Interview: Klaudija Dabic | Fotos: Igor Ripak

WV: Seid ihr zufällig bekannt geworden?

GERALD: Wir sind im Laufe der Zeit immer ein bisschen bekannter geworden und vor ungefähr eineinhalb Jahren haben wir angefangen unsere Sache als Job zu sehen. RAFAEL: (unterbricht Gerald) Wir sind jetzt doch schon mehr als zehn Jahre auf der Bühne. Bekannt wurden wir von Freundeskreis zu Freundes-Freundeskreis zu jetzt gar nicht mal mehr Freundeskreis. Unsere erste Plattform war Mikes Werkstatt im 3ten Bezirk, hier konnten wir dank unserem Freund Mike erste Bühnensporen sammeln. Hätten wir ihn nicht gehabt, hätte es uns sicher irgendwo anders auf die Bühne gedrückt, so ging es schneller. NICOLE: Ich habe vor dreieinhalb Jahren angefangen zu produzieren und bekannt geworden bin ich dann durch das Popfest 2014. Das Popfest ist toll was Öffentlichkeitsaufmerksamkeit angeht. Gleichzeitig habe ich auch mein erstes Album herausgebracht und ab da hat eins zum anderen geführt und die Bookings sind immer mehr geworden.

WV: Befreit es euch auf der Bühne zu stehen und zu machen, was ihr macht?

NICOLE: Mich macht es eher glücklich. Wenn ich auf der Bühne stehe und den Menschen gefällt, was ich mache, dann gibt mir das ein extrem gutes Gefühl. Vor Auftritten habe ich vorrangig Lampenfieber. GERALD: Für mich ist es eine Befriedigung, gerade bei Kleinkunst, einen Text oder Musik, die man selber geschaffen hat, oder eine Kombination von beidem einem Publikum präsentieren zu können, das bereit ist, seine Zeit und sein Geld zu investieren und danach auch noch glücklich über das Resultat ist. Nach Zongo, unserem letzten Programm, sind Leute zu uns gekommen und haben uns gesagt, dass ihnen das Programm noch Tage danach im Kopf umher gegangen ist. Also würde ich es eher als Befriedigung bezeichnen als als Befreiung, es macht mich zu keinem anderen Menschen. RAFAEL: Befreiend finde ich es, Musik zu machen, mit meiner Band Zapp Galura. GERALD: Was ist Freiheit?

WV: Könnt ihr von eurer Kunst leben?

RAFAEL: (lacht) Was heißt leben? Nein. Ich bin nebenbei Kellner. Wir haben beide zwei bis drei Tage die Woche einen Job, der uns finanziell über Wasser hält. GERALD: Ich bin nebenbei in einem touristisch ausgeprägten Betrieb in der Innenstadt tätig und konnte dank der Kunst, die in diesem Jahr passiert ist, die Schulden, die ich im letzten Jahr aufgebaut habe tilgen. NICOLE: Ich mache die Musik nebenbei, hauptberuflich bin ich selbstständig mit einem Zeichenbüro und mache Elektrokonstruktion.

WV: Findet ihr euch lustig bzw. talentiert?

NICOLE: Die Komiker sollen zuerst antworten. GERALD: Ich finde wir sind lustig und talentiert. Ist es angeberisch sich selber lustig und talentiert zu finden? Ist es politisch korrekt, sich selber okay zu finden? Ich hätte mit der ersten Antwort aufhören sollen. NICOLE: Ich halte mich tatsächlich auch für talentiert in manchen Bereichen, aber Komikerin werde ich nicht mehr in diesem Leben.

WV: Gibt es Menschen in eurem Umfeld, die finden, dass ihr zu weit geht, mit dem was ihr macht?

GERALD: Meine Mutter hat sich sehr gefürchtet, als wir das „Christenrap“-Video online gestellt haben. RAFAEL: Wir wurden bisher eher selten ausgebuht. Es gab einige Leute, die sich durch den Christenrap angegriffen gefühlt haben. GERALD: Wir verarschen ja nicht den Glauben an sich, sondern die Engstirnigkeit der institutionalisierten Kirche. Das Video ist jetzt seit über einem Jahr online und wir haben noch keine Morddrohungen bekommen. Das beruhigt. Für eine Mohammed-Karikatur wäre ich zum Beispiel zu feig. Es ist praktischer weise so, dass unser Humor und die Themen, die uns beschäftigen, sich in einem Bereich bewegen, in dem wir niemanden zu sehr auf den Schlips treten. Wenn etwas lustig ist aber grauslich oder schockierend, dann ist es viel gerechtfertigter, als wenn es einfach nicht lustig ist sondern nur grauslich und schockierend. NICOLE: Wenn man eine gewisse Bekanntheit hat und weiß, wo sein Publikum steht, dann muss man schon aufpassen. Ein Sprung von Club-Musik zu Schlager wird Fans eher enttäuschen glaube ich. Aber das ist nicht mein Plan.

 

 

WV: Würdet ihr einer Taube das Leben retten?

RAFAEL: Kommt auf meinen Terminkalender an. Wenn ich auf dem Weg zu einem Interview wäre, würde ich sie liegen lassen und vielleicht sogar nochmal drauftreten. An sich versuche ich jedoch gute Sachen zu tun. Wenn da zum Beispiel eine Dose auf dem Boden liegt und daneben ein Mistkübel ist, werfe ich sie auch hinein. Und wenn da eine tote Taube liegt. GERALD: Und daneben ein Mistkübel ist. RAFAEL: … dann würde ich sie vorsichtig hineinlegen und mit spitzen Steinen zudecken. NICOLE: Du könntest ihr deine Visitenkarte geben. Ich verstehe die allgemeine Abneigung gegen Tauben nicht, ich liebe Tauben, also ja, definitiv. RAFAEL: Ich verstehe es auch nicht, ich mag Tauben. GERALD: Nein. Ich glaube ich würde nicht einmal bemerken ob eine Taube bewusstlos ist. KLAUDIJA: Ich auch nicht.

WV: Würdet ihr den Eurovision Songcontest moderieren oder mitmachen?

GERALD: Wenn wir es in unserem Stil machen dürften, schon. Nur als Schauspieler und Gesicht würde ich es nicht machen. Außer sie würden es uns anbieten natürlich. Wie schreibt man nochmal Integrität? NICOLE: Schwere Frage.

WV: Habt ihr Urlaube und Projekte für die nächste Zeit geplant?

RAFAEL: Ich fahre nach diesem Interview gleich über Oberösterreich nach Hamburg. Und dann beginnen schon die Vorbereitungen für die neue Saison mit Gerafi. GERALD: Wir haben eine gekürzte Variante von unserem Programm „ZONGO – [Liebe ist doch analog]“ – „ZONGO light“ – die wir im Herbst im Kabarett Niedermair spielen werden und wir sind dabei neue Nummern zu schreiben. Wir werden seit langem wieder zwei Auftritte in Mikes Werkstatt haben. Am 29ten August machen wir wieder unser 24 Hour Play im Cafe Tachles. Das sieht so aus, dass wir uns abends um 21 Uhr treffen, über Nacht viel zusammenschreiben, um das dann am nächsten Abend um 20 Uhr aufzuführen. Weiters hat das Kabarett-Kollektiv „Gemischte Platte“ ein ganz neues Programm, die Premiere wird im Niedermair sein Anfang Oktober. NICOLE: Bei mir hat Urlaub immer etwas mit Musik zu tun. Zuletzt war es das Sonar Festival in Barcelona. Im Oktober spiele ich beim Waves Festival in Bratislava.

WV: Woher kommt die Inspiration für eure Musik und euer Kabarett?

RAFAEL: Bei uns macht es bei mir Klick. GERALD: Rafi ist der Musiker und ich bin der Texter. Wir wechseln uns auch ab und inspirieren uns gegenseitig. Rafi hat ein großes Talent dafür, Ohrwürmer zu schaffen. Wir haben beide eine Abneigung gegen Coversongs. NICOLE: Die Inspiration muss schon da und wir – also Harry Jen und ich – in einer guten Stimmung sein. Fremde Musik inspiriert uns auch. Melodien, Texte und Beats kommen nach einer gewissen Inkubationsphase aus uns heraus. Zuerst ist da eine konfuse Idee, auf diese folgt Warten und eine innere Bearbeitungsphase und dann irgendwann bricht sie heraus.

WV: Ist alles sinnlos?

RAFAEL: Das kommt auf die Relation an. Irgendwo sind wir ein kleiner Pups in einem unendlich großen Raum, der nicht mal die Größe eines kleinen Pupses hat. Andererseits gilt es das Beste aus Allem zu machen. NICOLE: Ich glaube, dass alles Sinn hat. Aus schwierigen Situationen lernt man etwas und das macht Sinn. GERALD: Ich glaube nicht, dass es einen Sinn gibt, aber das ist keine Ausrede.

WV: Bräche eine Zombie-Apokalypse aus – was wäre das erste, das ihr tun würdet?

RAFAEL: Zurückbeißen. NICOLE: Ich würde es mal mit Reden probieren.

WV: Wie findet ihr das Eduard?

GERALD: Frag mich nochmal nach dem Essen. RAFAEL: Ich finde es sehr nett. 100 Punkte von 3. Es ist sehr angenehm, dass hier keine toten Tauben herum liegen. NICOLE: Das Soda Zitron wird mit echtem Zitronensaft gemacht, das ist schon mal gut.


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