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Ich mag keine glatten Rollen

17. März 2016 / von / 0 Kommentare

Ursula Strauss ist zurück im Kino. Wir haben das zum Anlass genommen und uns mit ihr über ihre Social Media Abstinenz und Lieblingsrollen unterhalten.

Fotos: Igor Ripak

WV: Du bist gerade in der Verfilmung des autobiografischen Nöstlinger-Romans „Maikäfer flieg“ zu sehen. Im Film spielst du die Mutter der jungen Christine. Wie war das für dich?

URSULA STRAUSS: Ich habe mich sehr gefreut, Christine Nöstlingers Mutter spielen zu dürfen. Ich habe ihre Bücher als Kind sehr geliebt und bewundere sie für ihr Menschsein und ihre Literatur.

WV: Im Film geht es um die Zeit des Kriegsendes. War das nicht auch belastend, sich da hineinversetzen zu müssen?

STRAUSS: Ja, es war heftig. Also, ich war dann schon froh, das Kriegskleid ausziehen zu können. Obwohl es ja nur ein Film ist, an dem man arbeitet. Man kann ja immer nur versuchen, eine Annäherung an eine Realität zu finden, die einem fremd ist. Es war ein wahnsinnig heißer Sommer und wir haben am Set fünf Schichten angehabt, weil wir im Film unsere Kleidung am Körper mittransportieren, so wie man es eben tut, wenn man flüchtet und so wie es auch derzeit viele tun. Es ist absurd, wenn man am Drehen ist und einem dabei bewusst wird, dass gerade so viele Menschen genau das erleben, was man da spielt. Wir konnten am Abend ins Hotel uns den Schmutz runterwaschen gehen und uns in einem Bett erholen. Das aber wirklich leben zu müssen entzieht sich ganz und gar meiner Vorstellungskraft. Es ist schon erstaunlich, wie viele Dinge sich gerade wiederholen. Menschen vergessen aber offenbar sehr schnell.

WV: Wie schöpfst du nach einem intensiven Dreh wieder neue Energie?

STRAUSS: Kraft geben mir meine Familie, meine Freunde und mein Mann. Das Wichtigste sind Menschen, mit denen man so sein kann wie man ist – wo man auch manchmal reden kann wie einem der Schnabel gewachsen ist. Wenn man Teil einer Öffentlichkeit ist, und das bin ich in gewisser Weise, muss man immer aufpassen, wie man Dinge formuliert. Diese Kontrolle abgeben zu können, das ist sehr erholsam. Außerdem: Gut kochen oder essen gehen und Sport machen.

WV: Nach einem schweren Autounfall im Herbst 2014 hast du dir eine Auszeit genommen. Hat dich diese Zeit verändert?

STRAUSS: Auch das ist ein Teil meines Lebens und auch darüber bin ich froh. Ja, das hat mich verändert. Ich bin entspannter geworden. Ich habe in dieser Zeit schlimme Dinge erlebt. Ich habe ein Jahr gebraucht, um da wieder rauszufinden, ich habe mir diese Zeit aber auch genommen. Mich kann jetzt nichts mehr so schnell erschüttern. Mich regen Sachen nicht mehr so schnell auf. Denn es wird meist gar nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Man kann mit den Dingen, die auf einen zukommen umgehen lernen. Und ich weiß jetzt schneller, wann meine Energien verbraucht sind.

WV: Auf Formaten wie Facebook oder Twitter bist du – anders als viele deiner Schauspielkollegen – nicht aktiv. Ist das eine bewusste Entscheidung deinerseits?

STRAUSS: Für mich ist das einfach nicht die richtige Ausdrucksform. Ich habe recht viel zu tun und meine Freizeit ist begrenzt, die will ich nicht mit einem virtuellen Medium verbringen. Ich habe so schon so viele Mails zu beantworten und ich möchte mich dann lieber mit Menschen treffen, denen ich wirklich in die Augen schauen kann. Ich lese lieber ein Buch oder schaue einen schönen Film. Ich bin da eben altmodisch. Mich ängstigt das Internet zu sehr und ich habe Respekt davor. Es ist so leicht, online bösartige Dinge zu schreiben und seinen Frust abzulassen. Ich denke, Menschen die leichtfertig mit diesem Medium umgehen, wissen oft gar nicht, wie sehr das andere trifft. Und wenn sie es wissen, umso schlimmer. Ich frage mich ja immer, ob die das selber verkraften würden, wenn jemand anderes so zu ihnen wäre. Machen sich die denn keine Gedanken darüber, dass das Energien sind, die sie in die Welt setzen und die auch zu ihnen zurückkommen?

WV: Hast du nicht manchmal Angst, etwas zu verpassen?

STRAUSS: Ich bin immer mit so vielen Menschen konfrontiert und habe so viel zu tun und bin dann ganz froh, wenn ich nicht alles mitbekomme. Ich bin ein neugieriger Mensch, aber so neugierig bin ich dann auch nicht. Ich glaube, ich habe keinen wirklichen Nachteil davon, dass ich mich dem entziehe. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch.

WV: Würdest du sagen, du brauchst diese Abkoppelung in deinem Leben? Könntest du dir zum Beispiel vorstellen, ein Aussteiger-Dasein zu führen?

STRAUSS: Ich brauch beides. Ein Mensch besteht aus so vielen Sehnsüchten, Schichten und Eigenschaften. Durch jede Begegnung, die man macht, kommt etwas Neues dazu. Ich brauche irgendwie alles. Ich brauche die Natur, aber auch die Stadt. Ich werde mich nicht für das eine oder andere entscheiden. Deswegen mache ich beides, lebe in der Stadt und am Land.

WV: Du bist nicht nur Schauspielerin, sondern hast auch eine Ausbildung als Kindergärtnerin. Denkst du dir manchmal, du würdest das gerne wieder mal machen? Also als Kindergärtnerin arbeiten?

STRAUSS: Nein, ich habe keine Sekunde bereut, dass ich mich anders entschieden habe. Meine Liebe zu Kindern hat sich nicht geändert, aber ich weiß, wie anstrengend der Beruf einer Erzieherin ist. Das ist nicht ohne, was diese Menschen da jeden Tag leisten. Ich bin mit Herz und Seele Schauspielerin. Das ist mein Traumberuf und ich bin sehr glücklich, dass ich so mein Leben verbringen darf.

WV: Welche Schauspielerinnen haben dich geprägt?

STRAUSS: Romy Schneider, Katharine und Audrey Hepburn. Ich habe deren Filme geliebt und habe mir immer überlegt, wie man das macht, dass man seine Gefühle so zeigt wie sie. Ich hab das dann vor dem Spiegel geübt, habe kontrolliert ob ich auch so schnell umschalten kann -gefühlstechnisch.

WV: Welche Rollen spielst du am liebsten?

STRAUSS: Schwer zu sagen. Ich mag keine glatten Rollen. Ich mag keine Abziehbilder, das langweilt mich und das interessiert mich nicht. Ich möchte mich auf die Suche nach den Ecken und Kanten machen und die Oberfläche abkratzen und darunter schauen. Ich mag Figuren, die etwas zu erzählen haben. Das kann von der Prinzessin bis zur Bettlerin alles sein – solange es eben nicht langweilig ist.

WV: Könntest du dir eine internationale Karriere als Schauspielerin vorstellen?

STRAUSS: Ich bin da relativ entspannt. Ich wollte nie meine Familie verlassen. Ich mache hier so viele tolle Sachen. Ich habe bis jetzt immer dem vertraut, was das Leben für mich bereithält. Ich denke mir, wenn es so sein soll, dann wird es schon passieren, wenn nicht, wird es auch in Ordnung sein. Allerdings muss ich sagen, dass es mich sehr interessieren würde, auf Englisch zu arbeiten.

WV: Was sind deine nächsten Pläne?

STRAUSS: Im Moment genieße ich es gerade, gar nichts zu planen. Das ist ein wirklicher Luxus für mich. Es macht mir großen Spaß zuhause zu sein. Wir bauen auch gerade ein Haus um, das ist eine neue und tolle Erfahrung und wird mich in den nächsten Monaten sehr beschäftigen. Außerdem lasse ich mich echt gern überraschen und im Moment bin ich vielleicht auch ein bisschen zu faul, um Pläne zu machen.

 

4 Antworten ohne Worte

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Deine größte Stärke?

 

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Deine Lieblingsrollen?

 

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Wenn du dich selbst im Fernsehen siehst?

 

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Das erste, was du nach dem Aufstehen machst?

 

 


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