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Herbstikaldo

17. November 2015 / von / 0 Kommentare

Wortart: Adjektiv
Bedeutung: Übergang von Sommer zu Herbst.

Kolumne: Márcia Neves

Bestimmt zücken einige von euch sofort das Smartphone und googeln das Wort. Tut mir Leid euch enttäuschen zu müssen, aber das Wort ist meiner Fantasie entsprungen. Ein Neologismus, wie mein alter Deutschlehrer jetzt besserwisserisch einwerfen würde. Wenn der Sommer schwindet und die kalte Jahreszeit langsam einbricht, nenne ich diese Übergangszeit „Herbstikaldo“. Es ist noch warm genug um raus zu gehen und die Welt zu erobern, aber die winterliche Kälte lauert einem ständig auf.

Seit Jahren frage ich mich, ob es den Herbst überhaupt gibt. Für mich fühlt es sich jedes Mal so an als würden die Temperaturen von einem Tag auf den anderen schlagartig sinken. Selbst die Bäume stehen plötzlich nackt da. Doch was unternimmt man so, wenn es draußen kühler wird? Während ich im Sommer regelrecht in Freizeitstress gerate, weil ich jedes Fünkchen Sommersonne genießen will, werde ich jetzt fauler. Im binge-watching Modus ziehe ich mir eine Folge nach der anderen von „Howtogetawaywithmurder“ rein und trinke literweise Weihnachtstee.

Cultural Sundays

Damit ich aber nicht ganz verblöde, haben ein paar Freundinnen und ich beschlossen „Cultural Sundays“ einzuführen. Worum es geht? Einen Tag in der Woche hauen wir uns so viel Kultur rein, dass wir uns den Rest der Woche nicht mehr so schlecht fühlen müssen, wenn wir nur im Bett liegen und Serien schauen. Seit genau vier Wochen treffen wir uns jeden Sonntag zum Brunch in einem netten Lokal und besuchen anschließend eine Ausstellung. Bisher waren wir im Café Nil, im Leopold, im Oben und im Nascha’s. Wer es orientalisch mag, muss unbedingt mal im Nil frühstücken. Brunchen im Oben schreckt so manchen Sportmuffel ab. Doch die vielen Treppen lohnen sich, wenn „Oben” das beste Katerfrühstück der Welt auf einen wartet.

Wien ist berühmt für seine Museen, doch irgendwie vergessen wir das immer. Um ehrlich zu sein, habe ich bis vor ein paar Jahren Museen mit ätzenden Schulausflügen verbunden. Ich musste Kunst erst richtig lieben lernen und bin wirklich froh, dass ich mich auf diese Beziehung eingelassen habe. Die diesjährige World Press Photo Ausstellung im Westlicht hat mich so berührt, dass ich sogar ein paar Tränchen vergossen habe. Die VIENNAFAIR war ein Spielplatz für Kunstfanatiker und Amateure. Durch die vielen interaktiven Installationen wurden Besucher in das Projekt involviert. Ich habe mich in den Lichtinstallationen von dem Italiener Marcello Farabegoli verirrt. Beim Albertina Social Special konnte man sich triste Werke von Edvard Munch und farbenfrohe Picasso-Gemälde anschauen.

Es gibt in Wien so viel zu entdecken und zu sehen. Die kalte Jahreszeit ist genau dafür da. Gönnt euch einen kulturellen Orgasmus. Es bereichert nur euren Blick auf die Welt.

 

Foto © Philipp Lipiarski

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