Katharina Petter

Ernährungsexpertin Katharina Petter: „Vegan leben ist gesund“

24. Juni 2014 / von / 0 Kommentare

Katharina Petter ist Ernährungswissenschafterin der Veganen Gesellschaft Österreich. Im Interview löst sie die größten Mythen rund ums Vegansein auf und erklärt, worauf man achten muss.

Ernähren Sie sich selbst vegan?

Ich ernähre mich seit über 13 Jahren aus ethischen Gründen vegan, davor war ich einige Jahre Vegetarierin.

Es heißt immer, VeganerInnen fehle es an Vitaminen, Nährstoffen und sowieso fast allem. Aber ist das wirklich so? Leiden sie häufiger an Mangelerscheinungen?

Eine vegane, vollwertige Ernährung ist sehr reich an Vitaminen und Mineralstoffen und bietet Vorteile in der Prävention und Behandlung vieler Erkrankungen. Viele Vitamine wie beispielsweise Folsäure, ß-Carotin oder Vitamin C, aber auch Mineralstoffe wie Kalium sind in der veganen Ernährung sogar deutlich besser vertreten als in der omnivoren Ernährung, also einer Ernährung, die auch Fleisch enthält.  Eine Studie des Instituts für Ernähr-ungswissenschaften an der Universität Wien – nachzulesen im Ernährungsbericht von 2008 – hat die Ernährung von VeganerInnen, VegetarierInnen und AllesesserInnen verglichen. Ergebnis: Bei den meisten Nährstoffen erreichten VeganerInnen eine höhere Aufnahme. Nur bei vereinzelten Vitaminen wie Vitamin B12 sowie Kalzium waren AllesesserInnen etwas besser versorgt. Absurderweise konzentriert sich die Kritik an veganer Ernährung immer auf diese wenigen Nährstoffe, obwohl die meisten AllesesserInnen unter diversen Nährstoffmängeln leiden, beispielsweise Folsäure, Vitamin D oder Eisen.

Was ist Vitamin B12 und warum fehlt es in veganer Nahrung?

Vitamin B12 wird ausschließlich von Mikroorganismen synthetisiert – egal, ob im Rindermagen, in unserem eigenen Darm oder in der Erde. Aufgrund unserer heutigen hygienischen Zustände – die große Vorteile haben, da sie vielen gefährlichen Krankheiten vorbeugen – nehmen wir mit pflanzlichen Lebenmitteln in der Regel heutzutage kein Vitamin B12 mehr auf. Allerdings ist das kein Problem: Vitamin B12 fehlt nicht in der veganen Ernährung, da es über angereicherte Lebensmittel oder Vitamin-B12-Zahnpasta aufgenommen werden kann. Diese Supplementierung ist im Prinzip nichts anderes als bei AllesesserInnen, denn auch das Tierfutter wird normalerweise mit Vitamin B12 und vielen weiteren Vitaminen, Mineralstoffen sowie Aminosäuren versetzt. „Natürlich“ ist demnach auch das Essen von Fleisch und Milchprodukten nicht – ganz im Gegenteil.

Welche Mythen rund um vegane Ernährung nerven Sie besonders und was antworten Sie darauf?

Nach wie vor glauben viele Menschen, dass pflanzliche Lebensmittel nicht ausreichend Protein enthalten würden. Das ist nicht richtig, denn es gibt sehr viele eiweißreiche Produkte: verschiedene Hülsenfrüchte, Sojaprodukte wie Tofu, Tempeh oder Sojamilch, Getreide, Seitan (Weizeneiweiß), Nüsse, Ölsaaten … und selbst Gemüse enthält Eiweiß. Das Protein hat, insbesondere in Kombination verschiedener pflanzlicher Eiweißquellen, auch eine sehr hohe biologische Wertigkeit, das heißt alle essentiellen, lebensnotwendigen Aminosäuren – aus diesen ist Protein aufgebaut – kommen in der Pflanzenwelt in ausreichender Menge vor. Ein Mythos, der leider auch von deutschsprachigen Fachgesellschaften kolportiert wird, ist, dass vegane Ernährung für Kinder, Schwangere und Stillende nicht geeignet wäre. Fachgesellschaften in englischsprachigen Ländern sehen das anders – und die Praxis gibt ihnen recht: Eine vegane Ernährung ist in diesen Lebensphasen kein Problem. Ein weiterer Mythos: Vitamin B12 wäre in Bier, Spirulina, Sauerkraut und ähnlichen Produkten enthalten. Hierbei handelt es sich nur um Analoga, die zwar ähnlich aufgebaut sind wie Vitamin B12, aber nicht dieselbe Wirkung erzielen.

Jemand möchte sich vegan ernähren, ist sich aber trotzdem unsicher – kann man sich mit einer veganen Lebensweise wirklich vollkommen gesund ernähren? Auch im Wachstum?

Selbstverständlich kann man sich vegan vollkommen gesund ernähren – eine vegane, vollwertige Ernährung hat sogar eine gesundheitfördernde Wirkung. Sie ist in jeder Lebensphase gesund, auch im Wachstum. Wichtig ist natürlich, dass man sich abwechslungsreich und vollwertig ernährt und auch Vitamin B12 integriert. Aber auf eine gesunde Ernährung und bestimmte Nährstoffe muss man bei jeder Art von Ernährung achten – auch bei der omnivoren.

Die Ernährung ohne tierische Produkte – welche Vorteile hat sie für den Körper?

Eine vegane Ernährung enthält in der Regel viele Vitamine, Mineralstoffe, Ballast- und sekundäre Pflanzenstoffe, während sie arm an gesättigten Fettsäuren, Cholesterin und Salz ist. Das sind vermutlich die Gründe dafür, dass VeganerInnen nachgewiesenermaßen ein verringertes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, Diabetes mellitus Typ II, erhöhten Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, Arteriosklerose und  Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Allgemeinen haben. Auch die Symptome von Erkrankungen wie Rheumatoide Arthritis, Neurodermitis, Schuppenflechte oder Allergien können durch eine vegane Ernährung reduziert oder sogar gänzlich zum Verschwinden gebracht werden. Die gesundheitsfördernde Wirkung einer veganen Ernährung wird auch von der Academy of Nutrition and Dietetics, amerikanische Fachgesellschaft für Ernährung, bestätigt: Eine gut geplante vegane Ernährung sei gesund, versorge den Menschen mit allen essentiellen Nährstoffen und biete darüber hinaus Vorteile in der Prävention und Behandlung bestimmter Erkrankungen.

Worauf muss ich besonders achten, wenn ich mich vegan ernähren will?

Eine gesunde vegane Ernährung besteht aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Getreide sowie hochwertigen Ölen, Nüssen und Ölsaaten. Wer sich abwechslungsreich auf Basis dieser Lebensmittel ernährt, ist mit den meisten Nährstoffen bestens versorgt. Ein Teil von Gemüse und Obst sollte in Form von Rohkost verzehrt werden. Vorteilhaft ist die Wahl von saisonalen, regionalen Produkten aus biologischem Anbau. Zusätzlich sollte die Vitamin-B12-Zufuhr in Form von angereicherter Zahnpasta, angereicherten Lebensmitteln oder Supplementen sichergestellt werden.

Stimmt es, dass es teurer ist, sich vegan zu ernähren?

Wer sich gesund und vollwertig auf der Basis von viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Getreide ernährt, zahlt in der Regel weniger, als wenn er/sie auch Käse und Fleisch isst. Relativ teuer sind nur vegane Spezialprodukte wie Pflanzenfleisch oder veganer Käse. Diese Produkte sind jedoch für eine gesunde vegane Ernährung nicht notwendig und werden von VeganerInnen in der Regel auch nur eher selten verzehrt. Unfair ist, dass Sojamilch teurer ist als Kuhmilch, da man für sie doppelt so viel Mehrwertsteuer zahlen muss.

Welche Menschen sollten sich nicht vegan ernähren?

Vegane Ernährung ist für alle geeignet – auch für Kinder, Schwangere, Stillende, ältere Menschen und SportlerInnen. Das bestätigt auch die Academy of Nutrition and Dietetics, die größte Ernährungsgesellschaft der Welt, in ihrem Positionspapier zu vegetarischen Ernährungsformen. Eine ausführliche Broschüre über vegane Ernährung für Kinder, Schwangere und Stillende sowie Beispiel-Essenspläne für diese Lebensphasen können auf der Website der Veganen Gesellschaft Österreich heruntergeladen werden.

Mehr Infos zu veganer Ernährung gibt es auf: neu.vegan.at


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