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Ich bin stolz auf unsere Schulen

25. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Wir trafen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zum Interview und sprachen mit ihr über die Bildungsreform, die flächendeckende Gesamtschule, Schulabbrecher und Jobchancen ohne Matura.

Foto: Sebastian Philipp

WV: Wie zeitgemäß ist das österreichische Bildungssystem? In welchen Bereichen herrscht akuter Handlungsbedarf?

HEINISCH-HOSEK: Ich bin sehr stolz auf unsere Schulen und darauf, was die PädagogInnen täglich leisten. Es wurden in den vergangenen Jahren viele Initiativen gesetzt. Wir haben die Neue Mittelschule für 10- bis 14-Jährige eingeführt. Die zentrale Reife- und Diplomprüfung wird an den AHS und heuer auch flächendeckend an den Berufsbildenden Höheren Schulen durchgeführt. Bis 2018 investiert die Bundesregierung 800 Millionen Euro in den Ausbau der ganztägigen Schulen. Entwicklungspotential gibt es sicherlich noch im Bereich der Bildungsvererbung.

WV: Laut OECD-Studie erreichen nur 21 Prozent der jungen Erwachsenen ein besseres Ausbildungsniveau als ihre Eltern. Wie können andere Jugendliche bzw. auch Schulabbrecher aufgefangen werden?

HEINISCH-HOSEK: Derzeit ist gerade ein großes ressortübergreifendes Gesetzespaket zur „Ausbildungspflicht bis 18“ in Vorbereitung. Es soll vor allem helfen, Jugendliche vom frühzeitigen Schulabbruch zu schützen. Im Bereich der Bildung sehe ich einige wichtige Erfolgsfaktoren: Den frühen Bildungsbeginn – dem begegnen wir mit der Einführung des zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres. Gelingende Übergänge – daher führen wir eine neue Schuleingangsphase ein, die das letzte Kindergarten- und die beiden ersten Volksschuljahre umfasst. Späteres Trennen der Kinder – ein wichtiger Impuls, Modellregionen für die Etablierung gemeinsamer Schulen einzuführen. Der kontinuierliche Ausbau der ganztägigen Schulformen wird hier einen wichtigen Beitrag leisten. Bestehende Initiativen wie zum Beispiel das bereits sehr gut angenommene Jugendcoaching, das in Kooperation mit BMASK gemacht wird, werden weitergeführt. Es muss uns gelingen, den Jugendlichen rasch Chancen, Perspektiven und passende Angebote zu machen.

WV: Welche Chancen haben Jugendliche heutzutage am Arbeitsmarkt ohne Matura?

HEINISCH-HOSEK: Generell gilt, je höher der Bildungsabschluss, desto leichter findet man einen Job. Rund 90% der PflichtschulabsolventInnen besuchen daher österreichweit eine weitere Ausbildung. Obwohl wir europaweit stolz sind auf unsere verhältnismäßig niedrige Jugendarbeitslosigkeit, gibt es zahlreiche Qualifizierungsinitativen. Bei den Universitäts- oder FH-AbsolventInnen sieht man es deutlich: Zwei Drittel finden innerhalb der ersten drei Monate einen Job.

WV: Im Rahmen der Bildungsreform schließen Sie nicht aus, dass es bei der 15-Prozent-Regelung für die Gesamtschule noch Luft nach oben geben könnte. Was bringt eine etwaige höhere Prozentzahl, wenn parallel das Gymnasium nach wie vor bestehen bleibt?

HEINISCH-HOSEK: Im Ministerrat haben wir uns auf eine gemeinsame Schule der 6-bis 14-Jährigen verständigt. Wir haben dem Wunsch der Länder entsprochen, Modellregionen aus regionaler Perspektive zu definieren. Es hängt natürlich sehr von den Bedingungen und regionalen Gegebenheiten der Länder ab. Es geht mir nicht um Prozentsätze, es geht darum, bestmögliche Bildungsangebote für alle Kinder zu gewährleisten.

WV: Es herrscht durchaus auch der gesellschaftliche Tenor, dass sich mit der Gesamtschule die Qualität der Ausbildung verschlechtern würde. Was sagen Sie dazu?

HEINISCH-HOSEK: Wissenschaftliche Studien bestätigen die „gläserne Bildungsdecke“. Gute Lernergebnisse werden insbesondere dort erzielt, wo eine gute Durchmischung unterschiedlich talentierter Kinder erfolgt. In diesem Setting werden viele Lernmöglichkeiten für alle geboten. Ich denke nicht in Klasseneinheiten zu je 25 Kindern, in denen PädagogInnen den Kindern vorlesen oder das Wissen im Vortragsformat vermitteln. Lernen ist ein interaktiver und individualisierter Prozess. Lernen ist für mich daher ortsungebunden und keine Frage des Türschildes. Mir geht es um die pädagogisch-didaktische Kompetenz der LehrerInnen und um das gute Angebot für Kinder mit ihren unterschiedlichen Talenten, Interessen und Begabungen.

WV: Ist die Forderung nach einer flächendeckenden Gesamtschule mit der Bildungsreform in weite Ferne gerückt?

HEINISCH-HOSEK: Wir haben uns bei der Bildungsreform im Autonomiepaket auf Bildungsverbünde geeinigt. Hier wird es zwar noch eine gemeinsame Herausforderung, mit den Ländern gute regionale Angebote zu schaffen, aber unser gemeinsames Ziel ist es, vom Neusiedlersee bis zum Bodensee die bestmöglichen Bildungsangebote für unsere Kinder bieten zu können. Wir sind auf einem guten Weg.

WV: Wie würde das perfekte Bildungssystem Ihrer Meinung nach aussehen?

HEINISCH-HOSEK: In der Schule der Zukunft haben alle Kinder dieselben Möglichkeiten und Chancen. Ihre Talente und Begabungen werden individualisiert gefördert, eine Trennung der Kinder erfolgt möglichst spät. Für mich gleicht das perfekte Bildungssystem soziale oder ökonomische Nachteile aus und fördert jedes einzelne Kind. Damit sichern wir die Zukunft unserer Wissensgesellschaft, die Beschäftigungsfähigkeit und den sozialen Frieden.

WV: Im Kindergarten soll ab nun verstärkt Deutsch gefördert werden. Mit welchen Mitteln kann diese Förderung umgesetzt werden?

HEINISCH-HOSEK: Es stehen bereits jetzt Mittel für die Sprachförderung im Kindergarten zur Verfügung. Die Länder erhalten diese vom Bund gemäß einer 15a-Vereinbarung. Im Gegenzug verpflichten sie sich, die Sprachförderung diagnosegeleitet umzusetzen. Viele Kindergärten verwenden dafür ein Beobachtungsinstrument zur Sprachentwicklung,  den das Unterrichtsressort bereits im Jahr 2009 vom BIFIE entwickeln hat lassen. In diesem pädagogischen Begleitmaterial sind auch das Grundwissen über den Spracherwerb in Kindesalter sowie Leitlinien zur Förderung von Kindern im Bereich Deutsch als Zweitsprache enthalten. Außerdem wurde unter Federführung des damaligen Unterrichtsministeriums gemeinsam mit den Ländern ein pädagogischer Rahmenplan mit einem speziellen Sprachenkapitel entwickelt. Der dritte Baustein in diesem Bereich ist der seit mehreren Jahren an allen Pädagogischen Hochschulen angebotenen Lehrgänge zur frühen sprachlichen Förderung: Hier können sich KindergartenpädagogInnen das nötige elementarpädagogische Rüstzeug aneignen, um Sprachförderung nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft anbieten zu können. Das Bildungsministerium ist zwar für die Kindergärten in Österreich nicht zuständig, leistet aber dennoch einen wesentlichen Beitrag im elementarpädagogischen Bereich. Wir sehen den Kindergarten als erste Bildungseinrichtung und unterstützen daher die Länder und Gemeinden in Fragen der pädagogischen Qualität in ihren Kinderbildungseinrichtungen.

 


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